Allein offen
Bitcoin hat die Nacht ruhig bei rund 81'500 Dollar verbracht. Die Nachrichten kamen aus dem US-Handel am Freitag: teures Öl, ein Ausverkauf bei KI-Aktien und deutlich fallende Zinsen. Heute ist Bitcoin der einzige offene Markt.
In 5 Minuten durch
Bitcoin stabilisierte sich über Nacht zwischen 80'917 und 81'715 Dollar, der Terminmarkt ist neutral. Am Freitag fiel Bitcoin mit den KI-Aktien, der VIX stieg kurz über 22, und die CoreWeave-CDS stehen auf Rekord. Brent schloss bei 109,86 Dollar, die USA geben weitere Barrel aus der strategischen Reserve frei, und Trump setzt die neuen Russland-Zölle fest und gleich wieder aus. Die zehnjährige Rendite fiel in der Woche so stark wie seit Februar nicht mehr, T-Bills rentieren deutlich über dem Repo-Satz, und das Defizit liegt bei fast 2 Billionen Dollar. Heute handelt nur Bitcoin.
Guten Morgen. Bitcoin hat sich über Nacht gefangen und steht am Samstagvormittag bei rund 81'600 Dollar. Die eigentlichen Ereignisse liegen im gestrigen US-Handel, und bis Sonntagabend muss Bitcoin sie allein verarbeiten.
Bitcoin
Stabil, aber noch nicht erholt
Gestern Abend um 21 Uhr stand Bitcoin bei 81'023 Dollar. Über Nacht pendelte der Kurs zwischen 80'917 und 81'715 Dollar, um 10 Uhr notierte er bei rund 81'600 Dollar, rund 0,7 Prozent höher als am Vorabend. Der Handel war dabei sehr dünn: Nach Mitternacht wechselten auf der Börse Kraken meist weniger als 40 Bitcoin pro Stunde den Besitzer.
Die Nacht hat den Kurs beruhigt, den Verlust vom Freitag aber nicht aufgeholt. Gestern war Bitcoin im Gleichschritt mit den Tech-Aktien vom Tageshoch bei 82'826 Dollar bis auf 80'705 Dollar gefallen. Das Tief kam um 19 Uhr, mitten im Ausverkauf an der Wall Street.
Am Terminmarkt ist keine Nervosität zu sehen. Die offenen Positionen in Perpetuals, also Bitcoin-Terminkontrakten ohne Verfallsdatum, sanken auf Binance über Nacht nur um rund 0,5 Prozent. Die Funding Rate, die Gebühr, die Käufer und Verkäufer dieser Kontrakte untereinander zahlen, liegt mit 0,01 Prozent auf dem neutralen Standardwert. Händler bauen also weder neuen Hebel auf, noch werden sie aus ihren Positionen gedrängt.
Volatilität
Die Angst kam mit den KI-Aktien
Der VIX misst, wie stark Anleger Schwankungen beim S&P 500 erwarten, abgeleitet aus Optionspreisen. Gestern stieg er im Tagesverlauf bis auf 22,31 Punkte, zum ersten Mal seit rund vier Monaten über 22. Zum Handelsschluss stand er bei 19,99 Punkten, 21 Prozent höher als am Vortag.
Auslöser war ein Ausverkauf bei KI-Aktien. Der Nasdaq Composite verlor 2,1 Prozent und liegt auf Wochensicht 4,5 Prozent tiefer. Händler kauften zudem in grossem Stil Kaufoptionen auf den VIX mit Verfall im November. Sie sichern sich damit gegen weitere Unruhe in den kommenden Wochen ab.
Für Bitcoin ist das der direkteste Kanal dieser Woche. Steigt die Volatilität bei Aktien, fahren viele Fonds ihr Risiko quer über alle Anlageklassen zurück, und Bitcoin fällt häufig mit. Genau das war gestern Abend zu sehen.
Kredit
CoreWeave wird teuer versichert
CoreWeave vermietet Rechenleistung für künstliche Intelligenz und hatte im Juni rund 30 Milliarden Dollar Schulden. Wer sich gegen einen Zahlungsausfall des Unternehmens absichern will, kauft einen Credit Default Swap, kurz CDS, eine Art Versicherung. Am Donnerstag stieg der Preis dieser Versicherung bei fünf Jahren Laufzeit auf den Rekord von 1'194,5 Basispunkten. Die Absicherung von 10 Millionen Dollar Schulden kostet damit knapp 1,2 Millionen Dollar pro Jahr, im Juni waren es noch rund 452 Basispunkte.
Die Aktie fiel gestern um 11,9 Prozent auf 61,39 Dollar und hat in einer Woche ein Viertel ihres Werts verloren. Der breite Markt für Hochzinsanleihen zeigt bisher nur mässigen Stress. CoreWeave ist damit ein Einzelfall mit Signalwirkung, aber noch keine Kreditkrise.
Mit Bitcoin ist CoreWeave vor allem über die Stimmung bei KI-Aktien verbunden, die gestern auch Bitcoin nach unten gezogen hat. Dazu kommen börsennotierte Bitcoin-Firmen wie Core Scientific und Galaxy Digital, die mit CoreWeave langfristige Verträge über Rechenzentrumsfläche abgeschlossen haben. Wird Geld für KI-Rechenzentren teurer, spüren auch sie das.
Öl
Brent kratzt an 110 Dollar
Brent, die internationale Referenzsorte, stieg gestern um 3,7 Prozent und schloss bei 109,86 Dollar je Fass. Im Tagesverlauf erreichte der Preis genau 110 Dollar. Die US-Sorte WTI schloss bei 101,41 Dollar und hat auf Wochensicht gut 10 Prozent zugelegt.
Der Treiber ist die Strasse von Hormus, die Meerenge am Ausgang des Persischen Golfs. Iran hat seine Angriffe auf Schiffe dort ausgeweitet, seit Sonntag wurden mindestens neun Tanker und Frachter beschossen. Dazu kommen angekündigte weitere ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien.
Der Weg zu Bitcoin führt über die Inflation. Die Fed hat die Leitzinsen im September auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben, und teureres Öl macht eine baldige Senkung noch unwahrscheinlicher. Höhere Zinsen machen Anlagen ohne laufenden Ertrag wie Bitcoin weniger attraktiv. Gestern war dieser Kanal allerdings nicht der wichtigste, denn die langfristigen Zinsen fielen: Anleger sahen im Ölschock eher ein Risiko für das Wachstum.
Ölreserve
Die Reserve schrumpft weiter
Das US-Energieministerium bietet laut Berichten von heute weitere rund 17 Millionen Barrel aus der strategischen Erdölreserve an. Sie gehören zur Abgabe von insgesamt 172 Millionen Barrel, die Präsident Trump im Rahmen einer koordinierten Freigabe der Internationalen Energieagentur angekündigt hat.
Die Reserve lag Mitte September bei 284,6 Millionen Barrel, so tief wie seit 1982 nicht mehr. Sie ist der Puffer der Regierung gegen Preisspitzen, und dieser Puffer wird mit jeder Tranche dünner. Den Anstieg von Brent in dieser Woche haben die Freigaben nicht gebremst, das Inflationsrisiko aus dem Öl bleibt also bestehen.
Sanktionen
Strafzölle auf dem Papier
Präsident Trump hat gestern eine Verordnung zum neuen Sanktionsgesetz gegen Russland und Iran unterzeichnet, das nach Senator Lindsey Graham benannt ist. Darin setzt er Zölle von 500 Prozent auf russische Waren fest und 100 Prozent auf Waren der fünf grössten Käufer von russischem Öl und Gas. Im selben Dokument setzt er alle diese Zölle und die meisten weiteren Bestimmungen des Gesetzes per Ausnahmeregel wieder aus. Die bestehenden Russland-Sanktionen bleiben unberührt.
Die neuen Strafzölle stehen also auf dem Papier, greifen vorerst aber nicht und lassen sich jederzeit aktivieren. Hätten sie gegriffen, hätten Länder wie Indien und China russisches Öl meiden müssen, und das Angebot am Weltmarkt wäre noch knapper geworden. Dieses zusätzliche Risiko für den Ölpreis fällt vorerst weg. An Hormus ändert die Verordnung nichts, für Bitcoin ist der Effekt indirekt und klein.
Anleihen
Die Zinsen fallen aus Vorsicht
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fiel in dieser Woche von 5,24 auf 5,09 Prozent. Das ist der grösste Wochenrückgang seit Mitte Februar, und er kam trotz heisser Inflationsdaten. Die langen Laufzeiten fielen deutlich stärker als die kurzen, die zweijährige Rendite gab nur von 4,80 auf 4,74 Prozent nach.
Grundsätzlich entlasten fallende Langfristzinsen Bitcoin, weil sichere Anlagen weniger abwerfen und Finanzierung billiger wird. In dieser Woche fielen die Renditen aber zusammen mit Aktien und Bitcoin. Das spricht für eine Flucht in sichere Anleihen wegen des KI-Ausverkaufs und des Ölschocks, nicht für neue Risikofreude. Die Entlastung dürfte erst greifen, wenn sich die Lage beruhigt.
Geldmarkt
T-Bills billig, Repo ruhig
Am Geldmarkt öffnet sich eine Lücke. Dreimonatige US-Schatzwechsel, sogenannte T-Bills, rentierten am Donnerstag mit 4,28 Prozent rund 0,39 Prozentpunkte über SOFR, dem Referenzsatz für besichertes Übernachtgeld am Repo-Markt. Anfang September betrug der Abstand rund 0,26 Prozentpunkte. Die T-Bills rentieren damit sogar über der Obergrenze des Leitzinsbands, während der Repo-Satz ruhig nahe am Zins auf Bankreserven bleibt.
Zu den Daten passt eine einfache Erklärung: Das Schatzamt bringt viele T-Bills auf den Markt, um das Defizit zu finanzieren, und Anleger rechnen mit weiteren Zinserhöhungen. Gleichzeitig ist der Reverse Repo der Fed, früher ein Liquiditätspuffer von Billionen Dollar, mit 0,1 Milliarden praktisch leer. Zusätzliche T-Bills binden deshalb direkt Reserven der Banken, und an dieser Stelle kann Liquidität für Risikoanlagen knapper werden.
Für Bitcoin ist das vorerst ein Kostensignal und kein Stresssignal. Mehr als 4 Prozent fast ohne Risiko sind die Hürde, die jede Risikoanlage schlagen muss. Solange der Repo-Markt ruhig bleibt, gibt es keinen Engpass bei der Finanzierung.
Haushalt
Fast 2 Billionen Dollar Defizit
Die USA haben das Fiskaljahr 2026, das Ende September endete, mit einem Defizit von 1'992 Milliarden Dollar abgeschlossen, 12 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein die Zinsen auf die Staatsschuld kosteten netto 1'052 Milliarden Dollar und damit fast so viel wie Medicare, die staatliche Krankenversicherung für ältere Menschen.
Das Defizit erklärt einen Teil des Drucks am Geldmarkt. Finanziert wird es mit neuen Anleihen und vor allem mit T-Bills, und dieses Angebot hält Renditen und Finanzierungskosten im ganzen System hoch. Für Bitcoin wirkt das über Monate und nicht über Nacht.
Heute handelt nur Bitcoin
Heute erscheinen keine US-Daten, Aktien, Anleihen und Ölfutures ruhen bis Sonntagabend. Bitcoin ist damit der einzige der hier wichtigen Märkte, der durchgehend handelt, und reagiert allein auf Nachrichten aus Hormus. Die Ausgangslage ist ruhig, mit einem stabilen Kurs um 81'600 Dollar und einem neutralen Terminmarkt.
Der Stichtag 18. Oktober für Zölle auf Käufer von russischem Öl fällt auf morgen, ist durch die Ausnahmeregel aber ausgesetzt. Den ersten echten Gradmesser liefert die Wiedereröffnung der Ölfutures am Sonntagabend, in Europa in der Nacht auf Montag. Am Montag folgt mit den Aktien und vor allem den KI-Werten der nächste Test für Bitcoin.
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