Hausgemacht
Scott Bessent sagt, Amerikas Renditen steigen nur im Gleichschritt mit der Welt. Seit August stimmt das nur noch zur Hälfte, und die andere Hälfte kommt von der eigenen Notenbank.
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US-Finanzminister Scott Bessent hält den Anstieg der US-Renditen für ein globales Phänomen und sieht keine Flucht aus Treasuries. Die Richtung ist tatsächlich global, und der feste Dollar spricht gegen eine Kapitalflucht. Seit Jahresbeginn steigen die US-Renditen aber in jedem Zeitraum stärker als in Deutschland, Japan und Grossbritannien, seit Mitte August ist rund die Hälfte des Anstiegs amerikanisch. Dieser Teil kommt bisher vor allem aus höheren erwarteten Fed-Zinsen. Ein Ende des Ölschocks allein dürfte die US-Renditen deshalb nicht auf das Niveau vom Jahresanfang zurückbringen.
Scott Bessent hat am Samstag selbst gesagt, woran man eine echte Gefahr am Anleihemarkt erkennen würde. Das ist selten, denn damit lässt sich ein Finanzminister an seinem eigenen Massstab messen. Legt man die Renditen von vier grossen Anleihemärkten, den Dollar und die Kapitalflüsse daneben, fällt das Ergebnis weniger beruhigend aus, als er es darstellt.
Die Aussage
Bessents eigener Massstab
Der amerikanische Staat muss Anlegern so hohe Zinsen bieten wie seit über zwanzig Jahren nicht mehr. Am 30. September schloss die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe bei 5,29 Prozent, die der dreissigjährigen bei 5,64 Prozent, beides die höchsten Schlusskurse seit 2002. An diesen Sätzen hängen Hypotheken, Unternehmenskredite und die Zinslast des Bundes. Ein Hauskredit mit dreissig Jahren Laufzeit kostet inzwischen 7,28 Prozent.
Am Samstag sprach Finanzminister Scott Bessent darüber mit Mike Allen in der Axios Show. Seine Botschaft war Entwarnung: "I would be concerned if we were having some kind of idiosyncratic rise. We're not seeing people selling treasuries to buy German bonds or Japanese bonds." Sorgen würde er sich also erst machen, wenn die US-Renditen aus eigenen, amerikanischen Gründen steigen. Und er sieht keine Anleger, die amerikanische Staatsanleihen gegen deutsche oder japanische tauschen.
Die Aussage wiegt schwerer, als sie klingt. Wer den Anstieg global nennt, sagt auch, dass Washington ihn nicht verursacht hat und nichts dagegen tun muss. Bessent verbindet das mit einer Hoffnung: Schon im September hatte er die hohen Renditen vor allem dem Ölpreis zugeschrieben und gesagt, nach dem Iran-Krieg sollten die Zinsen wieder sinken. Weil er seinen Massstab selbst nennt, lässt sich die Aussage direkt an den Daten prüfen.
Der Vergleich
Alle steigen, die USA am schnellsten
Der erste Teil seiner Aussage stimmt. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert 3,66 Prozent, die japanische Staatsanleihe 3,09 Prozent und der britische Gilt 5,40 Prozent, alle nahe ihren Jahreshöchstständen. Am 16. September haben die Fed und die Europäische Zentralbank am selben Tag ihre Leitzinsen angehoben. Anleihen verlieren weltweit an Wert, nicht nur in Amerika.
Offen ist, ob die USA nur mitlaufen oder vorauslaufen, und die Antwort hängt stark vom Zeitraum ab. Seit Bessents Amtsantritt im Januar 2025 ist die US-Rendite um 75 Basispunkte gestiegen, also um 0,75 Prozentpunkte, und damit weniger als in Deutschland, Japan und Grossbritannien. Wer dieses Fenster wählt, kann Bessent bestätigen. Seine Aussage betrifft aber den jüngsten Anstieg, und der begann erst in diesem Frühjahr.
Seit Jahresbeginn 2026 sind die US-Renditen in jedem Zeitraum stärker gestiegen als im Schnitt der anderen drei Märkte. Seit Mitte August legte die zehnjährige US-Rendite um 57 Basispunkte zu, ungefähr doppelt so viel wie Bundesanleihe und Gilt und mehr als dreimal so viel wie die japanische Anleihe. Der Abstand zwischen amerikanischen und deutschen Renditen wuchs von 121 Basispunkten vor dem Iran-Krieg auf 158 Basispunkte am 1. Oktober.
| Zeitraum | USA | DE | JP | UK | USA vs. Schnitt |
|---|---|---|---|---|---|
| Seit Amtsantritt (27.1.2025) | +75 | +111 | +187 | +83 | -52 |
| Seit Jahresbeginn 2026 | +110 | +72 | +103 | +83 | +24 |
| Seit Iran-Krieg (27.2.2026) | +131 | +90 | +96 | +105 | +34 |
| Seit 18.8.2026 | +57 | +34 | +16 | +25 | +32 |
| Seit 8.9.2026 | +48 | +21 | +20 | +24 | +27 |
Der Test
Was bleibt, wenn man die Welt herausrechnet
Ein grösserer Anstieg allein beweist noch keinen amerikanischen Sonderweg, denn US-Renditen schwanken traditionell stärker als deutsche oder japanische. Fairer ist ein anderer Vergleich. Aus den Jahren 2023 bis Februar 2026 lässt sich ablesen, wie stark die US-Rendite typischerweise mitzieht, wenn sich Bundesanleihe, japanische Anleihe und Gilt bewegen. Dieser Gleichlauf erklärt rund 70 Prozent der wöchentlichen Schwankungen.
Was darüber hinausgeht, ist der amerikanische Anteil, also genau das, was Bessent "idiosyncratic" nennt. Seit Mitte August macht er rund die Hälfte des Anstiegs aus, etwa 25 bis 35 der rund 60 Basispunkte, und das in jeder Variante des Modells. Seit Beginn des Iran-Kriegs ist es rund ein Viertel, dieser Wert hängt aber stärker davon ab, wie man rechnet.
Bis ins Frühjahr 2026 sah es ganz anders aus. Damals hielten sich Treasuries besser, als der globale Trend erwarten liess, über Bessents ganze Amtszeit gerechnet ist der amerikanische Anteil sogar negativ. Gekippt ist das erst in den letzten Monaten. Nach seinem eigenen Kriterium hätte Bessent also Grund zur Sorge, denn der Anstieg, den er für unbedenklich hält, ist seit dem Sommer zur Hälfte hausgemacht.
Das Modell zeigt allerdings nur, was sich nicht aus den anderen Märkten erklären lässt. Warum es so ist, zeigt es nicht. Auch ein weltweiter Schock, der Amerika aus eigenen Gründen härter trifft, landet im amerikanischen Anteil. Deshalb muss man sich ansehen, woraus dieser Anteil besteht.
Die Ursache
Der Aufschlag kommt von der Fed
Der naheliegende Verdacht wäre ein Vertrauensproblem: Anleger misstrauen den hohen amerikanischen Defiziten und verlangen deshalb mehr Zins. Ein solcher Zuschlag zeigt sich in der sogenannten Laufzeitprämie. Das ist der Teil der Rendite, den Anleger dafür verlangen, dass sie ihr Geld zehn Jahre lang festlegen, statt es immer wieder kurzfristig anzulegen.
Nach dem Modell der New York Fed liegt diese Prämie mit 0,90 Prozent so hoch wie seit 2014 nicht mehr, bei Bessents Amtsantritt waren es 0,42 Prozent. Das gibt den Kritikern der Defizitpolitik langfristig recht. Den jüngsten Schub erklärt die Prämie aber kaum, seit Mitte August ist sie nur um 4 Basispunkte gestiegen. Auch einen neuen Defizitschock gibt es nicht: In den ersten elf Monaten des Haushaltsjahres lag das Defizit mit 1,97 Billionen Dollar gleich hoch wie im Vorjahr.
Der grösste Teil des Anstiegs seit Mitte August, rund 40 Basispunkte, stammt aus höheren erwarteten Leitzinsen. Die Fed hat den Leitzins am 16. September einstimmig auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben, und im Median rechnen die Notenbanker bis zum Jahresende mit einem weiteren Schritt. Die zweijährige US-Rendite, die vor allem die Erwartungen an die Fed spiegelt, stieg seit Mitte August um 64 Basispunkte, die deutsche um 40.
Der Grund ist eine Inflation, die nicht nachlässt. Die Verbraucherpreise lagen im August 3,35 Prozent über dem Vorjahr, die von der Fed bevorzugte Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel bei 3,0 Prozent. Die Fed hat erhöht, obwohl sich der Arbeitsmarkt abkühlt: Im September entstanden netto nur 29.000 Stellen, und die Arbeitslosenquote stieg auf 4,2 Prozent. Diese Mischung ist amerikanisch, und sie erklärt, warum die US-Renditen schneller steigen als die anderen.
Der zweite Satz
Kein Muster einer Flucht
Bessents zweiter Satz hält besser. Wer Treasuries verkauft, um in deutsche oder japanische Anleihen zu wechseln, muss Dollar in Euro oder Yen tauschen. Bei einer echten Flucht steigen deshalb die US-Renditen, während der Dollar fällt. So war es im April 2025 nach den Zollankündigungen: Die zehnjährige Rendite sprang in einer Woche von 4,01 auf 4,48 Prozent, der handelsgewichtete Dollar verlor in knapp drei Wochen 3,2 Prozent.
In diesem Jahr läuft es umgekehrt. Seit Beginn des Iran-Kriegs ist der Dollar gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner um 2,1 Prozent gestiegen, der Euro hat 3,6 Prozent verloren. Die höheren US-Zinsen ziehen also Kapital an. So sieht eine Zinsstraffung aus, keine Vertrauenskrise.
Die Kapitalflüsse passen dazu, die Daten reichen allerdings nur bis Juli. In diesem Monat verkauften private ausländische Anleger netto für 29 Milliarden Dollar längerlaufende Treasuries, ausländische Notenbanken und Staaten kauften für 26 Milliarden. Über zwölf Monate haben private Ausländer weiter zugekauft, aber nur noch halb so viel wie im Jahr davor. Das ist eine Abkühlung, kein Ausverkauf, und die Zahlen für August, die heftigste Phase des Anstiegs, erscheinen erst am 16. Oktober.
Das Öl-Argument
Warum ein Kriegsende nicht reicht
Bleibt Bessents Hoffnung, dass mit dem Ölschock auch die hohen Renditen verschwinden. Ein Fass Brent kostete vor dem Iran-Krieg 71 Dollar, im April 138 Dollar und Ende September noch 114 Dollar. Dieser Schock trifft alle Länder, die Öl einführen, und er erklärt den globalen Teil des Anstiegs gut.
Für den amerikanischen Teil taugt er wenig. Die USA sind der grösste Ölproduzent der Welt und exportieren unter dem Strich Öl, trotzdem steigen ihre Renditen schneller als die der Importländer Japan und Deutschland. Dazu kommt, dass die am Anleihemarkt eingepreiste Inflationserwartung für die nächsten zehn Jahre seit Kriegsbeginn nur um 0,11 Prozentpunkte auf 2,36 Prozent gestiegen ist. Die Realrendite, also der Zins nach Abzug der erwarteten Inflation, stieg im selben Zeitraum um 1,16 Prozentpunkte.
Amerika bezahlt also nicht vor allem für erwartete Inflation, es bezahlt höhere echte Zinsen. Ein Kriegsende dürfte den globalen Ölteil abbauen. Der Fed-Teil hängt dagegen an einer Kerninflation von 3,0 Prozent, und die verschwindet nicht mit einem Waffenstillstand.
Halb richtig
Bessents Aussage trägt nur zur Hälfte. Richtig ist, dass die Renditen weltweit steigen und dass bisher nichts auf eine Flucht aus Treasuries hindeutet, der feste Dollar spricht klar dagegen. Falsch ist, dass es keinen amerikanischen Sonderanstieg gibt. Seit Mitte August ist rund die Hälfte des Anstiegs hausgemacht, und das ist genau die Lage, die ihm nach eigener Aussage Sorgen machen würde.
Beruhigend ist die Art dieses Aufschlags, denn er kommt bisher aus der Geldpolitik und nicht aus Misstrauen gegenüber dem amerikanischen Staat. Unangenehm ist, dass er sich nicht von selbst auflöst. Für Hypotheken, die Zinslast des Bundes und riskantere Anlagen heisst das: Ein Ende des Ölschocks allein bringt die US-Renditen nicht auf das Niveau vom Jahresanfang zurück.
Das Urteil kann in beide Richtungen kippen. Zeigen die Kapitalflüsse für August und September deutliche Verkäufe durch Ausländer, fällt der Dollar bei weiter steigenden Renditen oder klettert die Laufzeitprämie über 1 Prozent, ohne dass die Fed-Erwartungen zulegen, dann wird aus der Zinsstraffung ein Vertrauensaufschlag. Schrumpft dagegen der Abstand zu den Bundesanleihen wieder unter 130 Basispunkte, bekommt Bessent nachträglich recht.
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