Angst kaufen?
Der Angst-und-Gier-Index steht bei 30, und die alte Regel «Kaufe, wenn andere Angst haben» macht wieder die Runde. Über die ganze Geschichte seit 2018 haben Bitcoin-Käufe bei Angst die Käufe an beliebigen Tagen nicht verlässlich geschlagen, bei extremer Angst schnitten sie sogar eher schlechter ab.
In 5 Minuten durch
Der Angst-und-Gier-Index von alternative.me misst zu einem grossen Teil, was der Bitcoin-Kurs in den letzten Wochen getan hat. Seit Februar 2018 schnitten Käufe bei extremer Angst nicht besser ab als Käufe an beliebigen Tagen: nach 30 Tagen gleichauf, nach 90 Tagen und nach einem Jahr schlechter. In den Bärenmärkten 2018 und 2022 hielt extreme Angst monatelang an, nach dem ersten Signal ging es noch 64 beziehungsweise 71 Prozent tiefer. Ein Stand um 30 war historisch weder ein Schnäppchen noch ein Warnsignal.
Am Donnerstag zeigte der Index noch 51, am Freitag stand er auf 30. Die naheliegende Frage lautet: Ist das jetzt die Gelegenheit, von der alle reden? Ich wollte das nicht aus dem Bauch beantworten und habe jeden Indextag seit Februar 2018 gegen den Bitcoin-Kurs gelegt.
Ausgangslage
Von Gier auf Angst an einem Tag
In der ersten Oktoberhälfte lag der Index zwischen 57 und 74, also klar im Bereich Gier. Am 29. Oktober stand er noch bei 51, neutral. Einen Tag später, mit dem Kursrutsch nach dem Hack bei Binance, den das Morning Briefing «Die Hack-Nacht» beschreibt, fiel er auf 30. Seither steht er dort.
Bitcoin schloss am 30. Oktober bei rund 77'110 Dollar. Das sind 38 Prozent weniger als beim Rekordschluss von rund 124'800 Dollar im Oktober 2025. Allein in den letzten 30 Tagen verlor der Kurs 7,7 Prozent.
Auf solche Tage passt eine der bekanntesten Börsenregeln: Kaufe, wenn andere Angst haben. Selbst der Anbieter des Index, alternative.me, schreibt, extreme Angst könne ein Zeichen dafür sein, dass Anleger zu besorgt sind, und damit eine Kaufgelegenheit. Diese These prüft der Bericht, mit jedem Indextag seit dem 1. Februar 2018 und dem Bitcoin-Schlusskurs desselben Tages.
Ein kleiner Zufall zum Einstieg: Auch der allererste Wert der Indexgeschichte, am 1. Februar 2018, lag bei 30. Bitcoin kostete damals rund 9'040 Dollar und stand ein Jahr später 62 Prozent tiefer. Ein einzelner Tag beweist nichts, er zeigt nur, warum man die ganze Geschichte braucht und kein Lieblingsbeispiel.
Was der Index misst
Mehr Kurs als Stimmung
Der Index fasst sechs Bausteine zu einer Zahl zwischen 0 und 100 zusammen. Je tiefer der Wert, desto grösser die Angst. Die Hälfte des Gewichts entfällt auf zwei reine Marktgrössen: auf die Volatilität, also wie stark der Kurs gerade schwankt und wie tief er zuletzt gefallen ist, und auf die Kursdynamik samt Handelsvolumen, mit je 25 Prozent.
Der Rest verteilt sich auf Beiträge in den sozialen Medien (15 Prozent), auf Umfragen (15 Prozent), auf den Anteil von Bitcoin am gesamten Kryptomarkt (10 Prozent) und auf Google-Suchanfragen (10 Prozent). Die Umfragen sind laut alternative.me derzeit pausiert. Damit stammen mindestens 60 Prozent des Index aus Marktdaten, je nachdem, wie das Gewicht der Umfragen verteilt wird, eher gegen 70 Prozent.
Wie viel Kurs im Index steckt, zeigt ein einfacher Vergleich. Der Indexwert läuft eng mit der Kursveränderung der letzten 30 Tage mit, die Korrelation liegt bei 0,70 (bei 1 würden beide perfekt gleich laufen). Zusammen mit dem Abstand des Kurses zu seinem 200-Tage-Schnitt, dem Durchschnitt der letzten 200 Schlusskurse, erklärt sie rund zwei Drittel aller Bewegungen des Index.
Von allen Tagen mit extremer Angst lagen 94 Prozent unter diesem 200-Tage-Schnitt, von den Tagen mit extremer Gier kein einziger. Angst heisst im Index meistens schlicht, dass der Kurs schon gefallen ist. Ob er weiter fällt, sagt die Zahl nicht. Wie der Index im Alltag gelesen wird, steht kurz im Morning Briefing «Ruhe vor Warsh».
Die Zonen
Angst ist der Normalfall
Der Anbieter teilt die Skala in fünf Zonen: extreme Angst bis 25, Angst von 26 bis 46, neutral von 47 bis 54, Gier von 55 bis 75 und extreme Gier ab 76. Ein Wert von 30 ist also Angst, keine extreme Angst. Dieser Unterschied wird später noch wichtig.
Von 3'191 Indextagen entfielen 23 Prozent auf extreme Angst und 29 Prozent auf Angst. Neutral war der Index nur an 13 Prozent der Tage. Angst ist bei Bitcoin also kein seltener Ausnahmezustand, den man einmal im Zyklus erwischt, die Zone Angst ist sogar die häufigste von allen.
Allerdings ballt sich die Angst stark in bestimmten Jahren. 2022 zeigte der Index an 57 Prozent aller Tage extreme Angst, 2018 an 42 Prozent und 2026 bis Ende Oktober an 45 Prozent. In den Jahren 2023 und 2024 kam extreme Angst dagegen fast nie vor. Wann jemand kauft und welche Stimmung gerade herrscht, hängt also eng zusammen, und das spielt im Test eine grosse Rolle.
Der Test
Angst schlägt den Zufall nicht
Der Test ist einfach. Für jeden Tag seit Februar 2018 steht fest, in welcher Zone der Index lag und wie sich Bitcoin danach entwickelte, nach 30, 90 und 365 Tagen. Gemessen wird am Median, dem mittleren Fall: Die Hälfte der Käufe lag darüber, die andere Hälfte darunter.
Verglichen wird immer mit Käufen an beliebigen Tagen, weil Bitcoin seit 2018 von rund 9'000 auf rund 77'000 Dollar gestiegen ist. In einem solchen Markt sieht fast jeder Kauf nach einem Jahr gut aus. Gefragt ist deshalb, ob Angstkäufe mehr brachten als Käufe ohne jedes Signal.
Nach 30 Tagen lagen Käufe bei extremer Angst im Median bei plus 1,4 Prozent, Käufe an beliebigen Tagen bei plus 1,5 Prozent. Das ist praktisch gleichauf. Nach 90 Tagen kippte das Bild: Extreme Angst kam im Median auf minus 3,8 Prozent, als einzige Zone im Minus, beliebige Tage auf plus 3,4 Prozent.
Nach einem Jahr lag der mittlere Kauf bei extremer Angst bei plus 34,8 Prozent, an beliebigen Tagen bei plus 41,4 Prozent. Die Zone Angst, in der der Index heute steht, kam auf plus 45,4 Prozent und lag damit etwa gleichauf mit dem Zufall. Einen Vorsprung, der die Faustregel stützen würde, gibt es in keinem der drei Zeiträume.
Die Trefferquote, also der Anteil der Käufe, die am Ende des Zeitraums im Plus lagen, erzählt dieselbe Geschichte. Nach 90 Tagen lagen nur 46 Prozent der Käufe bei extremer Angst vorne, bei beliebigen Tagen waren es 54 Prozent. Mehr als die Hälfte der Angstkäufe war nach drei Monaten im Minus.
Und die Gier? Kurzfristig schnitt ausgerechnet extreme Gier am besten ab, mit plus 5,9 Prozent nach 30 Tagen und plus 10,1 Prozent nach 90 Tagen. Wenn Bitcoin läuft, läuft er oft eine Weile weiter. Erst über ein Jahr fiel extreme Gier mit plus 16 Prozent klar zurück, und das ist der einzige Teil der Faustregel, den die Zahlen hergeben.
Im Chart fällt die hohe Säule bei neutral nach einem Jahr auf. Sie hat mit der Zone wenig zu tun: Neutrale Tage ballten sich in der frühen Erholung 2023, als mehr als ein Drittel aller Tage neutral war, und Käufe aus jenem Jahr liefen danach stark. Das ist ein Kalendereffekt und kein Kaufsignal.
Streuung
Breite Spannen, tiefe Zwischenverluste
Die Unterschiede zwischen den Zonen betragen wenige Prozentpunkte, die Spannen innerhalb jeder Zone sind dagegen riesig. Nach einem Jahr lag bei extremer Angst das schlechteste Zehntel der Käufe bei minus 42 Prozent oder tiefer, das beste Zehntel bei plus 210 Prozent oder mehr. Bei Käufen an beliebigen Tagen war die Spanne ähnlich breit, von minus 45 bis plus 265 Prozent.
Neben dem Ergebnis zählt, was man unterwegs aushalten muss. Wer bei extremer Angst kaufte, sah im mittleren Fall innerhalb des folgenden Jahres irgendwann einen Kurs 37 Prozent unter dem Kaufpreis. Bei beliebigen Tagen waren es 24 Prozent. Angstkäufe brachten also keinen Vorsprung, dafür tiefere Zwischenverluste.
Warum hält sich der gute Ruf der Angstkäufe trotzdem so hartnäckig? Ein grosser Teil davon geht auf einen einzigen Monat zurück. Wer am 9. März 2020 bei rund 7'900 Dollar kaufte, am ersten Tag extremer Angst im Corona-Crash, hatte ein Jahr später ein Plus von 593 Prozent.
Diese eine Phase hebt den Durchschnitt der Zone stark an. Mit ihr liegt der Ein-Jahres-Durchschnitt bei extremer Angst bei plus 94,5 Prozent und damit über dem aller Tage (plus 79,1 Prozent). Ohne März und April 2020 bleiben plus 29,2 Prozent, weit unter den plus 65 Prozent aller Tage.
Wer mit Durchschnittswerten für Angstkäufe wirbt, zeigt deshalb vor allem den März 2020. Der Median ist die ehrlichere Zahl, und er spricht nicht für die Angst.
Trend
Angst im Aufwärtstrend war ein Warnzeichen
Für Einsteiger hilft eine einfache Trennung: Lag der Kurs am Kauftag über oder unter seinem 200-Tage-Schnitt? Liegt er darüber, zeigt der grössere Trend nach oben. Liegt er darunter, steckt Bitcoin in einem Abwärtstrend.
Unter dem 200-Tage-Schnitt, wo fast alle Tage extremer Angst liegen, brachte der Index kaum zusätzliches Wissen. Käufe bei extremer Angst schnitten dort ungefähr so ab wie alle anderen Tage im Abwärtstrend, nach einem Jahr mit plus 38,6 gegen plus 44,1 Prozent. Im Abwärtstrend ist Angst der Normalzustand, und ein Normalzustand ist kein Signal.
Über dem 200-Tage-Schnitt war extreme Angst selten, sie kam nur an 42 Tagen vor. Wenn sie auftrat, war das ein schlechtes Zeichen: Ein Jahr später lagen diese Käufe im Median 18,2 Prozent im Minus, während alle Tage im Aufwärtstrend im Median 36 Prozent zulegten. Auch gewöhnliche Angst über dem Schnitt brachte nach einem Jahr nur plus 11 Prozent.
Diese Tage fielen in den Februar 2018, den Mai 2021, den November und Dezember 2021, den Februar und März 2025 und den Oktober 2025. Das waren jeweils die ersten Wochen grösserer Rückgänge. Angst bei noch intaktem Trend war in der Vergangenheit eher der Anfang einer Schwächephase als ihr Ende, auch wenn die Zahl der Fälle klein ist.
Das erste Signal
Wer beim ersten Angsttag kaufte
Die vielen Kauftage täuschen eine Genauigkeit vor, die es nicht gibt. Aufeinanderfolgende Tage teilen fast denselben Zeitraum, wer am Montag und am Dienstag kauft, macht praktisch denselben Kauf. Zählt man nur Phasen extremer Angst, die mindestens 30 Tage auseinanderliegen, bleiben seit 2018 genau 14, davon 13 mit einem vollständigen Jahr danach.
Im mittleren Fall lag ein solcher Kauf nach einem Jahr 23 Prozent im Minus. Die grössten Gewinner waren der März 2020 mit plus 593 Prozent und der Juli 2024 mit plus 103 Prozent. Der schlimmste Fall begann am 27. November 2021 und lag ein Jahr später 70 Prozent im Minus.
Das Muster dahinter passt zum Trend. Alle fünf Gewinner begannen, als der Kurs schon unter dem 200-Tage-Schnitt lag, also spät in einem Rückgang. Sechs der acht Verlierer begannen, als er noch darüber lag, am Anfang eines Rückgangs. Im Rückblick ist das klar zu sehen, im Moment selbst weiss niemand, ob er früh oder spät dran ist.
Gegenprobe
Monate der Angst: 2018 und 2022
Wie lange Angst anhalten kann, zeigen die zwei grossen Bärenmärkte. Von Februar bis Dezember 2018 stand der Index an 42 Prozent aller Tage auf extremer Angst und an 86 Prozent auf Angst oder extremer Angst. Das erste Signal kam schon am 2. Februar 2018, bei einem Kurs von rund 8'790 Dollar.
Bis zum Tief am 15. Dezember 2018 bei rund 3'190 Dollar fiel Bitcoin danach noch um 64 Prozent, über mehr als zehn Monate. Den Kurs vom 2. Februar erreichte er erst im Mai 2019 wieder, 479 Tage später. Wer an irgendeinem Tag extremer Angst vor dem Tief kaufte, verlor bis zum Tief im mittleren Fall noch die Hälfte.
2022 war es noch härter. Vom Rekord im November 2021 bis Ende 2022 zeigte der Index an 53 Prozent der Tage extreme Angst. Die längste Serie der ganzen Geschichte begann am 6. Mai 2022, in der Zeit von Terra/Luna und den Problemen bei Celsius und Three Arrows Capital, und dauerte 74 Tage am Stück.
Der erste Tag extremer Angst nach dem Rekord war der 27. November 2021, bei rund 54'600 Dollar. Bis zum Tief im November 2022 bei rund 15'760 Dollar ging es danach noch 71 Prozent tiefer. Diesen Einstiegskurs sah Bitcoin erst im Februar 2024 wieder, 822 Tage später.
Am 9. November 2022, dem tiefsten Schlusskurs des ganzen Bärenmarkts, stand der Index bei 29. Das ist Angst, keine extreme Angst. Erst beim zweiten, praktisch gleich tiefen Tief am 21. November zeigte er 21. Extreme Angst hatte der Index da schon seit einem Jahr immer wieder gemeldet, bei viel höheren Kursen. Ein verlässliches Signal für den Boden war das nicht.
Auch die jüngste Vergangenheit kennt lange Angstphasen. 2026 gab es Serien extremer Angst von 46 und 35 Tagen am Stück. Wer am ersten Tag der Phase ab dem 12. Oktober 2025 bei rund 115'200 Dollar kaufte, lag ein Jahr später 29 Prozent im Minus.
Gegenrechnung
Der Kurschart hätte dasselbe gesagt
Wenn der Index vor allem den Kurs abbildet, müsste ein reines Kurssignal ähnlich abschneiden. Das tut es auch. Als Vergleich dienen alle Tage, an denen Bitcoin in den 30 Tagen davor um 11,6 Prozent oder mehr gefallen war, also das schwächste Fünftel aller Tage.
Diese Tage brachten nach einem Jahr im Median plus 30,8 Prozent, Tage mit extremer Angst plus 34,8 Prozent. Nach 30 Tagen lagen beide praktisch gleichauf. Zwei Drittel dieser Tage waren ohnehin Tage extremer Angst, und innerhalb solcher Rückgänge machte es kaum einen Unterschied, ob der Index zusätzlich extreme Angst zeigte oder nicht.
Auch strengere Rechnungen ändern das Ergebnis nicht. Nimmt man die drei stärksten Angstphasen heraus, März und April 2020 sowie Mitte und Ende 2022, schneidet extreme Angst sogar schlechter ab: nach einem Jahr plus 17,4 Prozent gegen plus 36,6 Prozent an beliebigen Tagen. Rechnet man so, dass sich die Zeiträume nicht überlappen, also bei drei Monaten nur mit jedem 90. Tag und bei einem Jahr nur mit jedem 365., bleibt die Reihenfolge gleich.
Kein Ergebnis zugunsten der Angstzonen übersteht alle diese Rechnungen. Am stabilsten ist der umgekehrte Befund: Extreme Angst war auf drei Monate eher schlechter als der Zufall, und extreme Gier war auf ein Jahr schlechter.
Heute
Was ein Stand um 30 bedeutete
Einen Indexstand zwischen 25 und 35 gab es an 535 Tagen, an gut jedem sechsten Tag der Geschichte, am häufigsten in den Angstjahren 2022, 2018 und 2026. Nach 90 Tagen lag der mittlere Kauf danach knapp im Minus, nach einem Jahr bei plus 28,2 Prozent. Käufe an beliebigen Tagen kamen nach einem Jahr auf plus 41,4 Prozent.
Auch hier ist die Spanne enorm. Lässt man das beste und das schlechteste Zehntel weg, reichte das Ergebnis nach einem Jahr von minus 53 bis plus 155 Prozent, und im mittleren Fall fiel der Kurs unterwegs 34 Prozent unter den Kaufpreis. Ein Stand um 30 war in der Vergangenheit weder ein Schnäppchen noch ein Warnsignal, eher etwas schwächer als der Durchschnitt.
Zur heutigen Lage gehört ein zweites Merkmal. Der Kurs liegt seit dem 19. August wieder über seinem 200-Tage-Schnitt, nach 289 Tagen am Stück darunter. Diese Kombination aus einem Index um 30 und einem Kurs über dem Schnitt gab es seit 2018 in 13 abgeschlossenen Phasen. Nach Phasen gezählt war es ein Münzwurf mit sechs Gewinnen und sieben Verlusten nach einem Jahr, nach Tagen gewichtet überwiegen die Verluste, weil die schlechten Phasen länger dauerten.
Ein Muster, das Gewinner und Verlierer sauber trennt, zeigen so wenige Fälle nicht. Verluste gab es knapp unter dem Rekord, wie 2021 und 2025, aber auch im Juli 2019, als Bitcoin ähnlich weit unter seinem Hoch stand wie heute, und im Februar 2018 sogar noch tiefer darunter. Gewinne gab es nach langen Rückgängen wie 2020 und 2023, aber auch 2024 nahe am Rekord. Ein Kaufsignal lässt sich daraus nicht ableiten: Sechs Gewinne und sieben Verluste in 13 Phasen sind zu wenige Fälle für eine Regel, und sie beschreiben nur die Vergangenheit.
Ein Thermometer, kein Kompass
Hilft der Angst-und-Gier-Index beim Kaufen? Über die ganze Geschichte seit 2018 lautet die Antwort: nicht als Regel. Käufe bei extremer Angst schnitten nach 30 Tagen gleich ab wie Käufe an beliebigen Tagen und nach 90 Tagen und einem Jahr schlechter. Die Zone Angst, in der der Index heute steht, lag etwa gleichauf mit dem Zufall.
Der Grund liegt in der Bauweise. Der Index misst vor allem, was der Kurs in den letzten Wochen getan hat. Er zeigt verlässlich an, dass der Markt unter Druck steht und viele nervös sind, und er kann helfen, die eigene Nervosität einzuordnen. Einen guten Kaufzeitpunkt zeigt er nicht an, denn im Abwärtstrend ist Angst der Normalzustand und kann monatelang anhalten.
Die Faustregel lebt von wenigen spektakulären Fällen wie dem März 2020 und vom langen Anstieg von Bitcoin, der fast jeden Kauf nach einem Jahr gut aussehen liess. Wann im Zyklus jemand kaufte, zählte weit mehr als der Indexwert am Kauftag: Der mittlere Ein-Jahres-Ertrag aller Kauftage reichte je nach Einstiegsjahr von minus 40 Prozent für 2021 bis plus 323 Prozent für 2020. Wer bei einem Stand von 30 nach einem Signal sucht, findet in diesen Daten keines, weder für noch gegen einen Kauf.
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