Die Wand bei 84'000
Washington gibt Geld aus wie in einer Rezession, die Fed bremst trotzdem, und Bitcoin steht direkt unter dem Preis, zu dem mehr Kapital eingestiegen ist als irgendwo sonst.
In 5 Minuten durch
Das US-Defizit seit 2020 liegt bei 14,18 Billionen Dollar, die Halbleiterimporte erreichten im August 15,4 Milliarden. Die Fed erhöhte im September, für Oktober erwartet der Markt mit 84 Prozent eine Pause. Bei Bitcoin liegt der grösste Kostenbasis-Block bei 84'000 bis 86'000 Dollar, kurzfristige Halter verkauften zuletzt mit Verlust, ETFs verloren 8'490 BTC in einer Woche.
Diese Woche passt vieles nicht zusammen. Die USA fahren ein Defizit wie in einer Krise, obwohl kaum jemand arbeitslos ist. Die Fed hat im September die Zinsen erhöht, und trotzdem steigen die Importe von Chips auf einen Rekord, weil Amerika in Rechenzentren investiert, als gäbe es kein Morgen. Bitcoin steht mitten in diesem Widerspruch bei rund 83'000 Dollar. Darüber liegt der grösste Block an investiertem Kapital, darunter sitzen nervöse Neueinsteiger, und die ETF-Käufer sind seit zwei Wochen verschwunden. In diesem Update gehe ich durch, wer den Markt gerade trägt und wer ihn loslassen könnte.
Fiskalpolitik
Ein Krisenbudget ohne Krise
Seit Januar 2020 haben die USA zusammengerechnet 14,18 Billionen Dollar mehr ausgegeben, als sie eingenommen haben. Das sind über 40 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Ein Teil davon war die Pandemie, das versteht jeder. Erstaunlich ist, was danach passierte: Die Kurve flachte nie ab.
In den ersten elf Monaten des laufenden Fiskaljahres lag das Defizit bei 1,97 Billionen Dollar. Das ist praktisch gleich viel wie im Vorjahr und so viel wie sonst nur in den Corona-Jahren 2020 und 2021. Gleichzeitig liegt die Arbeitslosenquote bei 4,2 Prozent, im Schnitt der letzten sieben Jahre bei 4,7 Prozent. Normalerweise spart ein Staat in solchen Jahren, damit er in der nächsten Rezession Spielraum hat. Washington macht das Gegenteil.
Der grösste Treiber sind inzwischen die Zinsen. Bis August zahlte Washington netto 1'017 Milliarden Dollar an Zinsen, mehr als die Hälfte des ganzen Defizits. Ohne diesen Posten läge das Loch bei rund 950 Milliarden. Je länger die Zinsen oben bleiben, desto schneller wächst er, und desto mehr Anleihen muss das Finanzministerium verkaufen.
Für Märkte ist das keine abstrakte Haushaltsfrage. Ein Staat, der im Boom Defizite fährt, pumpt laufend Nachfrage in die Wirtschaft. Das hält Gewinne und Löhne oben, es hält aber auch die Inflation am Leben. Genau deshalb kann die Fed nicht so locker sein, wie es sich viele wünschen.
Den zweiten Schub sieht man in den Handelsdaten. Im August importierten die USA Halbleiter für 15,4 Milliarden Dollar, 2,4 Milliarden mehr als im Juli. In Dollar gerechnet gab es in dieser Statistik nie einen grösseren Sprung in einem Monat. Vor einem Jahr lag der Wert noch bei rund 5,2 Milliarden, seit März ist der Monatswert um über 6 Milliarden gestiegen.
Das sind die Chips für Rechenzentren. Unternehmen investieren in KI, als hinge ihr Überleben davon ab. Zusammen mit dem Staat entsteht eine Wirtschaft, die auf hoher Drehzahl läuft. Für Bitcoin ist das zunächst kein Rückenwind: Der Boom hilft vor allem Aktien rund um KI, und das hohe Defizit kommt am Markt als steigende Renditen an, nicht als billiges Geld.
Notenbank
Die Fed tritt auf die Bremse
Am 17. September hat die Fed den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte erhöht, auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent. Nach drei Senkungen zwischen September und Dezember 2025 war das eine Kehrtwende. Wer im Sommer auf billigeres Geld gesetzt hatte, lag falsch.
Danach kippte die Stimmung. Ende September setzten die Wetten auf Polymarket zeitweise zu fast 70 Prozent auf eine zweite Erhöhung im Oktober. Innerhalb weniger Tage drehte das komplett. Für die Sitzung Ende Oktober rechnet der Markt zu 84 Prozent mit unveränderten Zinsen, eine weitere Erhöhung sehen nur noch 16 Prozent. Auf diesen Markt wurden über 30 Millionen Dollar gesetzt.
Das klingt nach Entwarnung, und für den Moment ist es eine. Eine zweite Erhöhung in Folge hätte Risikoanlagen hart getroffen. Trotzdem bleibt der Zins jetzt höher als im Sommer, und er bleibt dort, solange Defizit und KI-Boom die Wirtschaft heiss laufen lassen. Die zehnjährige US-Rendite liegt bei 5,2 Prozent, nach Abzug der Inflation bei knapp 2,9 Prozent. Billiges Geld ist für die nächsten Monate kein realistisches Szenario, und genau diese hohen Renditen machen es für Bitcoin schwer, Kapital anzuziehen.
Damit stehen zwei Kräfte gegeneinander. Der Staat gibt Gas, die Notenbank bremst. Für Bitcoin ist das ein schwieriges Umfeld, weil es keine klare Richtung vorgibt. Es belohnt nicht den, der eine Meinung hat. Es belohnt den, der weiss, an welchem Preis er handelt und was er tut, wenn sich das Bild dreht.
Genau an diesem Punkt scheitern die meisten. Sie sehen ein gutes Setup im Chart und kaufen, ohne zu wissen, dass zwei Tage später eine Fed-Sitzung, ein Inflationswert oder ein Abfluss aus den ETFs alles umwirft. Ein gutes Setup im falschen Umfeld ist ein schlechter Trade.
Für genau diese Verbindung habe ich das Masterclass-Paket geschnürt. Darin steckt die Bitcoin Swing Trading Masterclass, mit der ich selbst trade: Marktstruktur, Zonen, Einstiege, Stopps und Risikomanagement. Dazu kommt die Makroökonomie Masterclass, die erklärt, wie Zinsen, Liquidität, Defizite und Notenbanken auf Bitcoin wirken. Und drei Monate The Sanctis Letter, in dem ich jede Woche beides zusammenführe, mit meinen Zonen und Szenarien.
Einzeln kosten die drei Teile über 1'300 Franken. Im Paket sind es 669 Franken, einmalig. Es gibt insgesamt zwei Plätze. Wie viele davon noch frei sind, zeigt die Seite live.
Kostenbasis
Der grösste Block liegt direkt über dem Kurs
Zurück zu Bitcoin. Jeder Coin wurde irgendwann zu einem bestimmten Preis zuletzt bewegt. Wer diese Preise mit dem investierten Kapital gewichtet, sieht, wo das Geld der Anleger wirklich steckt. Bei Bitcoin sind das insgesamt rund 1'080 Milliarden Dollar.
Mehr als die Hälfte davon wurde über 83'000 Dollar investiert. Wer heute kauft, steht also besser da als die Mehrheit des Kapitals im Markt. Das klingt beruhigend, hat aber eine Kehrseite: Viele dieser Anleger sitzen auf Verlust oder knapp darüber, und sie warten auf ihren Einstand.
Der grösste Block liegt zwischen 84'000 und 86'000 Dollar. Allein in den Stufen von 84'000 bis 85'000 Dollar stecken rund 80 Milliarden Dollar, mehr als in jeder anderen Preiszone. Viele haben dort gekauft, und viele werden dort verkaufen, sobald sie ohne Verlust rauskommen.
Genau das hat der Markt in den letzten Tagen vorgeführt. Am 4. Oktober schloss Bitcoin bei 86'246 Dollar, drei Tage später stand er wieder bei 83'000. Der Ausbruch in den Block ist einmal gescheitert. Solange Bitcoin nicht über 86'000 Dollar schliesst und dort bleibt, ist diese Zone eine Wand.
Unter dem Kurs wird es dünner. Eine Zone mit mehr Kapital liegt zwischen 77'000 und 79'000 Dollar, dort dürfte der Markt bei einem Rücksetzer zuerst Halt suchen. Noch tiefer liegt bei rund 74'300 Dollar der durchschnittliche Einstand aller kurzfristigen Halter. Fällt Bitcoin darunter, sitzt die ganze Gruppe der Neuen im Minus.
Angebot
Die Neuen werden nervös
Kurzfristige Halter sind Anleger, die ihre Coins seit weniger als rund fünf Monaten halten. Sie reagieren am schnellsten, und an ihnen sieht man zuerst, ob Angst oder Gier überwiegt. In dieser Woche war es Angst.
An einem Tag schickten kurzfristige Halter zur Spitze mehr als 50'000 BTC an Börsen. Über 29'500 BTC davon wurden mit Verlust bewegt, rund 59 Prozent der ganzen Menge. So hohe Verluste in dieser Gruppe gab es seit fast vier Monaten nicht mehr. Der Kurs fiel dabei kaum und hielt sich um 82'000 Dollar, also auf der Höhe des Hochs vom Mai.
Das ist ein wichtiges Detail. Wenn Panikverkäufe den Kurs nicht drücken, hat jemand auf der anderen Seite gekauft. Die Coins wandern von nervösen Händen zu Käufern, die bereit sind, auf diesem Niveau einzusteigen. Seither sind die realisierten Verluste der kurzfristigen Halter wieder klein, an den letzten Tagen überwogen klar die Gewinne.
Trotzdem baut sich neuer Druck auf. Der Indikator Seller Exhaustion verbindet zwei Dinge: wie viel des Angebots im Gewinn liegt und wie stark der Kurs schwankt. Ist beides hoch, liegt viel Gewinn auf dem Tisch, den man in einem unruhigen Markt schnell mitnimmt. Im August lag der Wert zeitweise um 4, im September stieg er auf gut 10, heute liegt er bei 7,3.
Das ist noch weit unter den Spitzen von 2024 und vom März 2025, ein Alarmsignal ist es also nicht. Die Richtung zählt: Der Druck hat sich seit August mehr als verdoppelt, und er dürfte weiter steigen, wenn Bitcoin Richtung 85'000 Dollar läuft. Denn bei den kurzfristigen Haltern liegen inzwischen fast 83 Prozent des Angebots im Gewinn, nach nur rund 2 Prozent Ende Juni.
Entspannen würde sich das Bild erst, wenn die Schwankungen nachlassen oder die Nachfrage stark genug ist, um diese Gewinnmitnahmen aufzusaugen. Und damit sind wir bei der Frage, wer eigentlich kauft.
Nachfrage
Die grossen Käufer fehlen
In der vergangenen Woche flossen netto 8'490 BTC aus den amerikanischen Spot-ETFs ab. Das war die zweite Woche in Folge ohne echte Nachfrage aus diesem Kanal. Gerade die ETFs hatten im August und September den Anstieg von rund 62'000 auf über 80'000 Dollar mitgetragen.
Ohne diese Käufer muss der Markt seine Verkäufer selbst auffangen. Das gelingt im Moment, aber nur knapp. Die realisierten Gewinne liegen über 30 Tage gerechnet beim 2,6-Fachen der realisierten Verluste. Anfang 2025 und im Sommer 2025 lag dieses Verhältnis zeitweise über 10.
Mit anderen Worten: Es wird zwar wieder mehr Gewinn als Verlust mitgenommen, aber die Gewinne sind klein. Über weite Strecken dieses Jahres lag das Verhältnis unter 1, damals wurde mehr Verlust als Gewinn realisiert. Der Markt kommt aus einer schmerzhaften Phase und ist noch weit von Euphorie entfernt.
Das ist die gute Nachricht in diesem Bild. Ein Markt, der kaum Gewinn macht, hat wenig Grund für einen grossen Abverkauf. Die schlechte Nachricht ist, dass ohne frisches Geld der Weg durch den Block bei 84'000 bis 86'000 Dollar schwer wird. Dazu braucht es entweder die ETFs zurück oder ein Makro-Signal, das Risiko wieder attraktiv macht.
Worauf ich jetzt achte
Das Umfeld ist widersprüchlich. Der Staat und der KI-Boom halten die Wirtschaft auf Touren, die Fed hält dagegen. Daraus entsteht kein klarer Rückenwind für Bitcoin, aber auch kein Grund für Panik, solange die Fed im Oktober stillhält.
Bei Bitcoin entscheidet sich die nächste Bewegung an einer Zone. Ein Tagesschluss über 86'000 Dollar würde den grössten Kostenbasis-Block hinter sich lassen und wäre ein starkes Signal. Scheitert der Kurs erneut an 84'000 bis 86'000 Dollar, rechne ich mit einem Test von 77'000 bis 79'000 Dollar. Unter rund 74'300 Dollar wäre die Gruppe der kurzfristigen Halter im Minus, dann wird es ungemütlich.
Zwei Dinge würden meine Sicht ändern: eine Rückkehr der ETF-Zuflüsse über mehrere Tage oder ein Fed-Signal Richtung weitere Erhöhungen. Das erste spricht für den Ausbruch, das zweite für den Rücksetzer. Bis dahin ist 84'000 Dollar keine Zahl für Prognosen. Es ist die Linie, an der sich zeigt, wer den Markt trägt.
Keine Anlageberatung. Alle Inhalte dienen der Information und der Meinungsbildung. Über FabianHinweisImpressumDatenschutz