Die Risse
Jede Woche nehme ich die wichtigsten On-Chain-Daten, Makro-Signale und Marktstrukturen auseinander, damit du siehst, was hinter der Oberfläche wirklich passiert.
Diese Woche habe ich beim Durchgehen der Daten ein ungutes Gefühl bekommen, und zwar kein bärisches, sondern ein aufmerksames. An der Oberfläche wirkt gerade alles ruhig und selbstbewusst. Die Aktienmärkte sammeln seit zwölf Wochen frisches Geld ein, fast die ganze Finanzwelt sitzt auf derselben Seite des Tisches und wettet auf einen starken Dollar.
Es sieht nach einem Markt aus, der genau weiss, was er will.
Aber wenn ich eine Schicht tiefer gehe, sehe ich überall Risse. Der Arbeitsmarkt ist unter der Oberfläche viel schwächer, als die Schlagzeilen zeigen. Die offiziellen Daten werden unzuverlässiger. Der Staat muss sich immer kurzfristiger verschulden. Und im Krypto-Markt blinken zum ersten Mal seit Langem mehrere Signale gleichzeitig, die historisch in der Nähe von Böden auftauchen. Nichts davon ist ein Startschuss, aber zusammen ergeben sie ein Bild, das ich diese Woche ernst nehme.
Genau für diese Momente schreibe ich den The Sanctis Letter. Das ist mein privater Marktbrief, zwei bis drei Mal pro Woche, in dem ich nicht nur das grosse Bild zeige, sondern konkret meine Szenarien, meine Level und wie ich mich selbst positioniere.
Morgen folgt die neue Ausgabe. Ich zeige dort exakt wie ich mich wo positioniere um kurzfristig daran zu profitieren.
Wenn dich interessiert, wie ich aus diesen Rissen eine konkrete Strategie mache, schau da mal rein. Hier im gratis Update bleiben wir beim grossen Bild, und das ist diese Woche spannend genug.
Makro · Kapitalströme
Zwölf Wochen Geldzufluss in Aktien, aber das Geld dreht sich
Fangen wir mit der Oberfläche an, die so selbstbewusst wirkt. Globale Aktienfonds haben in der Woche bis zum 12. August rund 18,62 Milliarden Dollar an frischem Geld eingesammelt, die zwölfte Woche mit Zuflüssen in Folge. Zuflüsse heisst schlicht, dass unter dem Strich mehr Geld in diese Fonds hineingeflossen ist, als herausgezogen wurde.
Zwölf Wochen am Stück ist ein starkes Zeichen von Risikofreude, und der grösste Teil davon ging nach Europa mit rund 13,52 Milliarden und nach Asien mit rund 4,13 Milliarden, während die USA nur rund 2,58 Milliarden bekamen.
Interessant wird es, wenn man schaut, wo das Geld eben nicht mehr hinfliesst. Die globalen Technologie-Fonds haben in derselben Woche rund 1,7 Milliarden Dollar verloren und damit eine sechswöchige Serie von Zuflüssen beendet. Das heisst, die Anleger schichten um. Sie bleiben im Risiko, aber sie streuen breiter und raus aus dem Sektor, der die letzten Jahre alles getragen hat.
Was ich daraus lese. Das ist noch keine Flucht, es ist eine Rotation. Geld sucht sich neue Ziele, weg von den überfüllten Tech-Wetten, hin zu Regionen und Sektoren, die günstiger sind. Für uns ist das der erste Hinweis dieser Woche, dass die alte Ordnung, in der nur eine Handvoll US-Tech-Werte zählte, gerade leise aufbricht.
Makro · Kaufkraft
Nur 8 Prozent der Amerikaner glauben, mit der Inflation mitzuhalten
Unter dieser selbstbewussten Oberfläche sieht die Realität der Menschen anders aus. Nur noch rund 8 Prozent der US-Konsumenten erwarten, dass ihr Einkommen im nächsten Jahr schneller wächst als die Inflation. Das ist der tiefste Wert seit mindestens zwei Jahren und ein Rückgang von rund 10 Prozentpunkten seit November 2024. Anders gesagt, 72 Prozent rechnen damit, dass die Inflation ihr Einkommen überholt. Vor gut einem Jahr lag dieser Wert noch bei 58 Prozent.
Warum das zählt. Kaufkraft ist der Treibstoff der Wirtschaft. Wenn eine grosse Mehrheit glaubt, dass ihr Geld real weniger wert wird, verändert das ihr Verhalten. Die Leute halten sich beim Konsum zurück, sie werden vorsichtiger, und diese Vorsicht bremst am Ende die ganze Wirtschaft. Es ist ein leiser Riss, der in keiner Schlagzeile auftaucht, aber sich durch das Fundament zieht.
Was ich daraus lese. Die Stimmung an der Basis ist deutlich pessimistischer, als die Aktienzuflüsse vermuten lassen. Das ist genau die Art von Divergenz, auf die ich achte. Oben Zuversicht, unten Sorge. Solche Spannungen lösen sich irgendwann auf, und selten zugunsten der Oberfläche.
Makro · Arbeitsmarkt
Die Erwerbsquote fällt auf den tiefsten Stand seit 1976
Jetzt kommt der grösste Riss dieser Woche, und er liegt im Arbeitsmarkt. Die Erwerbsquote in den USA, also der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter, die entweder arbeiten oder aktiv einen Job suchen, ist im Juli auf 61,4 Prozent gefallen. Klammert man die kurze Pandemie-Delle 2020 aus, ist das der tiefste Stand seit März 1976. Es ist bereits der siebte monatliche Rückgang in acht Monaten. Allein im Juli haben rund 264'000 Menschen die Erwerbsbevölkerung verlassen, nach einem Minus von 720'000 im Juni. Seit November ist die Erwerbsbevölkerung um mehr als 2,4 Millionen Menschen geschrumpft.
Und es kommt noch dazu, dass wir diesen Daten immer weniger trauen können. Nur noch rund jedes vierte Unternehmen nimmt überhaupt an der offiziellen Umfrage zu den offenen Stellen teil, dem sogenannten JOLTS-Bericht. Vor 2020 lag diese Quote zwischen 50 und 70 Prozent. Wenn die Statistikbehörde ihre Zahlen auf einem so kleinen Teil der Antworten aufbaut, werden die Berichte wackliger und werden im Nachhinein oft stark korrigiert.
Was ich daraus lese. Der Arbeitsmarkt ist unter der Oberfläche klar schwächer, als die glatte Arbeitslosenquote es zeigt. Und genau ein schwächelnder Arbeitsmarkt ist der Hebel, der die US-Notenbank irgendwann zwingt, von ihrer harten Linie abzurücken. Das ist kein guter Nachrichtenmoment für die Wirtschaft, aber für Risiko-Anlagen ist ein Arbeitsmarkt, der die Fed unter Druck setzt, oft der Anfang einer Wende.
Makro · Inflation
Der Preisdruck lässt nach, und das öffnet die Tür
Zum Glück gibt es auf der Makroseite auch eine Entspannung, und sie ist wichtig. Die Inflationserwartung der US-Konsumenten für die nächsten zwölf Monate ist im Juli auf rund 4,5 Prozent gefallen, nahe am tiefsten Stand seit Anfang 2025. Im März stand dieser Wert noch bei rund 5,2 Prozent. Auch die harten Zahlen passen dazu. Die Kern-Inflation, also die Teuerung ohne die schwankenden Energie- und Lebensmittelpreise, liegt bei 2,5 Prozent und damit im erwarteten Rahmen. Und die Kern-Produzentenpreise, also die Preise auf Ebene der Hersteller, sind im Juli von 4,7 auf 4,2 Prozent gefallen.
Warum das strukturell zählt. Produzentenpreise laufen den Konsumentenpreisen oft voraus, weil das, was die Hersteller heute zahlen, morgen im Laden ankommt. Wenn dieser Druck oben in der Kette nachlässt, ist das ein Hinweis, dass die Inflation weiter abkühlen könnte. Und eine nachlassende Inflation ist genau die Voraussetzung, die die Notenbank braucht, um bei einem schwächelnden Arbeitsmarkt reagieren zu können.
Was ich daraus lese. Zusammen mit dem Arbeitsmarkt aus dem letzten Abschnitt ergibt das ein Bild, in dem sich die Zwänge der Fed langsam lockern. Der Preisdruck fällt, die Beschäftigung wackelt. Das ist die Kombination, aus der irgendwann eine lockerere Geldpolitik entsteht, und lockereres Geld war für Bitcoin historisch immer der wichtigste Rückenwind.
Makro · Dollar und Staatsschulden
Die ganze Welt wettet auf den starken Dollar, und das ist gefährlich
Hier ist der zweite grosse Riss, und er versteckt sich in der Selbstsicherheit selbst. Die spekulative Wette auf einen steigenden Dollar ist auf rund 48 Milliarden Dollar geklettert, der höchste Stand seit 2015. Diese Zahl misst, wie stark Hedgefonds und grosse Vermögensverwalter darauf setzen, dass der Dollar steigt. Diese Positionierung hat sich in nur drei Monaten mehr als vervierfacht und liegt jetzt mehr als zwei Standardabweichungen über dem Durchschnitt. Vereinfacht heisst das, so einseitig war die Wette seit einem Jahrzehnt nicht mehr.
Warum das ein Warnzeichen ist. Wenn fast alle auf derselben Seite stehen, ist niemand mehr da, der noch kaufen kann. Solche überfüllten Wetten kippen historisch oft schnell und heftig, weil bei der kleinsten Gegenbewegung alle gleichzeitig zum Ausgang rennen. Dazu kommt, dass der US-Staat sich immer stärker auf kurzfristige Schulden stützt. Der Anteil kurzlaufender Schuldpapiere liegt bei rund 21 Prozent und damit nahe am höchsten Wert seit 2020. Das macht den Staatshaushalt anfälliger, wenn die Zinsen hoch bleiben.
Was ich daraus lese. Ein überfüllter Dollar-Trade ist eine gespannte Feder. Wenn der Dollar dreht und schwächer wird, ist das für Bitcoin fast immer Rückenwind, weil beide sich über lange Strecken gegenläufig bewegen. Ich sage nicht, dass es morgen passiert. Ich sage, dass das Risiko-Ertrags-Verhältnis für die Dollar-Bullen gerade denkbar schlecht steht, und dass genau daraus die nächste grosse Bewegung entstehen kann.
On-Chain · Verlorenes Angebot
Ein Rekord an Bitcoin, der einfach nicht mehr bewegt wird
Kommen wir zu Bitcoin selbst, und hier fängt das Bild an, sich leise zu drehen. Die Menge an Bitcoin, die als verloren gilt, also seit mehr als zehn Jahren nicht mehr bewegt wurde, hat mit rund 3,56 Millionen Bitcoin ein neues Rekordhoch erreicht. Das sind rund 17,7 Prozent des gesamten Umlaufs. Allein in den letzten dreissig Tagen sind über 14'000 Bitcoin zu diesem schlafenden Bestand dazugekommen. Verloren heisst hier nicht unbedingt für immer weg, aber es sind Coins, die seit über einem Jahrzehnt still liegen und faktisch aus dem Markt verschwunden sind.
Warum das zählt. Bitcoin hat eine feste Obergrenze von 21 Millionen Stück. Wenn ein immer grösserer Teil davon dauerhaft aus dem Verkehr gezogen wird, sinkt die Menge, die überhaupt noch gehandelt werden kann. Das ist einfache Knappheit. Bei gleicher oder steigender Nachfrage drückt ein schrumpfendes handelbares Angebot langfristig nach oben.
Was ich daraus lese. Das ist kein Timing-Signal für die nächsten Tage, sondern ein struktureller Rückenwind im Hintergrund. Während an der Oberfläche über den müden Preis geredet wird, verschwindet unter der Oberfläche kontinuierlich Angebot vom Markt. Diese langsame Austrocknung ist eine der stärksten Kräfte, die für Bitcoin auf lange Sicht arbeiten.
On-Chain · Nachfrage
Die Nachfrage ist noch negativ, aber sie erholt sich deutlich
Die spannendste On-Chain-Bewegung dieser Woche ist die sichtbare Nachfrage nach Bitcoin. Diese Kennzahl misst, vereinfacht gesagt, die Differenz zwischen den neu produzierten Coins und dem Angebot, das länger als ein Jahr unbewegt bleibt. So lässt sich abschätzen, ob unter dem Strich strukturell akkumuliert wird oder nicht. Aktuell steht dieser Wert bei rund minus 32'000 Bitcoin. Das klingt negativ, und das ist es auch, aber der Weg dahin ist das Entscheidende. Anfang Juni lag dieselbe Zahl noch bei rund minus 272'000 Bitcoin.
Warum das strukturell wichtig ist. Von minus 272'000 auf minus 32'000 ist eine deutliche Erholung. Es bedeutet, dass die Nachfrage zwar noch nicht das Angebot übertrifft, sich aber kräftig dem Wendepunkt nähert. Sobald diese Kurve über die Nulllinie steigt, überwiegt die strukturelle Akkumulation, und das war in der Vergangenheit oft ein früher Hinweis auf einen Stimmungswechsel.
Was ich daraus lese, und hier bleibe ich ehrlich. Wir haben dieses Muster im Februar und im Mai schon einmal gesehen, und beide Male drehte die Nachfrage danach wieder nach unten. Es ist also noch kein bestätigtes Signal. Aber die Richtung stimmt, und in Kombination mit dem verschwindenden Angebot ist das eine Entwicklung, die ich diese Woche eng beobachte.
On-Chain · Zyklus und Risiko
Mehrere Boden-Signale blinken, aber es ist zu früh für den Freispruch
Zum Schluss der Teil, der alles zusammenhält, und der mich zur nötigen Vorsicht bringt. Zwei Dinge gleichzeitig. Erstens, die sogenannte Sharpe Ratio von Bitcoin ist auf minus 10,1 Prozent gefallen. Diese Kennzahl misst, ob sich das eingegangene Risiko in der Vergangenheit gelohnt hat. Ein so extrem tiefer Wert bedeutet, dass Bitcoin gerade auf dem Papier besonders schlecht dasteht, und ausgerechnet solche Extreme markierten historisch oft die Zonen, in denen sich Böden gebildet haben. Es ist kein Startschuss, aber es ist ein Signal, das man ernst nimmt.
Zweitens ein Signal, das zur Vorsicht mahnt. Die Wal-Zuflussquote auf der Börse Binance hat mit rund 0,65 ein Allzeithoch erreicht. Diese Kennzahl zeigt, wie gross der Anteil grosser Adressen an den einfliessenden Coins ist. Auf den ersten Blick sieht das nach Verkaufsdruck aus. Aber ein Teil davon hängt wahrscheinlich mit einem Sicherheitsereignis rund um eine grosse Hardware-Wallet und mit Börsenschliessungen zusammen, bei denen Wale ihre Coins umgezogen haben. Umziehen ist kein Verkauf, deshalb würde ich dieses Extrem nicht überbewerten.
Was ich daraus lese. Der übergeordnete Zyklus-Indikator, der langfristige Bullen- und Bärenphasen misst, steht weiterhin klar in der Bärenzone, weil sein kurzfristiger Schnitt noch unter dem langfristigen liegt. Genau diese Bestätigung fehlt noch. Ich sehe mehrere Boden-Signale gleichzeitig blinken, und das habe ich seit Langem nicht mehr gesehen. Aber solange der Zyklus nicht dreht, ist es schlicht zu früh, um den Boden auszurufen.
Mein Fazit
Wenn ich alles zusammenlege, sehe ich einen Markt zwischen zwei Welten. Oben die selbstsichere Oberfläche, zwölf Wochen Aktienzuflüsse und eine überfüllte Wette auf den starken Dollar. Unten die Risse, ein Arbeitsmarkt, der leise wegbricht, Konsumenten, die um ihre Kaufkraft fürchten, und ein Staat, der sich immer kurzfristiger verschulden muss. Das ist eine Spannung, die sich irgendwann entlädt, und die überfüllte Dollar-Wette ist dabei der Punkt, an dem es am ehesten kippt.
Auf der Bitcoin-Seite bin ich diese Woche aufmerksamer geworden. Das verlorene Angebot auf Rekordhoch, die Nachfrage, die sich von tief negativ zurückkämpft, und eine Sharpe Ratio im Boden-Extrem. Das sind gleich mehrere Signale, die historisch in der Nähe von Wendepunkten auftauchen. Gleichzeitig steht der grosse Zyklus-Indikator noch in der Bärenzone, und die Nachfrage hat uns dieses Jahr schon zweimal getäuscht. Deshalb bleibe ich ehrlich. Das ist die Zone, in der Böden entstehen, aber ein Boden braucht Zeit und Bestätigung.
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