Atempause
Die US-Renditen haben gestern ein neues Hoch erreicht und sind danach gefallen. Bitcoin hat sich auf rund 86'500 Dollar erholt. Um 14.30 Uhr zeigt der Arbeitsmarktbericht, ob die Erholung hält.
Guten Morgen. Gestern ist die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe noch einmal auf den höchsten Stand seit 2002 gestiegen und danach wieder gefallen. Bevor heute Nachmittag die Arbeitsmarktdaten kommen, hier die fünf Dinge, die ich für den Tag im Kopf habe.
Anleihen
Eine Atempause nach dem neuen Hoch
Im dritten Quartal ist die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe von 4,44 auf 5,29 Prozent gestiegen, auf den höchsten Schlussstand seit Mai 2002. Stärker stieg sie in einem Quartal zuletzt 1994, gleich stark 2016 und 2022. Für Besitzer langer Anleihen war das schmerzhaft, denn wenn die Rendite steigt, fällt der Kurs.
Gestern stieg die zehnjährige Rendite zuerst auf rund 5,34 Prozent und fiel dann. Am Abend lag die zweijährige 0,10 Prozentpunkte tiefer, die zehnjährige 0,05 und die dreissigjährige 0,03. Ein Grund ist die Unruhe um Regierung und Staatshaushalt in Frankreich, die Anleger in sichere US-Anleihen treibt. Der andere Grund: Der Markt rechnet weniger fest mit einer weiteren Fed-Erhöhung, und das drückt vor allem die zweijährige Rendite, die fast nur von der Notenbank abhängt.
Von einer Stabilisierung würde ich noch nicht sprechen. Ein Tag Erholung und eine ruhige Nacht machen noch keinen Trend. Der Teil des Rückgangs, der an der Fed-Erwartung hängt, kann um 14.30 Uhr innert Minuten wieder verschwinden.
Heute 14.30 Uhr
Was um 14.30 Uhr kommt
Die Fed hat die Leitzinsen am 16. September auf 3,75 bis 4,00 Prozent erhöht. Eine weitere Erhöhung Ende Oktober hält der Markt nur noch für etwa ein Drittel bis knapp die Hälfte wahrscheinlich. Anfang der Woche war es klar mehr.
Für September erwarten Ökonomen rund 85'000 bis 100'000 neue Stellen, nach 162'000 im August. Die Arbeitslosenquote soll bei 4,1 Prozent liegen, und die Löhne sollen um 0,3 Prozent zum Vormonat steigen.
Ein deutlich stärkerer Bericht, etwa mit klar über 100'000 Stellen, macht die Oktober-Erhöhung wieder wahrscheinlicher. Dann steigt vor allem die zweijährige Rendite, und die Erholung von gestern ist weg. Höhere Renditen und ein stärkerer Dollar würden auch Bitcoin drücken.
Ein schwacher Bericht wirkt umgekehrt. Die Renditen langer Anleihen reagieren schwächer, weil dort auch die Staatsdefizite und die Lage in Europa mitspielen.
Fed-Liquidität
Etwas mehr Geld, aber wenig
Das US-Finanzministerium hat ein Konto bei der Fed. Wächst es, fehlt das Geld den Banken, schrumpft es, fliesst Geld zurück. In der Woche bis zum 30. September sank der Kontostand um 28 Milliarden Dollar, und die Reserven der Banken bei der Fed stiegen um 18 Milliarden.
Viel ist das nicht. Die 18 Milliarden sind 0,6 Prozent der Reserven. Sie holen nur gut ein Fünftel dessen zurück, was der Steuertermin Mitte September aus dem System gezogen hatte.
Reichlich ist das Geld auch am Geldmarkt nicht. Banken leihen sich über Nacht gegen Sicherheiten Geld zu 3,90 Prozent, genau zu dem Zins, den die Fed auf Reserven zahlt. Das spricht für eher knappes Geld. Mein Fazit: kein Stress, aber auch keine echte Entspannung.
Bitcoin und Renditen
Was sich seit Mittwoch verändert hat
In der letzten Septemberwoche hat sich Bitcoin tatsächlich gut gehalten. Die zehnjährige Rendite stieg in dieser Zeit um 0,18 Prozentpunkte. Bitcoin blieb trotzdem zwischen knapp 83'500 und knapp 84'500 Dollar, und für eine Anlage, die keine Zinsen abwirft, ist das bemerkenswert.
Seit Mittwochabend hat sich das Umfeld allerdings verändert. Die Renditen sind zwar immer noch hoch, seit gestern fallen sie aber wieder. Gleichzeitig rechnet der Markt seltener damit, dass die Fed im Oktober erneut erhöht. Beides nimmt kurzfristig etwas Druck von Bitcoin. Der stärkere Dollar wirkt weiterhin in die andere Richtung.
Bitcoin
Was den Anstieg erklärt und was nicht
Bitcoin schloss am 30. September bei rund 83'600 Dollar und stand heute früh bei rund 86'500, ein Plus von 3,5 Prozent. Etwa die Hälfte kam gestern, die andere Hälfte in der Nacht, als die US-Börsen und damit auch die Bitcoin-ETFs geschlossen waren.
Die Inflationsdaten vom Mittwoch fielen kühler aus als erwartet. Die Kernrate des PCE-Preisindex, des wichtigsten Inflationsmasses der Fed, stieg im August um 0,2 statt 0,3 Prozent. Auf ein Jahr gerechnet lag sie bei 3,0 statt der erwarteten 3,3 Prozent. Gleichzeitig wurden die Daten rückwirkend überarbeitet, und das dürfte einen grossen Teil dieser Abweichung erklären. Unter der Erwartung lag die Inflation trotzdem, nur weniger deutlich, als es zuerst aussah.
Bitcoin sprang danach kurz auf 85'600 Dollar und beendete den Tag tiefer als vor den Daten. Ausgelöst haben die Inflationszahlen den Anstieg also nicht. Höchstens halfen sie indirekt, weil der Markt am Tag danach seltener mit einer Fed-Erhöhung rechnete.
Auch die Spot-ETFs, also börsengehandelte Fonds mit echten Bitcoin, erklären den Anstieg kaum. Vom 17. bis 29. September flossen ihnen an neun Handelstagen in Folge gut 3 Milliarden Dollar zu.
Dieses Geld kam vor dem Anstieg, und in der Woche mit den grössten Zuflüssen fiel Bitcoin sogar. Am 30. September und 1. Oktober flossen netto 46 Millionen Dollar ab. Ich lese die Zuflüsse eher als Grund, warum Bitcoin zwischen 82'000 und 84'000 Dollar nicht weiter fiel.
Worauf ich heute achte
Um 14.30 Uhr schaue ich auf drei Zahlen: die neuen Stellen gegen rund 90'000, die Arbeitslosenquote gegen 4,1 Prozent und die Korrekturen der Vormonate. Danach zählt die zweijährige Rendite. Bleibt sie unten, war es mehr als eine Atempause.
Bei Bitcoin achte ich auf 87'000 Dollar. Dort kam er schon am 21. September nicht weiter. Als Faustregel gilt: Ein starker Bericht ist schlecht für Anleihen und Bitcoin, ein schwacher hilft beiden. Was das für die Fed im Oktober heisst, nehme ich mir heute im Member-Bericht vor.
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