Unter der Oberfläche
Jede Woche schaue ich auf die wichtigsten Makro-Signale und On-Chain Daten, damit du siehst, was unter der Oberfläche der Schlagzeilen wirklich passiert.
Hey Leute, an der Oberfläche wirkt gerade alles ruhig. Der Iran-Deal hat die Lage entspannt, und der Aktienmarkt steht hoch. Diese Woche habe ich mir bewusst die Daten angeschaut, die hinter dieser ruhigen Fassade liegen, und das Bild ist deutlich vielschichtiger.
Ein schmaler Aktienmarkt, eine Fed die sich auf hartnäckige Inflation einstellt, ein leise schwächerer Arbeitsmarkt, und bei Bitcoin eine Nachfrage, die schlicht fehlt.
Gleichzeitig gibt es eine zweite Seite, die genauso wahr ist. Die langfristigen Halter bleiben ruhig, und auf der langfristigen Bewertung ist Bitcoin so günstig wie selten. Genau dieses Nebeneinander, kurzfristige Vorsicht und langfristige Chance, ist das Thema dieser Woche.
Wer die konkreten Szenarien, die genauen Level und meine eigene Positionierung will, findet das im The Sanctis Letter.
Das ist mein privater Marktbrief, zwei bis drei Mal pro Woche, in dem ich nicht nur das Bild zeige, sondern auch, was ich konkret damit mache. Hier im Update bekommst du das grosse Bild und die Kausalketten dahinter, kostenlos und offen. Schau gerne mal rein, wenn du tiefer einsteigen willst.
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Jetzt aber zu den Daten.
Makro · Marktbreite
Der Aktienmarkt steht hoch, aber er wird von zwei Sektoren getragen
Schauen wir zuerst, woher die Gewinne am US-Aktienmarkt 2026 wirklich kommen. Apollo hat die Veränderung der Marktkapitalisierung seit dem 1. Januar nach Sektoren aufgeschlüsselt, und das Ergebnis ist eindeutig. Nur Künstliche Intelligenz und Energie legen zu, alles andere zusammengenommen hat seit Jahresbeginn an Wert verloren.
Das ist wichtig, weil ein Index wie der S&P 500 stark aussehen kann, während die Breite darunter schwach ist.
Wenn fast der gesamte Zuwachs aus einer Handvoll KI-Werten stammt, dann ruht die Stärke des Marktes auf einem sehr schmalen Fundament. Schmale Märkte sind anfälliger, weil viel an wenigen Titeln hängt.
Für uns ist das der Kontext, in dem auch Bitcoin als Risiko-Anlage handelt. Ein Aktienmarkt, dessen Stärke nur von zwei Sektoren getragen wird, signalisiert keinen breiten, gesunden Risikoappetit. Er signalisiert Selektivität. Das Geld geht in wenige Themen, nicht in die Breite, und Bitcoin gehört aktuell nicht zu diesen wenigen Themen.
Makro · Die Fed
Am 17. Juni hat die Fed zum vierten Mal in Folge die Zinsen unverändert gelassen. Spannender als der Entscheid selbst sind die Details. Neun von achtzehn Mitgliedern erwarten dieses Jahr noch mindestens eine Zinserhöhung. Die Wachstumsprognose für 2026 wurde von 2,4 auf 2,2 Prozent gesenkt, und die Fed sieht ihre bevorzugte Inflation erst 2028 wieder beim Ziel von 2 Prozent. Die Inflation bleibt nach ihren eigenen Worten erhöht.
Das ist eine Notenbank, die sich nicht auf Lockerung vorbereitet, sondern auf eine Inflation, die hartnäckiger ist als erhofft.
Weniger Wachstum und gleichzeitig länger hohe Inflation, das ist eine unbequeme Kombination. Es bedeutet, dass der Spielraum für Zinssenkungen kleiner ist, als der Markt es sich an manchen Tagen ausmalt.
Dazu kommt der Stilwechsel unter dem neuen Vorsitzenden Warsh. Kürzere Statements, weniger Forward Guidance, neue Arbeitsgruppen, die sogar die Wirtschaftsprognosen überarbeiten sollen.
Für die Märkte heisst das vor allem eines: Die Fed wird unberechenbarer in ihrer Kommunikation, und Berechenbarkeit war bisher genau das, worauf sich Risiko-Anlagen verlassen haben.
Makro · Arbeitsmarkt
Unter der Oberfläche bröckelt der Arbeitsmarkt
Jetzt zu einer Zahl, über die kaum jemand spricht. Die Zahl der Amerikaner, die offiziell nicht zum Arbeitsmarkt zählen, aber trotzdem einen Job wollen, ist im Mai um 76'000 auf 6,2 Millionen gestiegen.
Das ist der vierte monatliche Anstieg in Folge, zusammen rund 349'000 Menschen. Seit März 2023 ist diese Zahl um über 1,2 Millionen gestiegen und liegt jetzt über dem Niveau der Finanzkrise von 2008.
Diese Menschen tauchen in der offiziellen Arbeitslosenquote nicht auf, weil sie statistisch nicht als arbeitssuchend gelten. Genau deshalb ist die Kennzahl so aufschlussreich. Sie misst die Schwäche, die das Hauptbild noch nicht zeigt. Als Anteil an der Gesamtbeschäftigung steht sie bei 3,8 Prozent, dem zweithöchsten Wert seit Oktober 2021.
Was ich daraus lese, ist eine vorsichtige Warnung. Der Arbeitsmarkt wirkt an der Oberfläche stabil, aber darunter verschlechtern sich die Bedingungen langsam. Für die Fed ist das ein Dilemma, denn ein schwächerer Arbeitsmarkt würde normalerweise für Zinssenkungen sprechen, während die hohe Inflation dagegen spricht. Genau in dieser Zange steckt die Geldpolitik gerade.
Der Arbeitsmarkt wirkt oben stabil, aber darunter verschlechtern sich die Bedingungen still und stetig.
Makro · Schulden und Nachfrage
Vielleicht liegt das eigentliche Risiko nicht bei den Zinsen
Zwei Auswertungen von J.P. Morgan haben mich zu einem anderen Gedanken gebracht. Fast jeder spricht über die nächste Zinssenkung (Die irgendwann mal kommen wird...).
Viel seltener wird gefragt, warum die Nachfrage in der Wirtschaft eigentlich so widerstandsfähig bleibt. Links sieht man, dass der Markt für Ende 2026 inzwischen höhere Zinsen einpreist als die Fed selbst. Rechts, dass der Konsum vor allem in den USA robust bleibt.
Die Erklärung dahinter ist entscheidend. Märkte können ihre Zinserwartungen ständig anpassen. Aber wenn die Staatsausgaben weiter steigen und immer neue Schulden in die Wirtschaft fliessen, dann fällt die Nachfrage womöglich gar nicht so stark, wie viele erwarten. Genau dieser Zusammenhang wird oft unterschätzt.
Daraus folgt ein wichtiger Gedanke. Inflation ist nicht nur eine Frage der Geldpolitik und auch nicht nur eine Folge höherer Energiepreise. Manchmal entsteht Preisdruck einfach dadurch, dass die Verschuldung schneller wächst als die Produktivität.
Falls das stimmt, dann liegt das eigentliche Risiko der kommenden Jahre nicht in den Zinsen, sondern in den langfristigen Folgen immer grösserer Schuldenberge. Und das ist langfristig genau das Umfeld, in dem ein knappes Gut wie Bitcoin seine Rolle hat.
On-Chain · Nachfrage
Die institutionelle Nachfrage fehlt weiterhin
Jetzt zu Bitcoin selbst, und hier ist der wichtigste Punkt für die kurze Frist. Die Coinbase Premium misst, wie der Bitcoin-Preis auf der US-Börse Coinbase im Vergleich zu den globalen Börsen steht. Coinbase ist die Börse der amerikanischen Profis und Institutionen. Steht die Premium im Plus, kaufen diese Akteure aktiv. Steht sie im Minus, sind sie eher Verkäufer. Aktuell liegt sie bei minus 0,11, also klar negativ.
Das bestätigt, was wir auch am Aktienmarkt sehen. Das professionelle Geld ist gerade nicht auf der Käuferseite. Diese Investoren handeln nicht wie Privatanleger, die einen Boden erwischen wollen. Sie arbeiten nach strengem Risikomanagement und kaufen erst, wenn sich eine Bewegung bestätigt hat, wenn die Performance da ist. Dieser Moment ist offensichtlich noch nicht gekommen.
Für mich ist das die ehrlichste Kennzahl im aktuellen Bild. Solange das Coinbase Premium negativ bleibt, fehlt der Bitcoin-Erholung genau die Käufergruppe, die eine nachhaltige Wende tragen müsste. Das ist kein Grund für Panik, aber ein klarer Grund für Geduld.
Die langfristigen Halter bleiben ruhig
Dem steht ein deutlich gelasseneres Bild gegenüber, wenn man auf die langfristigen Halter schaut. Die Kennzahl Value Days Destroyed misst, wie viele alte, lange gehaltene Bitcoin gerade bewegt werden.
Vereinfacht gesagt zeigt sie, ob die starken Hände aktiv werden oder still bleiben. Ein hoher Wert bedeutet, dass viele alte Coins in Bewegung sind, was historisch oft an Markthochs passiert. Aktuell liegt der Wert bei rund 0,3, also sehr tief.
Das heisst, die langfristigen Halter bewegen ihre Coins kaum. Sie verkaufen nicht in die Korrektur hinein, sie sitzen still. Solche tiefen Werte sehen wir typischerweise in Bärenmärkten oder tiefen Korrekturphasen, also genau dort, wo viele Privatanleger nervös werden und die erfahrenen Halter Ruhe bewahren.
Das ist ein wichtiges Gegengewicht zur fehlenden Nachfrage. Ja, die neuen Käufer fehlen. Aber die bestehenden starken Hände werfen nicht hin, sie warten. Sie halten und rechnen offensichtlich mit höheren Kursen, bevor sie ans Verkaufen denken. Diese Geduld der Halter ist eines der stabilsten Elemente im aktuellen Markt.
On-Chain · Gewinne der Halter
Wo eine echte Kapitulation erst beginnen würde
Noch tiefer wird es bei den realisierten Gewinnen und Verlusten der langfristigen Halter. Deren durchschnittlicher Einstandspreis liegt bei rund 48'000 Dollar, während Bitcoin aktuell bei etwa 64'000 handelt. Die Gewinne, die diese Gruppe gerade realisiert, sind mit rund 32 Prozent so niedrig wie an keinem anderen Punkt in diesem Zyklus. Zum Vergleich, im Dezember 2024 lag dieser Wert noch bei 350 Prozent.
Das bedeutet, die langfristigen Halter nehmen kaum noch Gewinne mit, weil schlicht kaum noch grosse Buchgewinne da sind. Spannend wird der historische Vergleich. Das Ende der letzten Bärenmärkte war jeweils dadurch gekennzeichnet, dass die langfristigen Halter anfingen, Verluste zu realisieren. Damit das hier passiert, müsste Bitcoin unter 48'000 fallen, grob also unter die Marke von 50'000.
Ich sage ganz offen, ein solcher Rücksetzer ist nicht unwahrscheinlich, aber auch keineswegs ausgemacht. Es ist genau die Art Szenario, die man als Möglichkeit auf dem Schirm haben sollte, ohne sie als Gewissheit zu behandeln. Die Frage, ob wir noch eine Phase unter 50'000 sehen, ist für mich eine der offenen Schlüsselfragen dieses Sommers.
Bewertung · Langfristig
Langfristig eine der seltensten Einstiegszonen
Zum Abschluss der Blick, der alles in den grösseren Rahmen stellt. Checkonchain setzt den Bitcoin-Preis ins Verhältnis zu seinem Durchschnitt über 200 Wochen, also über rund vier Jahre. Mit der Quantil-Einordnung lässt sich ablesen, wie teuer oder günstig Bitcoin im historischen Vergleich gerade ist. Aktuell steht dieser Wert bei 9,9 Prozent.
Das heisst, gemessen an seiner eigenen Geschichte ist Bitcoin nur selten so günstig bewertet wie jetzt. Werte in dieser tiefen Zone markierten in der Vergangenheit immer wieder Phasen mit dem besten Verhältnis von Chance zu Risiko. Es ist die Art von Niveau, auf dem langfristige Investoren historisch belohnt wurden, auch wenn es kurzfristig unbequem war.
Genau hier liegt die Spannung dieser Woche. Kurzfristig fehlt die Nachfrage und ein Rücksetzer ist möglich. Langfristig befinden wir uns gemessen an dieser Kennzahl in einer der seltensten und attraktivsten Einstiegszonen der Bitcoin-Geschichte. Wer hier nur die kurzfristige Schwäche sieht und das grosse Bild ignoriert, übersieht möglicherweise das Wesentliche.
Was ich konkret tue
Wenn ich alles zusammennehme, ergibt sich ein ehrliches, zweigeteiltes Bild. Kurzfristig spricht vieles für Vorsicht. Der Aktienmarkt ist schmal, die Fed stellt sich auf hartnäckige Inflation ein, der Arbeitsmarkt bröckelt unter der Oberfläche, und bei Bitcoin fehlt die institutionelle Nachfrage. Ein Rücksetzer, der sogar bis in die Region testet, in der die langfristigen Halter ins Minus geraten, ist möglich und gehört auf den Schirm.
Gleichzeitig wäre es ein Fehler, deshalb pauschal bärisch zu werden. Die starken Hände bleiben ruhig und verkaufen nicht, und auf der langfristigen Bewertung ist Bitcoin so günstig wie nur selten in seiner Geschichte. Dazu kommt das grössere Makro-Bild, in dem immer mehr Schulden und ein dauerhaft höheres Inflationsrisiko langfristig für ein knappes Gut wie Bitcoin sprechen.
Deshalb bleibe ich kurzfristig geduldig und gehe keine Hektik ein, während ich das langfristige Bild klar konstruktiv sehe. Nicht aggressiv, kein all in, sondern diszipliniert und mit einem Plan. Wie genau ich mich positioniere und welche Level ich dabei beobachte, teile ich im The Sanctis Letter.
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