Eine Hack-Nacht kippt den Uptober, Gold bietet keinen Ausweg
Bitcoin beendet den Uptober mit einem Minus von 7,4 Prozent, dem zweitschwächsten Oktober seit 2013. Schwach war der Monat schon vorher, ins klare Minus gekippt ist er in der Nacht des grössten Krypto-Diebstahls, der je erfasst wurde. Und auch Gold bot mit minus 6,9 Prozent keinen sicheren Hafen.
In 5 Minuten durch
Bitcoin schloss den Oktober bei rund 77'400 Dollar, 7,4 Prozent tiefer als Ende September. Das ist der zweitschwächste Oktober seit 2013 und der zweite negative in Folge; der Uptober ruht auf wenigen sehr starken Jahren. Den Ausschlag gab nicht die Fed: Auf den harten Zinsentscheid vom Mittwoch reagierte Bitcoin mit plus 0,6 Prozent. Der Einbruch um 5,5 Prozent begann am Donnerstagabend mit dem Hack bei Binance, bei dem rund 6,3 Milliarden Dollar gestohlen wurden. Die Spot-ETFs verloren im Oktober netto 516 Millionen Dollar. In der letzten Woche floss von Montag bis Donnerstag Geld zu, erst der Freitag nach dem Hack drehte die Woche mit einem Abfluss von 643 Millionen ins Minus. Gold fiel im Oktober um 6,9 Prozent und liegt im Jahr ähnlich tief im Minus wie Bitcoin. Am Terminmarkt wurde nach dem Schock eher neuer Hebel aufgebaut, und das Stablecoin-Angebot schrumpfte um 7,4 Milliarden Dollar. Nächste Woche zählen vor allem der Reservenachweis von Binance, die ETF-Flüsse und der Weg der gestohlenen Bitcoin.
Der Oktober sollte der starke Monat werden. Am Ende standen ein Minus bei Bitcoin, ein Milliarden-Hack bei Binance und ein Goldpreis, der fast genauso stark fiel. In diesem Update gehe ich der Frage nach, was den Monat wirklich gekippt hat und auf welchem Fundament Bitcoin in den November geht.
Oktober-Bilanz
Der Uptober war nie ein Gesetz
Bitcoin hat den Oktober bei rund 77'400 Dollar beendet. Ende September stand der Kurs noch bei 83'580 Dollar, das ergibt ein Minus von 7,4 Prozent. Ausgerechnet der Monat, den der Krypto-Markt seit Jahren als «Uptober» feiert, als den saisonal stärksten Monat des Jahres, ist damit klar ins Minus gekippt.
Es war der zweitschwächste Oktober seit 2013. Schlechter lief nur der Oktober 2014 mit einem Minus von 13,4 Prozent. Und es war der zweite negative Oktober in Folge, nach einem Minus von 3,9 Prozent im Vorjahr.
Wer an den Uptober glaubt, stützt sich meist auf den Durchschnitt. Der liegt seit 2013 bei knapp 20 Prozent, wird aber von drei Ausreissern nach oben gezogen: 2013, 2017 und 2021 brachten jeweils 40 Prozent und mehr. Der Median, also der mittlere Wert, wenn man alle Jahre der Grösse nach ordnet, liegt bei 14,8 Prozent.
Vier von vierzehn Oktobern waren negativ. Bei so wenigen Jahren ist das keine Saisonalität, auf die man eine Anlageentscheidung bauen sollte. Es ist eine Erzählung, die an ein paar sehr starken Jahren hängt.
Auch die Zykluslogik hilft wenig. In den Jahren, die wie 2026 zwei Jahre nach einem Halving liegen, endeten die Oktober bei minus 13,4, minus 4,5 und plus 5,4 Prozent. Wie der Vierjahreszyklus mit dem Wahljahr zusammenhängt, habe ich in «Bitcoins Wahljahr-Fluch folgt dem Halving» aufgeschrieben.
Wer jetzt auf einen starken November nach dem schwachen Oktober hofft, findet in der Geschichte ebenfalls wenig Halt. Nach den drei früheren negativen Oktobern stieg Bitcoin im November einmal und fiel zweimal, 2018 sogar um 37 Prozent. Drei Fälle sind keine Statistik, in die eine wie in die andere Richtung.
Für Bitcoin selbst setzt der Oktober nur einen schwachen Trend fort. Seit Jahresbeginn liegt der Kurs 11,6 Prozent im Minus und rund 38 Prozent unter dem Allzeithoch vom Oktober 2025 bei 124'800 Dollar.
Der Auslöser
Die Fed war es nicht
Am Mittwoch, 28. Oktober, liess die Fed das Zielband für den Leitzins bei 3,75 bis 4,00 Prozent. Bemerkenswert war die Abstimmung: Zehn Mitglieder stimmten dafür, zwei dagegen. Beide Abweichler, Lisa Cook und Beth Hammack, wollten den Zins um 0,25 Prozentpunkte erhöhen.
Das ist ein harter Ton, und viele hätten danach einen Rutsch bei Bitcoin erwartet. Er blieb aus. Von der Stunde vor dem Statement bis drei Stunden danach stieg Bitcoin um 0,6 Prozent, und der Tag schloss mit rund 81'250 Dollar höher, als er begonnen hatte.
Was die Sitzung für die Zinsen bedeutet, steht in «Der Ton zählt»Member. Wie man ein Fed-Statement überhaupt liest, erkläre ich in «Die Fed lesen».
Der Einbruch kam einen Tag später, und er kam auf die Stunde genau. Am Donnerstagabend um 20:05 Uhr UTC wurden die Hot Wallets von Binance geplündert, also die ständig mit dem Netz verbundenen Wallets, über die eine Börse ihre Auszahlungen abwickelt. In dieser einen Stunde fiel Bitcoin um rund 2,5 Prozent, und auf Coinbase wurden rund 1'460 Bitcoin gehandelt, nach 100 bis 500 je Stunde zuvor.
Bis in die frühen Morgenstunden des Freitags rutschte der Kurs von 80'743 auf 76'301 Dollar, ein Minus von 5,5 Prozent. Am selben Abend legte nach Börsenschluss auch Coinbase Quartalszahlen vor, deren Wirkung sich nicht sauber abgrenzen lässt. Die zeitliche Übereinstimmung mit dem Hack ist aber eng, und die Wucht der ersten Stunde passt zu einem Schock.
Der Hintergrund bleibt trotzdem unbequem. Die zehnjährige US-Rendite lag die ganze Woche um 5 Prozent, und eine Fed mit zwei Stimmen für eine Erhöhung macht wenig Hoffnung auf billigeres Geld. Den Oktober gekippt hat aber der Hack.
Binance
Sechs Milliarden in einer Nacht
Binance beziffert den Schaden auf rund 6,3 Milliarden Dollar. Die Analysefirma TRM Labs zählt auf der Blockchain 6,36 Milliarden über zehn Netzwerke und nennt es den grössten Krypto-Diebstahl, der je erfasst wurde. Das ist rund viermal so viel wie beim Hack der Börse Bybit im Februar 2025.
Dazu kamen über 200'000 Ether und Stablecoins im Wert von mehreren Milliarden. Bei den Stablecoins konnten die Herausgeber eingreifen: Tether, Circle und andere froren rund 3 Milliarden Dollar ein. Die Bitcoin dagegen wurden sofort in Stücke zu 1'000 und 100 Bitcoin aufgeteilt und weitergereicht, und sie lassen sich von niemandem sperren.
TRM ordnet den Angriff mit hoher Zuversicht der nordkoreanischen Gruppe TraderTraitor zu, derselben wie beim Bybit-Hack. Binance spricht vom kompromittierten Laptop eines Ingenieurs und von weiteren Einfallstoren, die später gefunden wurden. Hinweise auf gestohlene private Schlüssel gebe es keine, der technische Bericht steht noch aus.
Die Börse stoppte die Auszahlungen. Einzahlungen und die übrigen Dienste liefen weiter. Den Schaden trägt Binance nach eigenen Angaben selbst, aus dem Notfallfonds SAFU, einem Teil des Versicherungsfonds für Futures und eigenen Firmenmitteln. Gedeckt waren am Freitag 80 Prozent, am Samstag 90 und am Sonntag 95 Prozent. Bitcoin, Ether, USDT und die anderen grossen Werte seien vollständig ersetzt, es fehlen weniger liquide Token.
Seit Sonntagmorgen öffnet Binance die Auszahlungen in Phasen, zuerst für 15 Netzwerke, darunter Bitcoin, Ethereum, Solana und Tron. Bis Dienstag soll ein vollständiger Reservenachweis vorliegen, mit dem eine Börse zeigt, dass die Kundeneinlagen gedeckt sind. Bis dahin sind alle Deckungszahlen Selbstauskünfte der Börse.
Wie viel Geld jetzt tatsächlich abfliesst, zeigt sich erst in den nächsten Tagen. Wie die Nacht selbst ablief, steht in «Die Hack-Nacht». Was der Auszahlungsstopp für die Kunden heisst, wie viel ein Reservenachweis wirklich aussagt und wo Ansteckung droht, habe ich in «Die geschlossene Tür»Member durchgespielt.
ETF-Flüsse
Ein schlechter Freitag ist noch keine Flucht
Die US-Spot-Bitcoin-ETFs haben im Oktober netto 516 Millionen Dollar verloren. Das klingt nach Abzug, vor allem nach einem Spätsommer mit 3,54 Milliarden Zuflüssen im August und 2,65 Milliarden im September. An 13 von 22 Handelstagen floss aber Geld hinein.
Die letzte Woche zeigt das am deutlichsten. Von Montag bis Donnerstag kamen jeden Tag Zuflüsse, zusammen 440 Millionen Dollar. Dann folgte der Freitag nach der Hack-Nacht mit einem Abfluss von 643 Millionen, dem grössten des ganzen Monats. Das Wochenminus von 202 Millionen geht damit allein auf diesen einen Tag zurück.
Gemessen an früheren Wochen ist das unauffällig. Seit dem Start der Fonds im Januar 2024 gab es 46 Wochen mit grösseren Abflüssen, und allein im Mai und Juni 2026 flossen fast 6,9 Milliarden Dollar ab.
Aufschlussreicher ist, wer verkauft. BlackRocks IBIT nahm im Oktober netto 932 Millionen Dollar auf, die übrigen Fonds verloren zusammen rund 1,45 Milliarden, allen voran Fidelity, ARK und Grayscale. Ein einziger Fonds trägt die Nachfrage. Das Muster kennt man aus dem letzten Marktupdate «Gehalten, nicht getragen» und aus «Der späte Rutsch».
Ein Teil dieser Abflüsse dürfte keine Wette gegen Bitcoin sein. Hedgefonds kaufen ETF-Anteile und verkaufen gleichzeitig Futures an der Terminbörse CME, um die Preisdifferenz zwischen beiden einzustreichen. Wird dieser Basis-Trade aufgelöst, fliesst Geld aus den ETFs, ohne dass jemand auf fallende Kurse setzt.
Dazu passen die Positionsdaten. Die Short-Positionen der Hedgefonds an der CME fielen vom 6. bis zum 27. Oktober um 22 Prozent, während die Zahl aller offenen Kontrakte fast gleich blieb. Der Freitag nach dem Hack ist darin noch nicht enthalten und sieht eher nach einer Reaktion auf den Schock aus: Selbst aus IBIT flossen an diesem Tag 234 Millionen Dollar ab.
Gold
Der sichere Hafen ist mitgesunken
Wer im Oktober von Bitcoin in Gold geflüchtet wäre, hätte kaum etwas gewonnen. Gold schloss am Freitag bei 3'899 Dollar je Unze und damit unter der Marke von 4'000 Dollar. Im Oktober verlor es 6,9 Prozent, Bitcoin 7,4 Prozent.
Das ist kein Ausrutscher eines einzelnen Monats. Gold liegt 2026 bisher 10,2 Prozent im Minus, Bitcoin 11,6 Prozent. Vom Jahreshoch am 29. Januar bei 5'318 Dollar hat Gold rund 27 Prozent verloren.
Das Verhältnis zwischen beiden blieb fast gleich. Ende September kostete ein Bitcoin 19,96 Unzen Gold, Ende Oktober 19,78. Von einer Flucht aus Bitcoin in Gold oder umgekehrt ist nichts zu sehen.
Für die These vom digitalen Gold heisst das wenig. Der Oktober widerlegt sie nicht, er bestätigt sie aber auch nicht. Beide fielen gemeinsam, bei einer zehnjährigen US-Rendite um 5 Prozent. Wer mit Staatsanleihen 5 Prozent verdienen kann, hält Anlagen ohne laufenden Ertrag weniger gern, und das dürfte beide belasten.
Auffällig ist der Freitag. Der stärkste Tagesverlust von Gold im Oktober, ein Minus von 3,3 Prozent, fiel auf denselben Tag wie der grösste ETF-Abfluss bei Bitcoin, eine gemeinsame Ursache ist damit aber nicht bewiesen. Wie Gold mit der Fed zusammenhängt, habe ich in «Gold gegen die Fed»Member ausführlich aufgeschrieben.
Marktstruktur
Der Hebel wurde nicht ausgespült
Nach einem Einbruch von 5,5 Prozent in einer Nacht erwartet man normalerweise, dass gehebelte Positionen zwangsweise geschlossen werden und der Markt danach sauberer dasteht. Auf OKX, einer der grossen Derivatebörsen, sieht es anders aus.
Das Open Interest der Bitcoin-Futures, also die Summe aller offenen Positionen, stieg dort vom 28. auf den 31. Oktober von 3,47 auf 3,71 Milliarden Dollar, obwohl der Kurs fiel. Gleichzeitig wuchs das Verhältnis der Konten mit Long-Positionen zu jenen mit Short-Positionen von 1,75 auf 2,74.
Auch das Funding blieb positiv. Das ist die Gebühr, die bei Perpetuals, also Futures ohne Verfallsdatum, alle acht Stunden zwischen Käufern und Verkäufern fliesst. In der letzten Oktoberwoche zahlten die Longs umgerechnet rund 9,8 Prozent pro Jahr, etwa doppelt so viel wie in den Wochen davor, und selbst in der Hack-Nacht drehte das Funding nicht ins Negative.
Das spricht dafür, dass viele kleinere Konten den Rückgang mit Hebel kaufen. Der Markt ist damit nicht bereinigt, er trägt seinen Hebel weiter mit sich. Die Zahlen stammen von einer einzigen Börse, das Muster ist dort aber deutlich.
Gleichzeitig wird das Geld knapper, mit dem überhaupt gekauft werden kann. Das gesamte Angebot an Stablecoins, den digitalen Dollars des Krypto-Markts, sank im Oktober von 306,3 auf 299,0 Milliarden Dollar, und zwar über den ganzen Monat, nicht erst nach dem Hack. Warum fehlender Nachschub an Stablecoins für Bitcoin zählt, steht in «Ohne Nachschub»Member.
Die Stimmung hat den Schock dagegen voll mitgemacht. Der Fear-and-Greed-Index fiel von 51 vor dem Hack auf 30 und steht heute bei 34, im Bereich der Angst. Ob so ein Wert ein Kaufsignal ist, habe ich in «Angst kaufen?» untersucht.
Nächste Woche
Worauf es ab Montag ankommt
Die Woche beginnt mit Konjunkturdaten. Am Montag kommt der ISM-Index für die Industrie, am Mittwoch der für die Dienstleister, beide um 10 Uhr New Yorker Zeit. Am Dienstag finden in den USA die Zwischenwahlen zum Kongress statt.
Für Bitcoin dürfte der Dienstag noch aus einem anderen Grund zählen: Bis dahin will Binance den vollständigen Reservenachweis vorlegen. Am Freitag folgen der US-Arbeitsmarktbericht für Oktober und die ersten CME-Positionsdaten nach dem Hack.
Beobachten werde ich vor allem vier Dinge: ob der Freitag bei den ETFs ein Einzeltag bleibt, wie viel Geld Binance nach der Wiederöffnung verlässt, ob sich die 18'270 gestohlenen Bitcoin in Richtung Börsen bewegen und ob der Hebel auf OKX weiter wächst. Keine dieser Fragen lässt sich heute beantworten, alle werden in den nächsten Tagen sichtbar.
Ein Schock auf dünnem Boden
Am Kalender ist der Uptober nicht gescheitert, an der Fed auch nicht. Er war schon vorher schwach: Nach dem Hoch Anfang Oktober lag Bitcoin die meiste Zeit unter dem Startwert, die ETF-Flüsse schwankten, und das Stablecoin-Angebot schrumpfte. Ins klare Minus gekippt hat ihn eine einzige Nacht.
Das Fundament für den November ist gemischt. Die ETF-Abflüsse sind klein, IBIT kauft weiter, und ein Teil der Verkäufe passt zum Abbau des Basis-Trades. Binance meldet 95 Prozent Deckung und öffnet die Auszahlungen.
Dagegen stehen ein Markt, der nach dem Schock eher Hebel aufgebaut als abgebaut hat, ein schrumpfendes Stablecoin-Angebot und Gold, das genauso fällt wie Bitcoin. Einen sicheren Hafen, der steigt, gibt es im Moment nicht. Und vier negative Oktober in vierzehn Jahren sollten reichen, um den Kalender als Kaufgrund in Rente zu schicken.
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