Der Auslöser
Jede Woche schaue ich mir die wichtigsten On-Chain Daten, Makro-Signale und Marktstrukturen an, damit du weisst, was wirklich passiert und warum sich der Markt so bewegt.
Seit Wochen ist die Geschichte immer dieselbe gewesen. Der Markt hat Geld an der Seitenlinie, aber keinen Grund, es einzusetzen. Die Nachfrage war tot, die Stimmung müde, der Preis unter fast jeder Kostenbasis. Was gefehlt hat, war ein Auslöser. Diese Woche ist er gekommen, und zwar von einer Seite, die ich so deutlich nicht erwartet hätte.
Die US-Wirtschaft hat im Juli Jobs verloren, nicht wenige geschaffen, sondern echte Stellen abgebaut. Gleichzeitig sind die ETFs nach Monaten der Abflüsse zum ersten Mal wieder mit Wucht auf der Kaufseite. Zwei Dinge, die zusammengenommen das Bild verschieben. In diesem Update gehe ich beide durch, ich zeige dir, warum das für die Zinsen entscheidend ist, und ich sage dir ehrlich, wo ich trotzdem vorsichtig bleibe.
Wenn du danach nicht nur das grosse Bild sehen, sondern auch die konkreten Szenarien und Level haben willst, mit denen ich arbeite, dann ist der The Sanctis Letter der nächste Schritt. Das ist mein privater Marktbrief, zwei bis drei Mal pro Woche, in dem ich durchspiele, wie ich mich mit meinem eigenen Geld positioniere und an welchen Punkten ich mein Bild ändere. Hier im gratis Update bleiben wir beim grossen Ganzen, und das reicht diese Woche für einiges an Klarheit.
Also, schauen wir es uns an.
Makro · Arbeitsmarkt
Die USA haben im Juli Jobs verloren, und das ist der Wendepunkt, auf den die Fed gewartet hat.
Fangen wir mit der Zahl an, die alles verschiebt. Die US-Wirtschaft hat im Juli 23'000 Stellen verloren. Erwartet war ein Plus von 85'000. Das ist keine kleine Abweichung, das ist eine Kehrtwende.
Dazu wurde die Zahl vom Juni nachträglich um weitere 37'000 nach unten korrigiert. Es ist der drittgrösste monatliche Jobverlust seit der Pandemie im Jahr 2020. Die Arbeitslosenquote ist zwar auf 4,1 Prozent gefallen, aber das liegt vor allem daran, dass Leute aus der Statistik fallen, wenn sie die Jobsuche aufgeben, nicht daran, dass es der Wirtschaft besser geht.
Warum das so wichtig ist. Die US-Notenbank Fed hat zwei Aufgaben, die Preise stabil halten und für Beschäftigung sorgen. Solange der Arbeitsmarkt stark war, konnte sie hart bleiben und die Zinsen oben halten, um die Inflation zu bekämpfen. Ein Arbeitsmarkt, der plötzlich Stellen abbaut, dreht diese Rechnung um. Jetzt bekommt die Fed einen echten Grund, über Zinssenkungen nachzudenken, und niedrigere Zinsen sind der Treibstoff, der Risiko-Assets wie Bitcoin bewegt.
Genau das meine ich mit Auslöser. Wochenlang war das Kapital da, aber der Markt hatte keinen Grund, es loszuschicken. Ein Arbeitsmarkt, der bricht, ist so ein Grund. Ich will das nicht überzeichnen, ein einzelner Monat macht noch keinen Trend, und die nächste Fed-Sitzung ist erst im September. Aber die Richtung hat sich mit dieser Zahl klar geändert.
Makro · Stagflation
Während der Arbeitsmarkt schwächelt, steigen die Preise im Dienstleistungssektor weiter.
Jetzt der Haken, denn so einfach ist das Bild nicht. Der ISM Services Index misst per Umfrage, wie es der Dienstleistungsbranche geht, also dem grössten Teil der US-Wirtschaft. Der Hauptwert liegt mit 54,1 knapp im Wachstumsbereich, alles über 50 heisst Expansion.
Aber unter der Oberfläche passiert etwas Unangenehmes. Die Beschäftigungskomponente ist um 3,6 Punkte auf 47,4 gefallen und damit in die Schrumpfung gerutscht, den vierten Monat mit Kontraktion in den letzten fünf. Das bestätigt den schwachen Arbeitsmarkt aus Abschnitt eins.
Gleichzeitig ist die Preiskomponente um 2,6 Punkte auf 70,3 gestiegen, den höchsten Stand seit Oktober 2022. Seit März 2024 ist dieser Wert um satte 16,9 Punkte geklettert. Das heisst, die Dienstleister zahlen und verlangen weiter steigende Preise, obwohl sie gleichzeitig Leute entlassen. Diese Kombination hat einen Namen, den kein Notenbänker hören will, Stagflation.
Schwaches Wachstum und Jobabbau auf der einen Seite, hartnäckige Inflation auf der anderen.
Was das für die Fed bedeutet, ist ein echtes Dilemma. Der schwache Arbeitsmarkt schreit nach Zinssenkungen, die klebrige Inflation im Dienstleistungssektor schreit nach hohen Zinsen. Genau deshalb ist die September-Sitzung so entscheidend, und genau deshalb bleibe ich trotz der guten Nachfrage-Signale von der On-Chain-Seite vorsichtig. Der Weg nach unten bei den Zinsen ist nicht so frei, wie die Jobzahl allein vermuten lässt.
Makro · Produktivität
Die Produktivität boomt, aber die Löhne der Arbeiter fallen real.
Ein dritter Makro-Baustein rundet das Bild ab und erklärt, warum die Firmen trotz allem gut dastehen.
Die Produktivität, also wie viel ein Arbeiter pro Stunde erwirtschaftet, ist im zweiten Quartal um 1,4 Prozent gestiegen, mehr als doppelt so viel wie die erwarteten 0,6 Prozent. Es ist bereits das fünfte Quartal in Folge mit steigender Produktivität. In der Industrie war der Anstieg mit 1,9 Prozent noch stärker, getragen von einem Produktionssprung von 4,6 Prozent, dem grössten seit Ende 2021.
Was das strukturell heisst. Wenn ein Unternehmen mit gleich vielen Leuten mehr produziert, sinken die Kosten pro Einheit. Genau das sehen wir, die Lohnstückkosten sind nur um 1,3 Prozent gestiegen, deutlich unter den erwarteten 2,4 Prozent. Für die Firmen und ihre Gewinne ist das gut. Für die Angestellten ist die Kehrseite bitter, denn die inflationsbereinigte Bezahlung ist um 3,2 Prozent gefallen, der grösste Quartalsrückgang seit Ende 2022. Die Arbeiter produzieren mehr, verdienen aber real weniger.
Was ich daraus lese. Dieser Produktivitätsschub ist der Grund, warum die Wirtschaft trotz Jobabbau noch nicht kippt und warum die Unternehmensgewinne stabil bleiben. Für den Markt ist das zweischneidig. Es hält die Wirtschaft am Laufen, aber fallende Reallöhne bedeuten auch, dass die normalen Haushalte weniger Spielraum haben, um zu konsumieren oder zu investieren. Das ist der stille Druck im Hintergrund, den man im Blick behalten muss.
On-Chain · ETF-Nachfrage
Die ETFs kaufen wieder, und zwar mit der zweitstärksten Woche des Jahres.
Kommen wir zur On-Chain-Seite, und hier ist die gute Nachricht. Die US-Spot-ETFs sind die Produkte, über die grosses, institutionelles Geld in Bitcoin fliesst, ohne selbst Coins verwahren zu müssen. Seit Mai waren die Zuflüsse fast durchgehend negativ, Woche für Woche ist mehr Geld raus als rein. Diese Woche hat sich das gedreht. Rund 11'792 Bitcoin sind in die ETF-Wallets geflossen, das entspricht etwa 754 Millionen Dollar an direktem Kaufdruck. Es ist die zweitbeste Woche des ganzen Jahres.
Warum das mehr ist als eine Momentaufnahme. Der Preis allein sagt nur, was gerade gezahlt wird. Die ETF-Flüsse sagen, ob die grosse, geduldige Nachfrage zurückkommt oder wegbleibt. Nach Monaten der Abflüsse ist so ein Wochenwert ein deutliches Lebenszeichen von genau der Käufergruppe, die im letzten Zyklus den Ton angegeben hat. Das passt perfekt zum Makro-Auslöser, denn wenn die Zinsfantasie zurückkommt, ist die Institutionsseite meist die erste, die kauft.
Ehrlich bleibt aber auch der Vorbehalt. Der durchschnittliche Einstandspreis dieser ETF-Halter liegt bei rund 72'000 Dollar, sie sitzen im Schnitt also noch etwa 10 Prozent im Minus. Eine einzelne starke Woche macht noch keinen Trend, die Frage ist, ob die Nachfrage hält. Aber nach dem, was wir seit Mai gesehen haben, ist das der klarste Hoffnungsschimmer auf der Nachfrageseite seit Langem.
Nach Monaten, in denen nur Geld abgeflossen ist, kommt die grosse Nachfrage mit Wucht zurück.
On-Chain · Verkaufsdruck
Die Verkäufe erschöpfen sich, und die Boden-Signale leuchten auf.
Das zweite gute On-Chain-Zeichen betrifft die Verkäuferseite. Wenn ich messe, wie viel Verlust im Markt tatsächlich realisiert wird, also zu welchem Preis Coins verkauft werden im Vergleich zum Einkaufspreis, dann steht der Wochenwert bei minus 368 Millionen Dollar netto. Das klingt nach viel, ist im Vergleich aber mild. Bei den Ausverkäufen im Februar und Juni lag dieser Wert bei minus 2 Milliarden und minus 1,2 Milliarden. Was wir jetzt sehen, ist kein Panikverkauf mehr, sondern ein langsames Zermürben. Wer verkaufen musste, hat grösstenteils verkauft.
Dazu kommt ein Signal, das historisch selten ist. Der Anteil der langfristigen Halter, die gerade im Verlust sitzen, ist auf rund 45 Prozent gesprungen. Langfristige Halter sind Wallets, die ihre Coins seit mindestens etwa einem halben Jahr nicht bewegt haben, also die geduldige, überzeugte Basis des Marktes. Wenn ein so grosser Teil von ihnen unter Wasser steht, war das in der Vergangenheit fast immer in der Nähe von Marktböden der Fall, nicht von Tops. Die Kennzahl LTH-SOPR, die misst, ob diese Gruppe im Schnitt mit Gewinn oder Verlust verkauft, ist auf 0,92 gefallen und damit in die Zone, die historisch als Bodenalarm gilt.
Was ich daraus lese. Erschöpfte Verkäufer, ein milder werdender Verlustdruck und Boden-Signale, die aufleuchten, das ist die Sorte Umfeld, aus der Wenden entstehen. Kein einzelnes dieser Signale ist ein Garant, aber zusammen mit der zurückkehrenden ETF-Nachfrage ergibt sich ein Bild, das strukturell freundlicher ist als noch vor ein paar Wochen. Die Basis wird stabiler, während der Preis noch müde aussieht.
On-Chain · Langzeithalter
Aber Vorsicht, auch die geduldigen Hände fangen an zu verkaufen.
Damit du kein einseitiges Bild bekommst, hier der wichtigste Vorbehalt dieser Woche. Der Anteil, den die langfristigen Halter am gesamten Bitcoin-Angebot halten, hat vor Kurzem ein Allzeithoch von 84 Prozent erreicht und beginnt jetzt zu fallen. In den letzten acht Tagen haben diese Halter rund 137'000 Bitcoin verkauft. Wenn genau die Gruppe, die sonst durch dick und dünn hält, anfängt Coins abzugeben, ist das ein Warnsignal, das man ernst nehmen muss.
Aber man muss genau hinschauen, sonst zieht man den falschen Schluss. Der durchschnittliche Einstandspreis aller langfristigen Halter liegt bei nur 49'300 Dollar. Bei einem Preis um 64'000 sitzen die meisten von ihnen also immer noch rund 30 Prozent im Gewinn. Die Verkäufe kommen nicht von den alten, tief profitablen Walen, die in Panik geraten. Sie kommen von der jüngsten Gruppe innerhalb der Langzeithalter, von denen, die vor sechs bis neun Monaten nahe der Höchststände gekauft haben und jetzt mit Verlust aussteigen. Der eigentliche Stress bleibt bei den kurzfristigen Haltern konzentriert.
Was das fürs Gesamtbild heisst. Es ist keine breite Kapitulation der starken Hände, es ist ein Ausschütteln der schwächsten unter den Geduldigen. Trotzdem gehört dieser Punkt auf den Tisch, denn solange die Langzeithalter netto Coins abgeben, gibt es zusätzliches Angebot, das die zurückkehrende Nachfrage erst einmal aufsaugen muss. Genau deshalb ist das Bild diese Woche freundlicher, aber noch nicht eindeutig.
Netzwerk · Bitcoin-Fork
Ein technischer Streit hat zu einer kleinen Kettenspaltung geführt, aber die Ruhe bewahren.
Zum Schluss noch ein Ereignis, das diese Woche für Schlagzeilen gesorgt hat und das man richtig einordnen muss. Ein vorgeschlagenes Update der Bitcoin-Software, bekannt als BIP 110, ist offiziell gescheitert. Ein Teil der Betreiber wollte es durchsetzen, ein anderer Teil hat es abgelehnt, und weil sich beide Lager bei Block 961'632 nicht einig wurden, hat sich eine kleine, eigene und inkompatible Kette abgespalten. Vereinfacht gesagt haben sich zwei Gruppen über eine Regeländerung gestritten und gehen jetzt getrennte Wege.
Warum du deswegen nicht nervös werden musst. Solche Spaltungen gab es in der Geschichte von Bitcoin schon mehrfach, und fast immer hat sich die Hauptkette, also die mit der grössten Rechenleistung und dem breitesten Konsens, klar durchgesetzt. Die abgespaltene Kette verliert in der Regel schnell an Bedeutung. Für den Bitcoin, den du hältst und den die Börsen und ETFs abbilden, ändert sich dadurch nichts Grundlegendes. Es ist mehr ein Zeichen dafür, wie hart im Hintergrund über die Zukunft des Protokolls gerungen wird.
Ich nehme das eher als Randnotiz mit, nicht als Marktthema. Kurzfristig kann so etwas für Unsicherheit und Schlagzeilen sorgen, aber am grossen Bild aus Makro und Nachfrage ändert es nichts. Wichtig ist nur, dass du weisst, was passiert ist, und dich nicht von reisserischen Überschriften aus der Ruhe bringen lässt.
Mein Fazit
Diese Woche hat der Markt etwas bekommen, das ihm lange gefehlt hat, einen Auslöser. Der Arbeitsmarkt bricht, und das dreht die Rechnung der Fed in Richtung Zinssenkungen, dem Treibstoff, auf den Risiko-Assets warten. Gleichzeitig ist die grosse Nachfrage über die ETFs mit der zweitstärksten Woche des Jahres zurück, die Verkäufe erschöpfen sich, und die Boden-Signale on-chain leuchten auf. Vor ein paar Wochen war das Bild ausgetrocknet. Jetzt bekommt es zum ersten Mal wieder Substanz.
Trotzdem wechsle ich nicht in blinden Optimismus, und das ist mir wichtig. Auf der einen Seite steht die Stagflationsgefahr, steigende Preise im Dienstleistungssektor, die der Fed die Hände binden könnten. Auf der anderen Seite fangen sogar die langfristigen Halter an, Coins abzugeben, auch wenn es die schwächsten unter ihnen sind. Das ist zusätzliches Angebot, das die neue Nachfrage erst verdauen muss.
Und der grosse Makro-Termin kommt erst im September.
Keine Anlageberatung. Alle Inhalte dienen der Information und der Meinungsbildung. Über FabianHinweisImpressumDatenschutz