Trotzdem
Die Zinserwartung hat sich komplett gedreht, das Kapital fliesst raus, die kurzfristigen Halter kapitulieren. Und Bitcoin? Steht trotzdem.
Vor einem Jahr war die einzige Frage am Markt, wie oft die Fed dieses Jahr senkt. Drei Zinssenkungen waren eingepreist, alle haben auf billiges Geld gewartet. Heute stehen wir am exakt anderen Ende. Die Fed hat erhöht, sie deutet weitere Schritte an, und der Markt spielt inzwischen ganz ernsthaft eine nächste Erhöhung im Oktober durch. Von Lockerung zu Straffung. Diese eine Drehung ist die Geschichte hinter allem, was gerade passiert.
Und jetzt kommt der Teil, der mich diese Woche nicht loslässt. Das ganze Umfeld schreit nach unten. Die Renditen steigen, das Geld verlässt die ETFs, die nervösen Halter werfen mit Verlust hin. Und Bitcoin bricht trotzdem nicht ein. Der Preis steht. Das ist interessant, und ich zeige dir diese Woche genau, woher diese Widerstandsfähigkeit kommt und wo sie an ihre Grenze stösst. Ich sage aber gleich dazu, das ist kein Beweis für Stärke. Es ist ein Zustand, den man sehr genau anschauen muss.
Wenn du wissen willst, wie ich mich in diesem Umfeld konkret positioniere, mit klaren Zonen, Szenarien und Levels, findest du das im The Sanctis Letter, meinem privaten Marktbrief zwei bis drei Mal pro Woche. Hier im gratis Update geht es ums grosse Bild. Und das fangen wir jetzt an auseinanderzunehmen.
Makro · Zinserwartungen
Der Markt spielt plötzlich eine Erhöhung durch
Auf Polymarket wetten Menschen mit echtem Geld auf den Ausgang von Ereignissen, und genau deshalb schaue ich da hin. Aktuell liegt die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinserhöhung im Oktober bei 53 Prozent. Eine Erhöhung ist damit das leicht wahrscheinlichere Szenario geworden, ein Halten kommt auf 47 Prozent. Und das ist keine Handvoll Zocker, in diesem Markt stecken über sieben Millionen Dollar.
Jetzt kommt der Hammer. Vor einem Jahr hat der Markt für genau diesen Oktober drei Zinssenkungen erwartet. Wenn die Fed nächsten Monat wirklich noch mal erhöht, liegt der Leitzins rund 125 Basispunkte höher als das, was damals eingepreist war. 1,25 Prozentpunkte in die komplett falsche Richtung. Der ganze Pfad, auf den sich alle eingestellt hatten, wurde umgedreht.
Für Risikoanlagen gibt es fast keine unbequemere Ausgangslage. Höhere Zinsen heisst, sicheres Geld wirft mehr ab und riskantes Geld wird teurer. Beides zieht Kapital aus Sachen wie Bitcoin ab. Und trotzdem steht der Preis. Genau das ist der rote Faden dieser Woche.
Vor einem Jahr wurden drei Senkungen erwartet. Heute wird eine Erhöhung durchgespielt.
Makro · Anleihen
Die 2-jährige Rendite so hoch wie seit über zwei Jahren nicht
Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen ist auf 4,74 Prozent geklettert, der höchste Stand seit 26 Monaten. Kurz erklärt, das ist der Zins, den der Staat zahlt, wenn er sich für zwei Jahre Geld leiht, und keine Zahl bildet die kurzfristige Zinserwartung des Marktes sauberer ab. Wenn sie steigt, sagt der Markt damit klar, ich rechne mit höheren Zinsen und nicht mit tieferen.
Und der Chart ist kein Zufallsausschlag. Das ist ein Trend nach oben, der sich zuletzt richtig beschleunigt hat. Solange die Fed weitere Schritte andeutet und die Ölpreise hoch bleiben, ist die 5 Prozent in den nächsten Monaten kein wildes Ziel. Die zehnjährige Rendite kratzt übrigens auch schon an der 5 Prozent.
Warum dich das als Krypto-Anleger interessieren muss. Die Rendite sicherer Anleihen ist die Alternative zu allem anderen. Je mehr risikolose Staatsanleihen abwerfen, desto stärker der Sog, der Geld aus riskanteren Anlagen zieht. Steigende Renditen sind Gegenwind für Bitcoin, und dieser Gegenwind hat gerade zugelegt.
Makro · Japan
Und dann ist da noch diese Frage aus Tokio
Hier gehe ich bewusst auf Zehenspitzen, weil es eine These ist und kein Fakt. Gleichzeitig passiert gerade Folgendes. Die US-Rendite steigt, und der Dollar fällt gegen den japanischen Yen, USD/JPY ist auf rund 156,6 gerutscht. Das wirft eine unangenehme Frage auf, verkauft die japanische Notenbank gerade US-Staatsanleihen, um den Yen zu stützen? Denn wenn ein so grosser Halter Anleihen abstösst, drückt das die Kurse und treibt die Renditen nach oben.
Ich sage es ganz deutlich, das ist eine Vermutung. Es gibt keine offizielle Bestätigung, und die Bewegung kann auch andere Gründe haben. Ich nehme es als mögliche zusätzliche Erklärung dafür, warum die Renditen gerade so unter Druck stehen, mehr will ich daraus nicht machen.
Wichtiger als die Antwort ist die Denkweise. Der Anleihemarkt ist der grösste Finanzmarkt der Welt. Wenn dort etwas ins Rutschen kommt, spürt es am Ende jede einzelne Anlageklasse, auch Bitcoin. Deshalb habe ich diese Frage auf dem Radar, auch wenn sie heute nur ein Fragezeichen ist.
Das ist eine Vermutung, kein Fakt. Aber es ist eine Frage, die man sich stellen sollte.
On-Chain · ETF-Flüsse
Bitcoin hält, aber die Käufer werden weniger
Bei den amerikanischen Bitcoin-ETFs war es die zweite negative Woche in Folge. Rund 5'700 Bitcoin haben die ETF-Bestände verlassen. ETFs sind die börsengehandelten Produkte, über die auch grosse und institutionelle Anleger Bitcoin kaufen, ohne selbst Coins verwahren zu müssen. Fliesst da netto Geld raus, heisst das schlicht, diese Käuferschicht verkauft gerade mehr als sie zukauft.
Der Freitag war für die ETFs sogar ein starker Tag, aber er hat nicht gereicht, um die Woche zu drehen. Passt ins Bild, die Nachrichtenlage war mies, zwischen der Aussicht auf höhere Zinsen und geopolitischen Spannungen. Dass die grossen Adressen da vorsichtig werden, ist absolut nachvollziehbar.
Und genau hier wird es spannend. Die Nachfrage von aussen lässt nach, das grosse Geld wird zurückhaltender, und der Preis hält sich trotzdem. Das ist keine Stärke, die man abfeiern sollte. Aber es ist ein Ungleichgewicht, das mir auffällt und das man ernst nehmen muss. Weniger Käufer, und trotzdem kein Einbruch.
In eigener Sache
Kurze Sache, bevor du weiterliest
Die meisten von euch wissen es längst, aber ich sage es hier nochmal, weil dieses Marktupdate die meisten von euch lesen. Meine On-Chain Masterclass wird ab Montag geschlossen.
Kurzfassung, warum. Ich habe schlicht nicht die Zeit, alle Leute so zu betreuen, wie sie es verdienen. Deshalb mache ich die Masterclass auf unbestimmte Zeit zu, und realistisch öffne ich sie wahrscheinlich erst nächstes Jahr wieder.
Heisst konkret, die Rabatt-Aktion, die ich auf X angekündigt habe, läuft noch bis morgen, Montag. Danach ist die Masterclass zum ersten Mal dauerhaft dicht. Wenn du also mit dem Gedanken gespielt hast, ist das dein Zeitfenster.
Markt · Stimmung
Der Markt steht auf Messers Schneide
Der Bull Score Index von CryptoQuant ist zurück auf 60 und damit im bullischen Bereich. Der Index quetscht mehrere Marktbedingungen in eine einzige Zahl zwischen 0 und 100. Ab 60 gilt es als bullisch, bis 40 als bearisch. Der Bereich dazwischen ist Niemandsland, da hat keine Seite die Kontrolle.
Was mich am Chart aber wirklich packt, ist nicht der Wert selbst. Es ist, wie brutal hektisch er zuletzt hin und her springt. Eben noch tief unten, dann sprunghaft nach oben geschossen, und jetzt pendelt er direkt an der Kippgrenze. Das ist ein Bild von einem Markt, der komplett unentschieden und nervös ist.
Für mich ist das eine Bestätigung des Gesamtbilds und ganz sicher kein Kaufsignal. Ein Markt, der so schnell zwischen den Zuständen hin und her kippt, hat keine klare Richtung, die Kräfte halten sich fast die Waage. In solchen Phasen entscheidet nicht die Stimmung. Es zählt einzig, was an den wichtigen Preiszonen tatsächlich passiert.
On-Chain · Regulierung und Kapitulation
Ein Schock aus Washington, und wer daraufhin abgeworfen hat
Diese Woche kam ein regulatorischer Schlag ins Gesicht. Der Clarity Act, das Gesetz das dem US-Kryptomarkt endlich klare Regeln geben sollte, ist im Senat durchgefallen. 49 zu 50, gebraucht hätte es 60 Stimmen. Alle Demokraten dagegen, dazu drei abtrünnige Republikaner. Und weil die Senatoren Anfang Oktober bis nach den Zwischenwahlen weg sind, rückt echte regulatorische Klarheit womöglich bis 2027 in die Ferne.
Diese Unsicherheit hat vor allem die kurzfristigen Halter in Panik versetzt. Diese Gruppe, kurz STH, sind die Wallets, die ihre Coins seit weniger als etwa sechs Monaten halten. Es ist die nervöseste Hand am Markt, meist teurer eingekauft und schneller am Verkaufen. Ihre Zuflüsse zu den Börsen, also die Coins die zum Verkauf bereitgestellt werden, sind von 19'400 auf 33'100 Bitcoin hochgeschossen. Über 10'000 davon allein auf Binance, und auf Kraken sprang der Zufluss von normal rund 2'000 auf 6'000 Bitcoin.
Zwei Dinge stechen richtig raus. Erstens, der Grossteil dieser Coins ging mit Verlust auf die Börsen, rund 23'200 Bitcoin, die grösste Kapitulation kurzfristiger Halter im ganzen Monat. Zweitens, und das ist der Teil den kaum jemand erzählt, auf Coinbase Advanced, wo eher die grossen Adressen handeln, lag der Zufluss bei ganz normalen 7'300 Bitcoin. Heisst, die grossen institutionellen Wallets haben diese Verkaufswelle nicht getragen. Es waren die kleinen, nervösen Hände, die kapituliert haben, und nicht das grosse Geld.
Es waren die kleinen, nervösen Hände, die kapituliert haben, und nicht das grosse Geld.
On-Chain · Die Frage unter der Oberfläche
Zwischen Boden und Deckel
Unter dem ganzen Nachrichtenlärm läuft eine leisere, aber viel wichtigere Geschichte. Bitcoin klemmt gerade in einer engen Spanne zwischen zwei Linien. Die kommen nicht aus Charttechnik, die kommen direkt aus dem Verhalten der Anleger. Die untere Linie ist die durchschnittliche Kostenbasis der aktiv bewegten Coins, also der Preis, zu dem der aktive Markt im Schnitt gekauft hat. Solange Bitcoin darüber steht, ist die Mehrheit dieser Halter im Plus und hat keinen Grund zur Panik. Diese Linie wirkt wie ein Boden.
Darüber liegt eine zweite Linie, die kapitalgewichtete Kostenbasis. An dieser Marke ist Bitcoin in der Vergangenheit schon mehrfach abgeprallt, weil dort viele ihre Verluste ausgleichen und rauswollen. Diese Linie wirkt wie ein Deckel. Und genau zwischen diesen beiden Kräften steckt der Preis gerade fest.
Ich nenne dir hier bewusst keine konkreten Zahlen zu diesen Linien, denn genau da entscheidet sich alles. Welche Kraft zuerst nachgibt, der Boden nach unten oder der Deckel nach oben, bestimmt die nächste grosse Bewegung. Wo diese Linien exakt liegen, was das für konkrete Zonen bedeutet und wie ich mich dazu stelle, das arbeite ich Stück für Stück im The Sanctis Letter durch.
Genau diese beiden Linien, mit konkreten Zahlen, klaren Zonen und dem was ich selbst damit mache, stehen im The Sanctis Letter. Zwei bis drei Ausgaben pro Woche, 34.90 Franken im Monat, jederzeit kündbar. Hier geht es direkt zum Letter
Mein Fazit
Das Bild dieser Woche ist ein einziger Widerspruch, und den soll man aushalten, statt ihn sich schönzureden. Die Zinserwartung komplett gedreht, von drei erwarteten Senkungen zu einer möglichen Erhöhung. Die Renditen steigen, die zweijährige so hoch wie seit über zwei Jahren nicht. Das Kapital verlässt die ETFs die zweite Woche in Folge. Und die kurzfristigen Halter legen die grösste Kapitulation des Monats hin. Jedes einzelne Signal ist Gegenwind.
Und trotzdem steht Bitcoin. Das ist der Teil, den ich ehrlich nicht mit Begeisterung feiere, ich schaue ihn mir mit Vorsicht an. Widerstandsfähigkeit in einem miesen Umfeld ist bemerkenswert, aber sie ist noch lange kein neuer Aufwärtstrend, und ich verkaufe sie dir auch nicht als einen. Das einzig wirklich Positive, es waren die nervösen kleinen Adressen, die verkauft haben, und nicht die grossen Wallets.
Für mich heisst das, ruhig bleiben und verdammt genau hinschauen. Die eine entscheidende Frage lautet, welche der beiden Kostenbasis-Linien zuerst bricht. Solange das offen ist, ist Zurückhaltung die klügste Haltung. Wie ich das in konkrete Zonen und Positionierung übersetze, steht wie immer im Letter. Hier zählt, dass du diesen Widerspruch verstanden hast, denn das ist schon die halbe Miete.
Keine Anlageberatung. Alle Inhalte dienen der Information und der Meinungsbildung. Über FabianHinweisImpressumDatenschutz