Kurzer Ausflug
Bitcoin ist über Nacht um gut 1 Prozent gestiegen und hat den Gewinn bis zum Morgen grösstenteils wieder abgegeben. Öl, Japan und die US-Börsenaufsicht liefern Stoff für die kommenden Wochen. Für heute zählt vor allem der US-Dienstleistungsindex um 16 Uhr.
Guten Morgen. Bitcoin hat in der Nacht eine kurze Runde nach oben gedreht. In der Spitze kostete er fast 87'000 Dollar, um 6:25 Uhr waren es wieder rund 85'770 Dollar. Keine der Meldungen dieser Nacht erklärt diesen Ausflug, und die wichtigsten von ihnen wirken eher über Wochen als über Stunden.
Bitcoin über Nacht
Ein Anstieg ohne Hebel
Zwischen 21 Uhr und 4:30 Uhr stieg Bitcoin von rund 85'320 auf rund 86'420 Dollar, ein Plus von 1,3 Prozent. Der grösste Teil der Bewegung fiel in die Stunde nach Mitternacht, in der auch am meisten gehandelt wurde. Danach bröckelte der Kurs ab. Um 6:25 Uhr lag Bitcoin nur noch rund 0,5 Prozent über dem Stand vom Vorabend.
Aufschlussreich ist der Terminmarkt. Dort zeigt das sogenannte Open Interest, wie viele Kontrakte gerade offen sind. Bei den Bitcoin-Futures von Binance blieb diese Zahl über Nacht praktisch unverändert bei rund 98'500 BTC. Hätten Händler den Anstieg mit geliehenem Geld gejagt, wäre sie gestiegen.
Auch die Funding Rate blieb ruhig. Das ist die Gebühr, die bei solchen Kontrakten zwischen Käufern und Verkäufern fliesst, und sie steigt, wenn viele mit Hebel auf steigende Kurse setzen. Mit 0,0072 Prozent pro acht Stunden lag sie leicht unter dem Standardsatz von 0,01 Prozent. Ein Anstieg ohne neuen Hebel hinterlässt keine überdehnten Positionen, die bei einem Rücksetzer zwangsweise geschlossen werden müssten. Er sagt aber auch wenig darüber, wohin es als Nächstes geht.
Öl
Raketen auf Khurais
Die Huthi-Miliz aus Jemen erklärte am Montag, sie habe Anlagen des saudischen Ölkonzerns Aramco in Riad und im Fördergebiet Khurais mit ballistischen Raketen und Drohnen angegriffen. Khurais gehört zu den wichtigsten Ölfeldern Saudi-Arabiens. Ob Anlagen beschädigt wurden oder die Förderung ausfällt, ist bisher nicht bestätigt.
Der Ölmarkt reagierte gelassen. Die Brent-Futures stiegen um 0,8 Prozent auf 103,06 Dollar je Fass, nachdem sie am Morgen bei rund 102,3 Dollar gelegen hatten. Ein neues Hoch ist das nicht. Mitte September kostete ein Fass Brent am Spotmarkt bis zu 130,80 Dollar, der Preis ist also hoch, aber deutlich unter der Spitze vom September.
Am Sonntag hatte die Kerngruppe der OPEC+ beschlossen, ihr Förderziel für November nicht zu verändern, zum zweiten Mal in Folge. Die geplanten Erhöhungen dieses Jahres stehen wegen des Nahost-Konflikts ohnehin weitgehend nur auf dem Papier. Die sieben Kernländer förderten im August rund 25 Millionen Fass pro Tag, etwa 5 Millionen weniger als im Februar vor dem Krieg. Einen Ausgleich für mögliche Ausfälle bietet das Kartell damit nicht.
Zu Bitcoin führt ein indirekter Weg. Teureres Öl kann die Inflationserwartungen anheben, und dann fällt es der Fed schwerer, die Zinsen zu senken. Knapperes Geld belastet riskantere Anlagen wie Bitcoin. Mit einem Plus von 0,8 Prozent kommt diese Kette heute kaum in Gang. Zum Risiko wird sie erst, wenn aus der Behauptung der Huthis echte Ausfälle werden.
Japan
Ein früherer Verfechter des billigen Geldes
Asahi Noguchi, früher Mitglied im Direktorium der Bank of Japan, hält eine Zinserhöhung im Dezember von 1,25 auf 1,5 Prozent für gut möglich. Japan brauche keine expansive Geld- und Fiskalpolitik mehr, sagte er in einem Interview. Im Oktober dürfte die Notenbank dagegen eher stillhalten, weil eine Zinserhöhung in den USA im Oktober unwahrscheinlicher geworden sei.
Das Gewicht der Aussage kommt vom Absender. Noguchi galt als Reflationist, also als jemand, der mit billigem Geld die Preise wieder in Gang bringen wollte. 2024 stimmte er noch gegen das Ende der Negativzinsen, danach für zwei Erhöhungen. Wenn ausgerechnet er weitere Schritte erwartet, zeigt das, wie weit sich die Debatte in Japan verschoben hat. Langfristig hält er 1,75 oder sogar 2 Prozent für möglich, abhängig von der Fed und vom Nahost-Konflikt.
Beim Tempo ist Noguchi eher vorsichtig. Er rechnet mit einem einzelnen Schritt um 0,25 Prozentpunkte, während ein anderer früherer Notenbanker Ende September schon eine Erhöhung im Oktober für möglich hielt.
Für Bitcoin wird Japan über den Yen wichtig. Viele Investoren leihen sich günstig Yen und legen das Geld in Anlagen mit höherer Rendite an, im sogenannten Carry-Trade. Steigt der Yen plötzlich, müssen solche Positionen aufgelöst werden, und das zieht Geld aus riskanten Anlagen ab, wie im August 2024 auch bei Bitcoin. Diese Kette kommt aber vor allem bei Überraschungen in Gang, und ein erwarteter Schritt im Dezember ist keine. Für heute ist Japan deshalb ein Merkposten für den Dezember.
Regulierung
Neue Regeln für die Verwahrung
Die US-Börsenaufsicht SEC hat am 1. Oktober einen Vorschlag vorgelegt, wie Vermögensverwalter und Fonds Krypto-Assets verwahren dürfen. Unter bestimmten Bedingungen sollen sie die Werte selbst aufbewahren können, und staatlich lizenzierte Trust-Gesellschaften sollen als Verwahrer zugelassen werden. Am Tag darauf schrieb SEC-Chef Paul Atkins, die bisherigen Regeln stammten aus dem Jahr 1940 und hätten nur traditionelle Vermögenswerte vorgesehen. Und er kündigte an: «More regulatory proposals are on the horizon.»
Die SEC handelt damit über ihre eigene Zuständigkeit, nachdem der CLARITY Act, ein Gesetz für die Struktur der Kryptomärkte, im September im Senat gescheitert ist. Noch ist es ein Vorschlag. Nach der Veröffentlichung im Federal Register, dem Amtsblatt der US-Regierung, läuft eine Kommentarfrist von 60 Tagen, danach muss die SEC die Regel endgültig beschliessen.
Für Bitcoin ist das ein Strukturthema. Für einen Vermögensverwalter ist die Frage, wo und wie er Bitcoin für seine Kunden aufbewahren darf, eine ganz praktische Hürde. Klare Regeln senken sie und machen es Fonds und Verwaltern leichter, Bitcoin zu halten. Diese Wirkung entfaltet sich über Monate und erst mit der endgültigen Regel, auf den Kurs von heute hat sie kaum Einfluss.
Mining
Die Miner arbeiten nahe am Rekord
Alle 2'016 Blöcke, also etwa alle zwei Wochen, legt das Bitcoin-Netzwerk neu fest, wie schwer es ist, einen Block zu finden. Diese Mining-Schwierigkeit sorgt dafür, dass im Schnitt alle zehn Minuten ein Block entsteht. Die letzte Anpassung am 3. Oktober war mit minus 0,03 Prozent praktisch eine Nullrunde. Damit liegt die Schwierigkeit bei 132,72 Billionen, kaum unter dem Rekord, den sie am 19. September erreicht hatte.
Für die nächste Anpassung um den 17. Oktober zeichnet sich ein Rückgang von rund 2,8 Prozent ab. Diese Schätzung beruht auf erst 257 von 2'016 Blöcken und kann bis dahin noch deutlich drehen. Die Hashrate, also die gesamte Rechenleistung im Netz, liegt im Sieben-Tage-Schnitt sogar etwas höher als in der Vorwoche. Ein Rückzug der Miner ist nicht zu sehen.
Für Bitcoin führt der Weg über die Kosten der Miner. Sinkt die Schwierigkeit, kostet jeder Block weniger Rechenaufwand, und der Druck auf die Miner, Bestände zu verkaufen, nimmt ab. Bei einer Anpassung um wenige Prozent bleibt dieser Effekt auf den Kurs allerdings klein.
Heute um 16 Uhr
Um 16 Uhr Schweizer Zeit veröffentlicht das Institute for Supply Management seinen Index für den US-Dienstleistungssektor im September. Werte über 50 zeigen Wachstum, und im August stand der Index mit 55,4 im 26. Wachstumsmonat in Folge. Erwartet werden 55,1. Weicht das Ergebnis nur um wenige Zehntel ab, bewegt das die Märkte meist kaum.
Mehr Gewicht hat der Teilindex für die Preise, die Unternehmen für ihre Vorleistungen zahlen. Gerade mit Öl über 100 Dollar zeigt er, ob der Preisdruck in der Wirtschaft ankommt. Die übliche Lesart sagt: Ein schwacher Index senkt die Zinserwartungen, schwächt den Dollar und hilft Bitcoin. Steigt aber gleichzeitig der Preisindex, kann ein schwaches Gesamtergebnis auch als Zeichen für Stagflation gelesen werden, also für schwaches Wachstum bei hoher Inflation. Dann trägt die Faustregel nicht mehr.
Für den Tag heisst das: Der Ausflug der Nacht hatte keinen erkennbaren Auslöser und kam ohne neuen Hebel. Öl und Japan sind Risiken für die nächsten Wochen, die Regeln der SEC wirken über Monate. Für heute zählt vor allem, was der Preisindex um 16 Uhr zeigt.
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