Bitcoins Wahljahr-Fluch folgt dem Halving
Die drei letzten Jahre mit einer US-Kongresswahl zur Halbzeit des Präsidenten waren für Bitcoin die drei schlechtesten seit 2013. Den Takt dafür gibt eher der Halving-Zyklus vor als der Wahlkalender, und am 3. November hängt zum ersten Mal ein Kryptogesetz an der Wahl.
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Bitcoin verlor in den Midterm-Jahren 2014, 2018 und 2022 zwischen 56 und 74 Prozent, es waren die drei schwächsten Jahre seit 2013. Zufall ist das kaum, doch jedes dieser Jahre war auch das Jahr nach einem Zyklushoch, rund zwei Jahre nach einem Halving. Halving und Wahlkalender laufen seit 2012 im selben Vierjahrestakt, und mit drei Fällen lässt sich nicht trennen, welcher Takt wirkt. Für eine eigene Wirkung der Wahl findet sich bei Bitcoin keine Mechanik: Die Fed straffte nicht wegen der Wahljahre, und die grossen Abstürze kamen aus der Branche selbst. Die Gewinne in den zwölf Monaten nach der Wahl (23, 45 und 93 Prozent) entsprechen der normalen Erholung nach einem Tief. Beim S&P 500 gibt es über 19 Fälle einen echten, aber kleinen Midterm-Effekt. 2026 passt schlecht ins alte Muster: Bitcoin liegt seit Jahresbeginn nur knapp 4 Prozent im Minus, das Tief kam schon im Juni. Neu ist, dass an dieser Wahl der CLARITY Act hängt. Er ist im Senat blockiert, und die neuen Mehrheiten entscheiden, unter welchen Bedingungen er ab Januar neu beginnt.
In zwölf Tagen wählen die Amerikaner ein neues Repräsentantenhaus und ein gutes Drittel des Senats. Für Bitcoin waren solche Midterms, die Wahlen zur Halbzeit eines Präsidenten, bisher immer schlechte Jahre, und danach ging es jedes Mal aufwärts. Bei einer Regel aus nur drei Fällen kommt alles darauf an, was hinter diesen Jahren steckt.
Das Muster
Drei Wahljahre, drei Absturzjahre
Bitcoin verlor 2014 über das ganze Jahr 56 Prozent, 2018 waren es 74 Prozent und 2022 64 Prozent. Es waren die drei schlechtesten Jahre seit 2013, und ausser ihnen endete in dieser Zeit nur 2025 knapp im Minus.
Auch der Verlauf glich sich. Das Jahreshoch fiel jedes Mal in die erste Januarwoche, danach ging es fast ohne Pause abwärts, und das Tief kam im vierten Quartal. Vom Hoch bis zum Tief verlor Bitcoin 66, 81 und 67 Prozent. In den übrigen Jahren lag dieser Rückgang im Median bei 22 Prozent.
Mit Zufall lässt sich das kaum erklären. Greift man aus den dreizehn Jahren von 2013 bis 2025 wahllos drei heraus, ergibt nur eine von 286 möglichen Kombinationen einen so schwachen Schnitt, und diese eine sind die Wahljahre selbst. Über die Ursache sagt diese Rechnung allerdings nichts. Sie gilt für jede Erklärung, die auf dieselben drei Jahre fällt.
Das laufende Jahr fügt sich schlechter ein, als es aussieht. Bitcoin schloss am 21. Oktober bei 84'176 Dollar, rund ein Drittel unter dem Allzeithoch vom 6. Oktober 2025. Seit Jahresbeginn liegt er damit aber nur knapp 4 Prozent im Minus. Die früheren Wahljahre hatten zum selben Datum schon 47 bis 59 Prozent verloren.
Ein grosser Teil des Rückgangs fiel diesmal schon in die letzten Monate von 2025. Das bisherige Tief kam am 30. Juni bei 58'525 Dollar, vier Monate vor der Wahl, und seither hat sich Bitcoin um rund 44 Prozent erholt. In den früheren Wahljahren lag das Tief dagegen immer um den Wahltag oder kurz danach.
Nach der Wahl
Vor der Erholung kam noch ein Einbruch
In den zwölf Monaten nach dem Wahltag stieg Bitcoin jedes Mal, nacheinander um 23, 45 und 93 Prozent. Im Schnitt sind das 54 Prozent, doch dieser Schnitt hängt stark am letzten Fall. Ohne 2022 wären es nur 34 Prozent.
Bequem war der Weg dorthin nie. In allen drei Fällen fiel Bitcoin nach der Wahl zuerst weiter. 2014 kam das Tief erst 71 Tage später und lag fast die Hälfte unter dem Kurs vom Wahltag. 2018 kam es nach 39 Tagen, ebenfalls rund die Hälfte tiefer. 2022 folgte es einen Tag nach der Wahl, mitten im Zusammenbruch der Kryptobörse FTX.
Die Gewinne danach sind deshalb vor allem die Erholung nach einem langen Kursrückgang. Gemessen an allen Zwölfmonatsfenstern seit 2013 waren sie nicht einmal besonders gut. Über ein beliebiges Jahr hinweg legte Bitcoin im Median rund 71 Prozent zu, und die drei Jahre nach den Wahlen liegen in dieser Verteilung im Mittelfeld.
Der Halving-Zyklus
Zwei Uhren im selben Takt
Bitcoin hat einen eigenen Vierjahreskalender. Etwa alle vier Jahre halbiert sich die Belohnung, die Miner für neue Blöcke bekommen, und damit das Angebot an neuen Bitcoin. Auf dieses Halving folgte bisher jedes Mal ein starker Anstieg bis zu einem Zyklushoch, ein bis anderthalb Jahre später, und danach ein tiefer Absturz.
Das erste Halving fand im November 2012 statt, drei Wochen nach einer Präsidentschaftswahl. Seither laufen die beiden Uhren fast im Gleichschritt. Die Midterm-Wahltage lagen jedes Mal zwischen 706 und 927 Tagen nach dem letzten Halving, also immer in derselben Phase. Das Zyklushoch kam jeweils rund ein Jahr vor der Wahl, zuletzt am 6. Oktober 2025.
Damit war jedes Midterm-Jahr zugleich das Jahr nach einem Zyklushoch, in dem Bitcoin die Übertreibung des Vorjahres abbaute. Mit drei Fällen lässt sich nicht auseinanderhalten, welche der beiden Uhren den Takt vorgibt. Für das Halving spricht, dass dahinter ein Mechanismus steht, das knapper werdende Neuangebot. Für eine eigene Wirkung der Wahl findet sich bei Bitcoin keine vergleichbare Mechanik.
Der laufende Zyklus ist zudem der schwächste bisher. Vom Halving im April 2024 bis zum Hoch stieg Bitcoin um 92 Prozent, in den Zyklen davor um das 8- bis 92-Fache. Auch der Rückgang fällt flacher aus. Am Junitief lag Bitcoin 53 Prozent unter dem Allzeithoch, in früheren Zyklen waren es am Tief 77 bis 84 Prozent.
Member
Wie ich mit Wahl und Zyklus umgehe
Dieser Bericht zeigt, woher die schwachen Wahljahre kommen und was die Zahlen hergeben. Wie ich mich selbst rund um die Wahl und im Halving-Zyklus aufstelle, schreibe ich für die Member.
In den Member-Berichten lege ich meine eigene Positionierung offen, dazu meine Thesen, die Szenarien, mit denen ich nach der Wahl rechne, und die Levels bei Bitcoin, die für mich zählen. Im Sanctis Letter ordne ich den Markt am ausführlichsten ein.
Die Fed
Die Notenbank richtete sich nicht nach der Wahl
Eine zweite Erklärung liegt bei der US-Notenbank. 2018 erhöhte die Fed den Leitzins viermal und baute ihre Bilanz ab, 2022 hob sie ihn von fast null auf 4,25 bis 4,5 Prozent. Die sogenannte Netto-Liquidität zeigt grob, wie viel Zentralbankgeld im Finanzsystem frei verfügbar ist. Diese unter Anlegern verbreitete Messgrösse sank 2018 um 10 und 2022 um 16 Prozent. Für diese beiden Jahre passt eine straffere Fed gut zum Kursverlauf.
Für 2014 passt sie kaum. Die Fed liess den Zins damals bei null und beendete im Oktober nur ihr Anleihekaufprogramm, die Liquidität wuchs über das Jahr sogar um 6 Prozent. Umgekehrt schrumpfte die Fed-Bilanz 2023 und 2024 um rund 10 Prozent pro Jahr, und Bitcoin hat sich in beiden Jahren mehr als verdoppelt.
Vor allem straffte die Fed nicht wegen der Wahl. Seit 1958 stieg der Leitzins in 7 von 17 Midterm-Jahren und in 26 von 54 anderen Jahren, im Schnitt ist kein Unterschied zu erkennen. 2018 und 2022 hob die Fed an, weil Konjunktur und Inflation es verlangten.
Dazu kamen Schocks aus der Kryptobranche selbst. 2014 brach die Börse Mt. Gox zusammen, 2018 nahm sich die Börsenaufsicht SEC die Herausgeber von ICOs vor, also von Token-Verkäufen an Anleger. 2022 brachen Terra und die Kryptobank Celsius zusammen, drei Tage nach der Wahl beantragte FTX Gläubigerschutz. Mit der Wahl hatte keines dieser Ereignisse zu tun.
Im Herbst 2026 sieht die Lage anders aus. Die Netto-Liquidität schrumpft nicht, sie liegt leicht über dem Jahresanfang. Im September hat die Fed den Leitzins wegen der erhöhten Inflation aber auf 3,75 bis 4 Prozent angehoben, und die nächste Sitzung folgt eine Woche vor der Wahl.
Der Aktienmarkt
Bei Aktien gibt es den Effekt, nur viel kleiner
Der Aktienmarkt bietet eine längere Reihe. Seit 1950 gab es 19 Midterm-Wahlen, und nach jeder einzelnen stand der S&P 500 zwölf Monate später höher, im Schnitt um 15 Prozent. Ab demselben Novemberdatum waren es in allen anderen Jahren im Schnitt nur 7 Prozent. Das Wahljahr selbst war auch bei Aktien schwächer, mit einer mittleren Jahresrendite von knapp 4 Prozent gegen 11 Prozent in den übrigen Jahren.
Zufall ist auch das kaum. Bei wahllos gezogenen Jahren käme ein so hoher Schnitt nur in knapp 3 Prozent der Fälle zustande. Als mögliche Erklärung nennt die Forschung vor allem, dass die politische Unsicherheit vor einer Wahl steigt und danach wieder sinkt, an den Optionsmärkten ist das gut messbar. Ob dahinter ein stabiler Zyklus steckt, mit dem sich handeln lässt, ist unter Ökonomen umstritten.
Auf Bitcoin lässt sich das nur bedingt übertragen. Bei Aktien brachten die zwölf Monate nach der Wahl im Schnitt rund 8 Prozentpunkte mehr als andere Jahre. Bitcoin verlor in den Wahljahren selbst 56 bis 74 Prozent. Weniger Unsicherheit nach einer Wahl mag auch Bitcoin helfen, Ausschläge dieser Grösse erklärt sie aber nicht.
Die Wahl 2026
Diesmal hängt ein Gesetz an der Wahl
In einem Punkt unterscheidet sich 2026 wirklich von den früheren Wahljahren. Zum ersten Mal liegt ein Kryptogesetz auf dem Tisch, der CLARITY Act. Er soll die Regeln für Kryptobörsen, Token-Projekte und DeFi festlegen, also für Finanzdienste, die direkt auf der Blockchain laufen, ohne eine Bank oder einen anderen Vermittler dazwischen. Das Repräsentantenhaus hat ihn im Juli 2025 mit 294 zu 134 Stimmen beschlossen, mit allen anwesenden Republikanern und 78 Demokraten.
Im Senat scheiterte am 15. September die Abstimmung über den Beginn der Beratung mit 49 zu 50 Stimmen, nötig wären 60 gewesen. Kein einziger Demokrat stimmte mit Ja. Wie es dazu kam, steht im Bericht Gnadenfrist fürs Krypto-Gesetz.
Seither ruht das Verfahren. Der Senat tagt bis zum 6. November nicht, danach bleiben ihm bis zur Weihnachtspause höchstens 22 Werktage, in denen auch der Haushalt ansteht. Ein Antrag auf eine erneute Abstimmung liegt vor, ein Termin nicht. Haben beide Kammern bis zum 3. Januar 2027 nicht dieselbe Fassung beschlossen, verfällt der Entwurf. Auf dem Prognosemarkt Polymarket kostet eine Wette darauf, dass das Gesetz noch 2026 unterschrieben wird, rund 5 Cent bei einer Auszahlung von einem Dollar.
Die Wahl entscheidet deshalb vor allem, unter welchen Mehrheiten ein Neustart ab Januar läuft. Die Prognosemärkte preisen ein demokratisches Repräsentantenhaus mit rund 91 Prozent ein und einen demokratischen Senat mit rund zwei Dritteln. Dort müssten die Demokraten netto vier Sitze gewinnen. Mit einer Mehrheit würden sie die Ausschüsse führen, die ein neues Gesetz zuerst beraten. Sicher ist der Ausgang nicht, allein im Senat gelten sieben Rennen als offen.
Für Bitcoin selbst steht dabei weniger auf dem Spiel, als es klingt. SEC und CFTC haben im März 2026 gemeinsam festgelegt, dass Bitcoin, Ether, Solana und XRP keine Wertpapiere sind. Am Gesetz hängt vor allem die Rechtssicherheit für Börsen, Token-Projekte und DeFi. Eine Auslegung der Behörden kann eine neue Führung wieder ändern, ein Gesetz nicht.
Was nach der Wahl zählt
Die drei schwachen Wahljahre sind kein Zufall. Sie waren aber zugleich die Jahre nach einem Zyklushoch. Verschärft wurde der Absturz durch Schocks aus der Kryptobranche, 2018 und 2022 zusätzlich durch eine straffe Fed. Der Wahlkalender liefert dabei keine Information, die der Halving-Kalender nicht schon enthält. Eine Wirkung der Wahl lässt sich mit drei Fällen zwar nicht ausschliessen, für die Erklärung braucht es sie aber nicht.
Eine Kursrichtung für die Zeit nach dem 3. November geben die Daten nicht her. In früheren Zyklen begann die Erholung erst nach dem Zyklustief, das 777 bis 912 Tage nach dem Halving lag. Der laufende Zyklus steht inzwischen am Ende dieses Fensters, und das Junitief liegt mitten darin. Ob es das Tief des Zyklus war, ist offen.
Drei Entwicklungen könnten diese Einordnung verschieben. Ein neues Tief unter 58'525 Dollar nach der Wahl würde 2026 doch noch ins alte Muster rücken. Eine Einigung über den CLARITY Act in den letzten Sitzungswochen würde der Branche Rechtssicherheit geben, bevor neue Mehrheiten antreten. Und die Fed, die im September wieder angehoben hat, kann im Oktober und Dezember weiter straffen oder wieder lockern.
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