Das Token-Depot
Ein ganzes Portfolio in einer Wallet, rund um die Uhr handelbar und von Code verwaltet: Heute wird ein solches Depot vor allem teurer und kaum flexibler. Wirklich neu ist nur eine Sache, und ausgerechnet sie bringt das grösste Risiko mit.
Über Tokenisierung wird meist Produkt für Produkt gesprochen, hier ein Treasury-Token, dort eine Aktie als Token. Die grössere Behauptung der Branche betrifft aber das ganze Depot: alles in einer Wallet, sofort verrechnet, jederzeit umgeschichtet, als Sicherheit nutzbar und am Ende von Code verwaltet. Wie viel davon heute schon stimmt, lässt sich an den Zahlen von Anfang Oktober recht genau ablesen.
Stand heute
Ein Gerüst aus Cash und Bitcoin
Tokenisierte Wertpapiere, die ein Anleger in seine eigene Wallet holen kann, waren am 4. Oktober 2026 rund 38,7 Milliarden Dollar wert. Zehnmal so viel ist zwar ebenfalls auf Blockchains verbucht, dient dort aber nur als internes Register von Plattformen, vor allem für Repo-Geschäfte zwischen Finanzinstituten, und lässt sich nicht übertragen.
Davon sind 14,8 Milliarden tokenisierte US-Staatsanleihen und Geldmarktprodukte, also Cash-Ersatz. Der grösste Teil des Rests sind Kredite und Gold. Aktien und Aktien-ETF-Token kommen auf 3,2 Milliarden Dollar: Von jeder Million Dollar am Weltaktienmarkt sind damit rund 20 Dollar tokenisiert, bei Anleihen sieht das Verhältnis kaum besser aus. Vollständig on-chain ist genau eine Anlageklasse, und das ist Bitcoin.
Am deutlichsten wird die Lücke bei den Bausteinen eines einfachen Weltportfolios. Vom Token auf einen Welt-Aktien-ETF sind nur 0,41 Millionen Dollar im Umlauf, einen Token auf einen Weltanleihen-ETF gibt es gar nicht. Ein klassisches Portfolio aus Aktien und Anleihen muss man on-chain aus US-lastigen Einzelbausteinen zusammensetzen, deren Handel an wenigen Market Makern hängt.
Rechtsform
Eine Forderung auf die Aktie
Die verbreiteten Aktien-Token sind keine Aktien. Die xStocks von Backed sind Tracker-Zertifikate einer Gesellschaft auf Jersey, die Token von Ondo Schuldverschreibungen einer Gesellschaft auf den Britischen Jungferninseln, die Token von Robinhood in der EU Derivate mit Robinhood als einziger Gegenpartei. Ein Stimmrecht gibt keines davon.
Damit liegt nicht das Portfolio on-chain, nur eine Forderung darauf. Der Anleger hat einen Anspruch gegen eine Zweckgesellschaft, die ihrerseits Aktien bei einer Depotbank hält, und die Kette der Beteiligten wird länger. Getrennt verwahrte Aktien und ein Treuhänder für die Sicherheiten verringern das Risiko eines Emittentenausfalls, beseitigen es aber nicht. Ein Schweizer Privatanleger kauft den Token zudem an einer Kryptobörse und kann die Rückgabe gegen die Aktie nicht selbst auslösen, denn das bleibt Profis vorbehalten.
Billiger wird es auch nicht. Ondo legt Dividenden nach Abzug von 30 Prozent US-Quellensteuer wieder an, ein Schweizer mit einem direkt gehaltenen US-ETF zahlt dagegen 15 Prozent und kann sie sich anrechnen lassen. Ein Musterportfolio aus 60 Prozent Weltaktien, 30 Prozent Anleihen, 5 Prozent Geldmarkt und 5 Prozent Bitcoin kostet als günstiges ETF-Depot rund 60 Franken pro Jahr auf 100'000 Franken. Mit Token nachgebaut sind es nach eigener Rechnung 380 bis 730 Franken, noch ohne Handelskosten.
Die vollwertige Variante ist in den USA seit März 2026 zugelassen: tokenisierte Aktien grosser Firmen mit denselben Rechten, gehandelt im selben Orderbuch wie die klassischen. Abgewickelt werden sie aber weiterhin am Folgetag über das bestehende System, und Zugang haben nur Banken und Broker. Der Token mit vollen Rechten ist damit ein Teil der alten Infrastruktur.
Abwicklung
Sofort heisst vorfinanziert
Das grosse technische Versprechen ist die sogenannte atomare Abwicklung: Wertpapier und Geld wechseln in derselben Transaktion den Besitzer, oder es passiert gar nichts. Heute sammelt dagegen eine zentrale Gegenpartei alle Geschäfte eines Tages, rechnet Käufe und Verkäufe gegeneinander auf, und am Folgetag fliessen nur noch die Salden. In den USA senkt diese Verrechnung die nötigen Zahlungen um 98 Prozent.
Atomare Abwicklung verzichtet darauf. Jedes Geschäft muss im Moment des Handels voll bezahlt sein, und die Marktteilnehmer bräuchten grob bis zu 50-mal so viel Geld in der Kasse. Ein Privatanleger mit Bargeldkonto zahlt heute ohnehin im Voraus und merkt davon direkt wenig. Die Kosten tragen Market Maker und Broker, und über Spreads und Finanzierungskosten landen sie am Ende doch beim Anleger.
On-chain wird zudem gegen Stablecoins abgewickelt, also gegen private Dollar-Token statt Zentralbankgeld. Das Risiko wandert damit von der Clearingstelle in die Kasse des Portfolios.
Liquidität
Rund um die Uhr zum Freitagspreis
Aktien-Token werden an manchen Börsen auch am Wochenende gehandelt. Im September 2026 lag ihr Preis am Sonntagabend aber praktisch beim Freitagsschluss: Die Bewegung bis zur Eröffnung am Montag nahm er im Mittel nur zu einem Zehntel vorweg. Sobald am Montagmorgen der US-Vorbörsenhandel lief, lag er dagegen typischerweise nur noch 0,3 Prozent neben der Eröffnung.
Der Grund ist die Arbitrage. Ein Token bleibt nahe am Wert der Aktie, weil Händler ihn beim Emittenten gegen die Aktie tauschen können, sobald der Preis abweicht, und das geht nur bei offenem Basismarkt. Am Wochenende stellen Market Maker für beliebte Titel zwar enge Kurse, aber eben um den alten Preis.
Heikel wird es, wenn am Wochenende tatsächlich etwas passiert. Nach dem Zollschock vom 10. Oktober 2025 schwankte der S&P-500-Token vor der Eröffnung am Montag zwischen 615 und 685 Dollar, der ETF selbst eröffnete bei 660,65 Dollar. In diesen Stunden kamen ganze 30 Abschlüsse über zusammen 7'852 Dollar zustande. Wer in diesem Fenster ein Portfolio umgeschichtet hätte, hätte zu Zufallspreisen gehandelt.
Für ein ganzes Portfolio zählt ausserdem das langsamste Bein. Am Sonntag, 4. Oktober, liessen sich Apple- und Nvidia-Token zu sehr engen Spreads handeln, die Orderbücher des Welt-ETF-Tokens und der Geldmarkt-Token waren dagegen leer. Die Rückgabe an den Emittenten läuft ohnehin nur an Geschäftstagen. Ein Rebalancing am Wochenende scheitert also nicht an der Blockchain, es scheitert an den geschlossenen Märkten dahinter.
Verwaltung
Schneller umschichten hilft nicht
Bleibt das Versprechen, ein Portfolio laufend auf seine Zielgewichte zurückzuführen. Die Forschung von Vanguard zeigt: Für die meisten Anleger ist ein jährliches Rebalancing optimal, ein monatliches schon zu häufig. Die risikobereinigte Rendite ändert sich mit häufigerem Umschichten kaum, die Kosten steigen dagegen stark.
Robo-Advisor und Indexfonds erledigen das Rebalancing heute ohne Blockchain, und in der Schweiz kommt die Steuer hinzu. Wer Wertschriften kürzer als sechs Monate hält, im Jahr mehr als das Fünffache seines Anfangsbestands umsetzt oder auf Kredit investiert, riskiert, dass die Steuerverwaltung seinen Fall auf gewerbsmässigen Handel prüft. Ein Algorithmus, der laufend umschichtet und Positionen beleiht, berührt genau diese Grenzen.
Auch die Verwaltung durch Code ist klein. Kuratierte DeFi-Tresore, in denen ein Dritter die Regeln setzt und ein Smart Contract das Geld verteilt, verwalteten Anfang Oktober rund 10 Milliarden Dollar, fast nur Kredite in Krypto und Stablecoins. Ein von Code gesteuertes Mandat aus Aktien, Anleihen und Geldmarkt gibt es in nennenswerter Grösse nicht, und für KI-Agenten als Verwalter existiert noch kein Produkt mit relevantem Volumen. Und wer seine Token selbst verwahrt, kontrolliert nur den Token, nicht den Wert dahinter. Der Emittent kann Wallets sperren, der Kurator bestimmt das Risiko im Tresor.
Sicherheiten
Das einzig wirklich Neue
Eine Sache entsteht tatsächlich erst, wenn alles auf derselben Infrastruktur liegt: Jede Position kann sofort als Sicherheit für einen Kredit dienen. Seit dem 28. September 2026 können Nutzer ausserhalb der USA auf der Kreditplattform Aave sieben tokenisierte US-Aktien wie Apple oder Nvidia hinterlegen und dagegen je nach Titel 65 bis 79 Prozent ihres Werts in Stablecoins leihen. Aktien, Kasse und Krypto hängen damit am selben Kredit.
Die Preise dieser Sicherheiten liefern sogenannte Orakel, also externe Preisfeeds für Smart Contracts. Für die Aktien bleibt am Wochenende der letzte Preis stehen, die Sicherheit kann also nicht fallen, auch wenn Nachrichten ihren Wert längst verändert haben. Das Risiko staut sich bis Montag, während derselbe Token an einer Börse bereits zu einem anderen Preis handelt.
Im klassischen Depot löst ein Kurssturz bei Bitcoin keinen Zwangsverkauf von Apple aus. In einem beliehenen On-Chain-Portfolio kann genau das geschehen. Fällt Krypto oder verliert der Stablecoin seine Bindung an den Dollar, sinkt die Deckung des ganzen Kontos, und verkauft wird, was gerade liquide ist, unabhängig davon, woher der Verlust kam.
Wie schnell solche Ketten ablaufen, zeigt die Kryptowelt. Im März 2023 fiel der Stablecoin USDC über ein Wochenende auf rund 0,87 bis 0,88 Dollar, weil ein Teil der Reserven bei der zusammengebrochenen Silicon Valley Bank lag. Am 10. Oktober 2025 bewertete Binance einen synthetischen Dollar zum Preis im eigenen Orderbuch, weit unter seinem Gegenwert, und löste damit Liquidationen aus; die Börse zahlte danach 283 Millionen Dollar Entschädigung. Im November 2025 brach der Token xUSD an einem Tag auf 0,26 Dollar ein und belastete andere Tresore, die ihn als Sicherheit hielten.
Bisher blieb dieses Muster auf Krypto beschränkt. Ob auch tokenisierte Aktien im Stress mitgerissen würden, ist offen, denn ihre Beleihung ist dafür noch zu jung und zu klein. Der Mechanismus wäre aber derselbe.
Was sich wirklich ändert
Für einen typischen Anleger ändert sich heute weniger, als die Branche verspricht, und manches wird schlechter. Ein On-Chain-Portfolio ist ein Gerüst aus Forderungen, es kostet ein Mehrfaches eines ETF-Depots und handelt am Wochenende zum Freitagspreis. Und das Echtzeit-Rebalancing löst ein Problem, das Anleger nicht haben.
Strukturell neu ist die Möglichkeit, alle Positionen in einem System als Sicherheit zu nutzen. Gerade sie verbindet Aktien, Kasse und Krypto über Liquidationsregeln und Orakel und kann im Stress einen Gleichlauf erzeugen, den ein klassisches Depot nicht kennt. Der grösste Vorteil des On-Chain-Portfolios und sein grösstes neues Risiko sind dieselbe Eigenschaft.
Damit das Szenario für normale Anleger real wird, bräuchte es Token mit vollen Aktionärsrechten, die Privatanleger direkt kaufen können, und eine Kasse aus Bank- oder Zentralbankgeld, die auch am Wochenende abwickelt. Dazu kämen Basismärkte mit längeren Handelszeiten, die gleiche Steuerbehandlung wie bei direkt gehaltenen Wertpapieren und Liquidationsregeln, die geschlossene Märkte berücksichtigen. Für Schweizer Privatanleger ist im Oktober 2026 keine dieser Bedingungen erfüllt.
Ohne Emittenten, ohne Zertifikat und ohne geschlossenen Basismarkt liegt heute nur Bitcoin on-chain. Für alles andere ist die Infrastruktur noch im Bau.
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