Nach der Kaskade
Bitcoin fiel am Donnerstagabend bis auf 80'329 Dollar. Dabei wurden gehebelte Wetten im Wert von rund 1,16 Milliarden Dollar zwangsweise geschlossen. Die Nacht blieb ruhig, am Morgen steht Bitcoin wieder bei rund 82'400 Dollar. Heute zählen die ETF-Zahlen vom Donnerstag und um 16 Uhr die Inflationserwartungen der US-Haushalte.
In 5 Minuten durch
Bitcoin fiel am Donnerstag bis 19 Uhr auf 80'329 Dollar, erholte sich über Nacht ruhig und stand gegen 6:20 Uhr bei rund 82'400 Dollar, fast auf dem Stand von vor 24 Stunden. Am Kryptomarkt wurden in 24 Stunden rund 1,16 Milliarden Dollar an gehebelten Positionen zwangsgeschlossen, fast 700 Millionen davon in vier Stunden. Bereits am Mittwoch flossen rund 485 Millionen Dollar aus den US-Spot-Bitcoin-ETFs ab. Im Hintergrund steht eine Fed, in der über weitere Zinserhöhungen diskutiert wird, und eine zehnjährige US-Rendite von über 5 Prozent. Heute zählen die ETF-Flüsse vom Donnerstag und um 16 Uhr die Inflationserwartungen der Universität Michigan.
Guten Morgen. Der Sturm kam gestern am späten Nachmittag, die Nacht selbst war ruhig. Bis heute früh hat Bitcoin den Rückschlag fast vollständig aufgeholt. Hier ist, was hinter dem Abverkauf steckt und warum der Markt heute vor allem auf eine Zahl aus Michigan schaut.
Bitcoin über Nacht
Der Abverkauf kam am Abend
Der Einbruch kam am Donnerstag am späten Nachmittag. In der Stunde ab 17 Uhr Zürcher Zeit fiel Bitcoin von rund 82'645 auf 80'980 Dollar. Das war ein Minus von 2 Prozent in einer einzigen Stunde, bei dem höchsten Handelsvolumen des ganzen Tages. Um 19 Uhr erreichte Bitcoin das Tief bei 80'329 Dollar.
Die Nacht selbst verlief ruhig. Zwischen 21 Uhr und 4:30 Uhr stieg Bitcoin um 0,5 Prozent auf 81'864 Dollar, die Schwankungen blieben gering. Auch am Terminmarkt tat sich wenig. Das Open Interest, also der Wert aller offenen Terminkontrakte, blieb praktisch unverändert, und die Finanzierungsgebühr, die sich Käufer und Verkäufer dieser Kontrakte gegenseitig zahlen, lag im neutralen Bereich.
Seit dem frühen Morgen geht die Erholung weiter. Gegen 6:20 Uhr notierte Bitcoin bei rund 82'400 Dollar, gut 2,5 Prozent über dem Tief und fast genau auf dem Stand von vor 24 Stunden. Der Kurs hat den Schaden also vorerst wettgemacht. Offen bleibt, was den Abverkauf ausgelöst hat und warum er so heftig ausfiel.
Liquidationen
Warum der Fall so heftig war
Viele Trader kaufen Bitcoin nicht direkt. Sie wetten mit geliehenem Geld auf steigende Kurse. Fällt der Kurs unter eine bestimmte Schwelle, schliesst die Börse eine solche Long-Position automatisch und verkauft dafür. Diese Zwangsverkäufe drücken den Kurs weiter und lösen die nächsten Liquidationen aus.
So lief es am Donnerstag ab. In 24 Stunden wurden am gesamten Kryptomarkt rund 1,16 Milliarden Dollar an gehebelten Positionen zwangsgeschlossen, davon rund 1 Milliarde auf der Long-Seite. Fast 700 Millionen Dollar fielen in nur vier Stunden an. Ether traf es dabei sogar härter als Bitcoin.
Für Bitcoin waren zwei Preiszonen wichtig. Zwischen 81'700 und 83'300 Dollar lagen besonders viele Liquidationsschwellen. Darunter stand bei 81'000 bis 81'250 Dollar ein grosser Block an Kaufaufträgen am Spotmarkt von Binance. Als auch dieser Block aufgebraucht war, fehlten auf dem Weg nach unten die Käufer.
Auch Anleger, die ihre Bitcoin erst seit kurzer Zeit halten, gaben auf. In der Spitze schickten sie 45'000 bis 50'000 Bitcoin an die Börsen, die meisten davon mit Verlust. Das spricht für eine Kapitulation kurzfristiger Käufer, von langfristigen Haltern kam dieser Druck nicht.
Die Liquidationen erklären die Wucht des Falls, nicht seinen Auslöser. Nach der Kaskade ist der Markt aber weniger gehebelt. Weil das Open Interest über Nacht stabil blieb, haben die Trader ihre Wetten offenbar nicht sofort wieder aufgebaut. Das dürfte das Risiko einer zweiten Welle von Zwangsverkäufen vorerst verringern.
Spot-ETFs
Die Fonds verloren schon am Mittwoch Geld
Einen Tag vor dem Einbruch zogen Anleger Geld aus den US-Spot-Bitcoin-ETFs ab, also aus börsengehandelten Fonds, die echte Bitcoin halten. Am Mittwoch flossen netto rund 485 Millionen Dollar ab, so viel wie an keinem anderen Tag im Oktober. Fast alle grossen Anbieter verloren Geld, allen voran BlackRock mit rund 208 Millionen Dollar.
Am Spotmarkt sind solche Abflüsse direkt spürbar. Gibt ein Anleger seine Fondsanteile zurück, verkaufen die Handelsfirmen, die die Anteile ausgeben und zurücknehmen, Bitcoin oder kaufen keine neuen. Die 485 Millionen Dollar entsprechen rund 5'900 Bitcoin, die netto aus den Fonds flossen.
Der Zeitpunkt passt zum Rückgang am Donnerstag. Die Abflüsse sind aber nur ein Treiber unter mehreren. Am selben Tag lasteten auch der Ölpreisschock und die hohen Anleiherenditen auf dem Markt, und die Hebel-Kaskade verstärkte jede Bewegung.
Seit Monatsbeginn haben die Fonds netto rund 165 Millionen Dollar verloren, nach einem gemischten Start mit Zuflüssen an drei Tagen. Die Zahlen für Donnerstag, den Tag des Einbruchs, stehen noch aus. Sie sind die wichtigste offene Zahl des Tages, weil sie zeigen, ob die grossen Anleger in den Fall hinein weiter verkauft haben.
Zinsen
In der Fed geht es um höhere Zinsen
Hinter dem Druck auf Bitcoin steht auch das Zinsumfeld. Alberto Musalem, Präsident der Notenbank von St. Louis, hat die Linie im September deutlich formuliert: Die Fed müsse die Zinsen wahrscheinlich weiter anheben, um die Inflation zu senken. Den aktuellen Leitzins von 3,75 bis 4,00 Prozent nannte er «eher akkommodierend», also eher zu locker, um die Teuerung zu bremsen.
Ohne weitere Straffung sieht Musalem die Inflation in 18 Monaten eher deutlich über als bei 2 Prozent. Er hat 2026 im Zinsausschuss keine Stimme, seine Position ist seit Wochen bekannt. Sie zeigt aber, worüber in der Fed gestritten wird. Es geht um die Frage, ob die Zinsen noch einmal steigen müssen, über Zinssenkungen wird derzeit nicht diskutiert.
Am Anleihemarkt ist das längst angekommen. Die zehnjährige US-Rendite liegt bei rund 5,2 bis 5,3 Prozent. Höhere Zinsen machen Geld teurer und knapper, und zusammen mit einem stärkeren Dollar waren sie zuletzt Gegenwind für Bitcoin. Die nächste Fed-Sitzung findet Ende Oktober statt.
Heute 16 Uhr
Was die Amerikaner von der Inflation erwarten
Um 16 Uhr Zürcher Zeit veröffentlicht die Universität Michigan ihre vorläufigen Oktober-Werte zur US-Verbraucherstimmung. Im September lag der Index bei 48,1 Punkten, nicht weit über dem Allzeittief von 44,8 aus dem Mai. Für Oktober wird ein Wert um 47,5 erwartet.
Für Bitcoin wichtiger ist eine andere Zahl aus derselben Umfrage: die Inflation, mit der die Haushalte rechnen. Auf Sicht von einem Jahr sprang diese Erwartung im September von 4,0 auf 4,6 Prozent. Vor dem Iran-Konflikt im Februar hatte sie noch bei 3,4 Prozent gelegen. Als Gründe nennt die Umfrage die hohen Treibstoffpreise und neue Handelskonflikte.
Die Fed achtet besonders auf die langfristige Erwartung über fünf bis zehn Jahre, die im September auf 3,4 Prozent stieg. Steigt sie weiter, bekommen Befürworter von Zinserhöhungen wie Musalem neue Argumente. Das würde eher höhere Renditen und einen stärkeren Dollar bedeuten.
Eine schwache Stimmungszahl allein hilft Bitcoin dagegen kaum. In einem anderen Umfeld könnte sie Hoffnung auf Zinssenkungen wecken. Solange die Haushalte mit mehr Inflation rechnen, dürfte das ausbleiben.
Worauf es heute ankommt
Über Nacht ist für Bitcoin wenig passiert. Der eigentliche Schaden entstand am Donnerstagabend, als ETF-Abflüsse, hohe Zinsen und ein stark gehebelter Markt zusammenkamen. Welchen Anteil jeder einzelne Treiber hatte, bleibt offen.
Heute zählen zwei Zahlen. Die ETF-Flüsse vom Donnerstag zeigen, ob die grossen Anleger am Tag des Einbruchs weiter verkauft haben. Um 16 Uhr folgen die Inflationserwartungen aus Michigan. Steigen sie erneut, wächst der Druck auf die Fed und damit auch auf Bitcoin. Fallen sie, nimmt das etwas Druck vom Markt.
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