Binance verliert Milliarden, Bitcoin bleibt erstaunlich ruhig
Binance hat die Abhebungen wieder geöffnet, und die Kunden ziehen Milliarden ab. Bitcoin stieg über Nacht trotzdem um gut 1 Prozent. Viel spricht dafür, dass die abgezogenen Coins in eigene Wallets wandern und nicht auf den Markt.
In 5 Minuten durch
Bitcoin stieg über Nacht um gut 1 Prozent auf rund 78'500 Dollar, ohne neuen Hebel. Nach der Wiedereröffnung der Abhebungen flossen bei Binance in den ersten neuneinhalb Stunden netto rund 3,64 Milliarden Dollar ab, über alle Börsen verliessen gestern netto rund 16'700 Bitcoin die Handelsplätze, der drittgrösste Tagesabfluss seit Mitte Oktober. Eine Panne bei THORChain bremst die Geldwäsche der gestohlenen Mittel, BTCPay warnt Betreiber veralteter Server. Brent fiel auf Signale aus der Diplomatie unter 110 Dollar. Heute zählen der ISM-Index um 16 Uhr und der angekündigte Reservenachweis von Binance.
Guten Morgen. Bei Binance fliesst Geld ab, THORChain steht still und BTCPay ruft Händler zum Abschalten auf. Der Bitcoin-Kurs hat das erstaunlich gelassen hingenommen.
Binance
Milliarden verlassen Binance, und Bitcoin legt zu
Bitcoin ist mit einem leichten Plus in die Woche gestartet. Über Nacht stieg der Kurs von 77'692 auf rund 78'515 Dollar, gut 1 Prozent, und zwar in einem einzigen Schub ab Mitternacht. Bis 8 Uhr gab Bitcoin einen Teil davon wieder ab und stand bei rund 78'070 Dollar.
Neuer Hebel war dabei kaum im Spiel. Das offene Interesse an Bitcoin-Futures auf OKX, also der Wert aller offenen Terminpositionen, blieb während des Anstiegs praktisch unverändert und sank bis zum Morgen leicht. Direkt nach dem Hack hatten die Händler noch nachgeladen. Diese Nacht passt eher zu einem ruhigen Plus, das von Käufen am Kassamarkt getragen wurde.
Das Hauptthema der Nacht liegt trotzdem bei Binance. Nach dem Diebstahl vom 29. Oktober, den ich in «Die Hack-Nacht» und im Marktupdate von gestern eingeordnet habe, hat die Börse gestern die Abhebungen schrittweise wieder geöffnet, zuerst für Bitcoin, Ethereum und die BNB Smart Chain.
Die Kunden haben das sofort genutzt. In den ersten neuneinhalb Stunden flossen nach Angaben von Binance netto rund 3,64 Milliarden Dollar ab. Das sind gut 2 Prozent der Kundengelder von 171 Milliarden Dollar, und Binance spricht von einer anfänglichen Spitze, die sich nun stabilisiere.
Ein grosser Teil davon waren Stablecoins. In den öffentlich bekannten Binance-Wallets machten USDT und USDC über den ganzen Tag fast 1,5 Milliarden Dollar des Nettoabflusses aus, Bitcoin rund 912 Millionen. Weil Binance die Abhebungen über frisch erzeugte Wallets abwickelt, kann ein Teil davon auch eine interne Umbuchung sein.
Für den Kurs zählt vor allem, wohin die Coins gehen. Über alle Börsen hinweg verliessen gestern netto rund 16'700 Bitcoin die Handelsplätze, der drittgrösste Tagesabfluss seit Mitte Oktober. Wer Bitcoin von einer Börse abzieht, legt sie meist in die eigene Verwahrung, wo sie nicht zum Verkauf stehen. Dieser Abfluss spricht deshalb eher gegen Verkaufsdruck.
Binance sagt, rund 95 Prozent der betroffenen Bestände seien aus eigenen Mitteln und mit Marktkäufen ersetzt, Bitcoin und die grossen Stablecoins vollständig. Ersetzt heisst allerdings nicht zurückgeholt, die gestohlenen Mittel liegen weiter bei den Angreifern.
THORChain
Eine Panne bei THORChain bremst die Hacker
Wohin die Angreifer ihre Beute bewegen können, hängt auch an Diensten wie THORChain, über die sich Coins ohne Börse von einer Blockchain auf eine andere tauschen lassen. Gestern Mittag strich eine Neuordnung der letzten Blöcke auf Ethereum eine bereits gutgeschriebene Einzahlung von 10 ETH. THORChain erstattete daraufhin Geld zurück, das nie angekommen war, und zahlte die 10 ETH so doppelt aus.
Die Betreiber der Nodes haben darauf die Swaps auf zehn Netzwerken pausiert, darunter Bitcoin, Ethereum und Solana. Nach Einschätzung von Chainalysis verzögert das unabsichtlich das Waschen einer erheblichen Menge der bei Binance gestohlenen Mittel, weil die nordkoreanischen Geldwäscher die meisten THORChain-Brücken derzeit nicht nutzen können. Wie viele Bitcoin betroffen sind, ist offen. Die Swaps ruhen, bis die Nodes sie wieder freigeben.
BTCPay Server
BTCPay ruft Händler zum Abschalten auf
Ein zweiter Diebstahl trifft Bitcoin direkt, allerdings in kleinerem Rahmen. BTCPay Server, eine freie Software, mit der Händler Bitcoin-Zahlungen selbst annehmen, warnte gestern kurz vor Mitternacht, dass Unbekannte die Hot Wallets auf BTCPay-Servern leeren. Das sind Wallets, deren Schlüssel auf dem Server liegen, damit Zahlungen automatisch laufen. Wer eine solche Wallet betreibt, sollte seine Instanz sofort herunterfahren.
Betroffen sind nach Angaben von Gründer Nicolas Dorier selbst gehostete Server, die noch eine Version vor 2.4.2 nutzen. Dieses Update hatte schon im August eine aktiv ausgenutzte Lücke geschlossen, die öffentlichen Server mit der aktuellen Version 2.4.7 wurden nicht angegriffen. Wie gross der Schaden ist, ist noch nicht bekannt, eine Wirkung auf den Markt ist nicht zu sehen.
Öl
Brent fällt auf Signale aus der Diplomatie
Am Ölmarkt hat die Woche mit einem Rückgang begonnen. Brent, die wichtigste Ölsorte für Europa, fiel in der Nacht zeitweise auf 109,70 Dollar und lag um 8 Uhr bei rund 110,20 Dollar. Das sind knapp 3 Prozent weniger als zum Handelsschluss am Freitag.
Auslöser sind neue Signale aus der Diplomatie. US-Aussenminister Rubio signalisierte, Präsident Trump wolle den Iran-Krieg friedlich beenden, und Berichten zufolge liegt ein von Katar vermittelter Plan zur Wiedereröffnung der Strasse von Hormuz auf dem Tisch. Der Ölpreis bleibt trotzdem weit über dem Niveau vor dem Krieg.
Für Bitcoin zählt Öl über die Inflation. Ein tieferer Ölpreis dämpft die Inflationserwartungen und nimmt etwas Druck von weiteren Zinserhöhungen der Fed, die die Zinsen im September angehoben hat. Das würde Bitcoin entlasten, weil der Kurs stark auf Zinsen und Liquidität reagiert. Im Gleichschritt liefen die beiden Märkte in dieser Nacht allerdings nicht: Bitcoin stieg ab Mitternacht, Brent fiel vor allem zwischen 3 und 5 Uhr.
Heute
Um 16 Uhr kommt der ISM-Index der US-Industrie
Um 16 Uhr veröffentlicht das Institute for Supply Management seinen Einkaufsmanagerindex der US-Industrie für Oktober. Der Index beruht auf einer Umfrage unter Einkaufsleitern, Werte über 50 zeigen Wachstum. Im September lag er bei 54,5 Punkten und damit den neunten Monat in Folge über dieser Schwelle. Erwartet werden wieder rund 54,5 Punkte.
Für Bitcoin zählt der Wert über die Zinsen. Je stärker die Industrie läuft und je stärker ihre Preise steigen, desto eher rechnet der Markt mit weiteren Zinserhöhungen der Fed. Das stützt den Dollar und die Renditen, und beides drückt auf Bitcoin.
Ebenfalls für heute hat Binance den aktualisierten Reservenachweis angekündigt. Er ist der nächste Gradmesser dafür, ob die Kunden der Börse wieder vertrauen.
Keine Anlageberatung. Alle Inhalte dienen der Information und der Meinungsbildung. Über FabianHinweisImpressumDatenschutz