Mt. Gox: Die letzten Bitcoin warten bis 2027
Der Verwalter von Mt. Gox hat die Frist für die Rückzahlungen zum vierten Mal um ein Jahr verschoben, neu auf den 31. Oktober 2027. In seinen Wallets liegen noch rund 34'387 Bitcoin, und gemessen am heutigen Markt ist dieser Rest kleiner als sein Ruf.
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Der Verwalter von Mt. Gox hat die Rückzahlungsfrist am 16. Oktober 2026 mit Erlaubnis des Gerichts auf den 31. Oktober 2027 verschoben, zum vierten Mal um ein Jahr und mit derselben Begründung wie zuvor: Viele Gläubiger haben ihre Schritte nicht abgeschlossen. In den Wallets des Verwalters liegen noch rund 34'387 BTC, beim aktuellen Kurs rund 2,8 Milliarden Dollar und etwa ein Viertel des Bestands vor den Auszahlungen. Seit März 2025 sind nur noch rund 300 BTC abgeflossen. Gemessen am Markt ist der Rest klein: rund ein Drittel eines durchschnittlichen Handelstages, 74 Tage Neuausgabe der Miner. Selbst ein vollständiger Verkauf innert 30 Tagen wäre gut 1 Prozent des täglichen Handelsvolumens. Im Sommer 2024 verdaute der Markt fast die dreifache Menge, ohne dass sich nach den Auszahlungstagen ein Kursmuster ergab. Unbekannt bleibt, wie viele Coins der Verwalter selbst für Gläubiger verkauft, die er in Geld bezahlt.
Seit dem Sommer 2024 löst jede Bewegung in den Wallets von Mt. Gox dieselbe Sorge aus: Jetzt kommen die alten Coins auf den Markt. Am 31. Oktober wäre die Frist für die Rückzahlungen abgelaufen, seit dem 16. Oktober ist klar, dass das nicht passiert. Die eigentliche Frage bleibt trotzdem, nämlich wie viel von den letzten Mt.-Gox-Bitcoin den Kurs überhaupt treffen kann.
Die Nachricht
Noch ein Jahr Aufschub
Am 16. Oktober hat der Verwalter von Mt. Gox, der vom Gericht in Tokio eingesetzte Rechtsanwalt Nobuaki Kobayashi, die Frist für die Rückzahlungen an die Gläubiger erneut verschoben. Statt am 31. Oktober 2026 endet sie jetzt am 31. Oktober 2027. Das Gericht hat zugestimmt, so wie bei jeder Verlängerung zuvor.
Es ist die vierte Verschiebung um jeweils ein Jahr. Ursprünglich hätten alle Zahlungen bis Ende Oktober 2023 erledigt sein sollen. Seither wiederholt sich der Ablauf jeden Herbst: Wenige Tage oder Wochen vor dem Stichtag erscheint eine knappe Mitteilung, diesmal 15 Tage vorher.
Auch die Begründung ist seit 2024 Wort für Wort dieselbe. Die Zahlungen an Gläubiger, die alle nötigen Schritte erledigt haben, seien weitgehend abgeschlossen. Viele andere hätten diese Schritte aber nie zu Ende gebracht, und bei einer «beträchtlichen Zahl» sei im Ablauf etwas schiefgegangen. Auch ihnen wolle man auszahlen, «soweit vernünftigerweise machbar».
Für den Markt heisst das zunächst: Am 31. Oktober läuft nichts ab, und kein Termin zwingt den Verwalter zu einer grossen Überweisung. Die früheren Verlängerungen gingen im Kursgeschehen unter. Am Tag nach den Mitteilungen bewegte sich Bitcoin jeweils um höchstens drei Prozent, also im üblichen Auf und Ab.
Die Vorgeschichte
Bitcoin statt Yen
Mt. Gox war einst die grösste Bitcoin-Börse der Welt. Im Februar 2014 stellte sie in Tokio den Betrieb ein, ein grosser Teil der Kundengelder fehlte, und die Börse ging in Konkurs. Zehn Jahre lang warteten die Gläubiger, bis im Sommer 2024 die ersten Bitcoin flossen. Ein Teil von ihnen wartet bis heute.
Dass heute überhaupt Bitcoin verteilt werden, liegt an einem Wechsel des Verfahrens. In einem japanischen Konkurs wird eine Forderung, die nicht auf Geld lautet, zum Wert bei Verfahrensbeginn in Yen umgerechnet. Die Gläubiger hätten also einen Yen-Betrag zum Kurs von 2014 erhalten. Auf ihren Antrag ordnete das Tokioter Bezirksgericht im Juni 2018 stattdessen ein Sanierungsverfahren an, in dem eine Bitcoin-Forderung eine Bitcoin-Forderung bleibt.
Ohne diesen Wechsel wäre der Wertzuwachs der vergangenen Jahre grösstenteils an den Gläubigern vorbeigegangen. Den Sanierungsplan nahmen im Oktober 2021 rund 99 Prozent der abstimmenden Gläubiger an, einen Monat später wurde er rechtskräftig. Kobayashi, schon im Konkurs der Verwalter, verfügt seit dem Wechsel 2018 allein über das Vermögen von Mt. Gox, unter der Aufsicht des Gerichts.
Der Bestand
Was noch in den Wallets liegt
Ende Mai 2024, kurz vor Beginn der Auszahlungen, lagen in den Wallets des Verwalters rund 141'686 Bitcoin. Heute sind es noch rund 34'387 BTC, also etwa ein Viertel des Ausgangsbestands. Zum Kurs vom 16. Oktober von 81'538 Dollar haben sie einen Wert von rund 2,8 Milliarden Dollar.
Fast alles ist im ersten Anlauf abgeflossen. Im Juli und August 2024 verliessen rund 96'800 BTC die Wallets, im November und Dezember 2024 folgten noch einmal rund 8'800 BTC. Seit März 2025 sind insgesamt nur noch rund 300 BTC abgeflossen, und seit Juni 2026 hat sich der Bestand gar nicht mehr verändert.
Der Rest liegt fast vollständig auf zwei Adressen: rund 24'050 BTC, unberührt seit dem 5. Dezember 2024, und rund 10'306 BTC, die am 2. Juni 2026 dorthin verschoben wurden. Bitcoin-Adressen tragen keine Namen. Dass diese Adressen zum Verwalter gehören, zeigt die Kette der Transaktionen, die von seiner bekannten Auszahlungsadresse ausgeht, und Analysefirmen kommen auf praktisch denselben Bestand. Der Verwalter selbst nennt keinen Bestand.
Die Nachzügler
Wer auf den Rest wartet
Wem die verbleibenden Coins zustehen, legt der Verwalter nicht offen. Er nennt weder die Zahl der Gläubiger, die noch warten, noch sagt er, ob ein Teil für Kosten, Steuern oder strittige Forderungen zurückgehalten wird. Der Sanierungsplan selbst ist nur im passwortgeschützten Portal für die Gläubiger einsehbar.
Öffentlich ist dagegen, woran es bei den Wartenden hängt. In der Regel müssen sie selbst etwas tun, etwa Angaben korrigieren oder ein Börsenkonto freischalten und prüfen lassen. Erst wenn auch die Börse dem Vertrag mit dem Verwalter zugestimmt hat und die Zahlung sicher möglich ist, fliessen die Coins. Ausbezahlt hat der Verwalter nach eigenen Angaben bis März 2025 über 19'500 Gläubiger, eine neuere Zahl hat er nicht genannt.
Das Muster der letzten anderthalb Jahre passt zu dieser Lage. Seit 2025 gingen nur noch alle paar Monate kleine Tranchen zwischen 116 und 893 BTC an eine Börse. Wer seit zwei Jahren seine Schritte nicht erledigt hat, dürfte sie kaum alle gleichzeitig nachholen. Wahrscheinlich fliesst der Rest deshalb weiter in solchen kleinen Portionen ab, eine grosse Auszahlung wie im Juli 2024 ist nicht angekündigt.
Eine Ausnahme gibt es. Im März 2025 teilte der Verwalter mit, dass er einen Teil der Gläubiger in Geld bezahlt, das er aus dem Verkauf von Bitcoin und Bitcoin Cash erlöst. Wie viele Coins er dafür verkauft und wann, hat er nicht veröffentlicht.
Der Weg der Coins
Eine Bewegung ist noch kein Verkauf
Der Verwalter überweist nie direkt an die Gläubiger. Die Coins gehen an Börsen und Verwahrer, die er dafür bestimmt hat, im Jahr 2024 waren das Kraken, Bitstamp, BitGo und die japanischen Börsen Bitbank und SBI VC Trade. Die Börse schreibt die Bitcoin dann den Konten ihrer Kunden gut, die Beträge legt der Verwalter fest.
Dazwischen vergeht Zeit. Kraken erhielt am 16. Juli 2024 48'641 BTC und schrieb sie den Gläubigern bis zum 24. Juli gut. Bei BitGo kamen am 30. Juli 33'105 BTC an, weiterbewegt wurden sie erst am 13. August. Bitstamp nahm sich bis zu 60 Tage Zeit.
Zwischen einer Wallet-Bewegung und einem Verkauf liegen deshalb mehrere Schritte. Oft bucht der Verwalter zuerst nur innerhalb seiner eigenen Wallets um, dann übergibt er Coins an eine Börse, die sie später ihren Kunden gutschreibt. Erst danach kann ein Gläubiger verkaufen, und auf der Blockchain ist dieser letzte Schritt nicht zu sehen, solange die Coins auf der Börse bleiben.
Die beiden grossen Bewegungen der letzten zwölf Monate waren genau solche Umbuchungen. Am 18. November 2025 verschob der Verwalter 10'423 BTC auf eine neue Adresse und schickte nur 186 BTC weiter an eine Börse. Am 2. Juni 2026 lief es genauso: 10'306 BTC gingen auf eine neue Adresse, nur 116 BTC an eine Börse. Die Schlagzeilen meldeten trotzdem beide Male, es seien Hunderte Millionen Dollar in Bewegung.
Sommer 2024
Der grosse Test liegt schon hinter uns
Die echte Belastungsprobe hat der Markt im Sommer 2024 bestanden. Damals verteilte der Verwalter in zwei Monaten rund 96'800 BTC, fast dreimal so viel, wie heute noch übrig ist. Zur gleichen Zeit verkaufte die sächsische Justiz zwischen dem 19. Juni und dem 12. Juli 49'858 beschlagnahmte Bitcoin für 2,64 Milliarden Euro.
Die beiden Ereignisse unterschieden sich grundlegend. Die sächsischen Coins wurden sicher und vollständig verkauft, die Mt.-Gox-Coins nur verteilt, und welcher Anteil davon verkauft wurde, weiss niemand. Bitcoin fiel bis zum 5. Juli auf rund 56'700 Dollar und erholte sich nach dem Ende der sächsischen Verkäufe bis zum 22. Juli auf rund 67'500 Dollar, also genau in den Wochen, in denen die grössten Mt.-Gox-Tranchen flossen.
In den sieben Tagen nach der grössten Tranche, den 48'641 BTC an Kraken, stieg Bitcoin um 1,2 Prozent. Der heftigste Rückgang nach einer Auszahlung, rund 15 Prozent in der Woche nach dem 30. Juli, fiel in den weltweiten Ausverkauf vom 5. August. Damals brachen nach einer Zinserhöhung der japanischen Notenbank Aktien und Krypto gemeinsam ein, weil Anleger ihre Yen-Carry-Trades auflösten, also Wetten, die mit billig geliehenen Yen finanziert waren.
Über alle elf Auszahlungstage seit 2024 ergibt sich kein Muster. Fünf davon waren nach sieben Tagen im Minus, in einem Markt, in dem fast jede zweite Woche negativ ausfällt. Elf Fälle mit vielen gleichzeitigen Einflüssen reichen zwar nicht, um eine Wirkung sicher auszuschliessen. Zu erkennen ist in den Kursen aber keine.
Die Grösse
Ein Drittel eines Handelstages
Gemessen am heutigen Markt sind die 34'387 BTC überschaubar. Sie entsprechen 0,17 Prozent aller umlaufenden Bitcoin. An den erfassten Börsen wechseln an einem durchschnittlichen Tag rund 100'000 BTC den Besitzer, der ganze Mt.-Gox-Rest entspricht also etwa einem Drittel eines Handelstages.
Das Handelsvolumen lässt den Rest allerdings etwas zu harmlos aussehen. Darin steckt viel Hin und Her von Hochfrequenzhändlern und Market Makern, die kaufen und kurz darauf wieder verkaufen, ohne den Preis in eine Richtung zu schieben. Ein strengerer Massstab ist die Neuausgabe der Miner, die zuletzt im Schnitt 463 neue BTC pro Tag in Umlauf brachten. Der Mt.-Gox-Rest entspricht damit rund 74 Tagen Neuausgabe.
Auch bei den amerikanischen Spot-Bitcoin-ETFs, börsengehandelten Fonds, die echte Bitcoin halten, geht es um vergleichbare Mengen. Seit Anfang September flossen an einem durchschnittlichen Handelstag rund 2'680 BTC hinein oder hinaus. Allein der Zufluss vom 21. September entsprach einem Drittel des Mt.-Gox-Rests. Im Juli und August 2024 nahmen die ETFs netto rund 48'000 BTC auf, mehr als heute insgesamt übrig ist.
Ein Rechenbeispiel macht die Grösse greifbar. Würden alle verbleibenden Coins ausbezahlt und innert 30 Tagen verkauft, kämen täglich rund 1'150 BTC auf den Markt, gut 1 Prozent des täglichen Handelsvolumens und etwa das Zweieinhalbfache der Neuausgabe. Verkaufte nur ein Viertel, wären es rund 290 BTC pro Tag und damit weniger, als die Miner täglich neu ausgeben. Das ist ein Rechenrahmen und keine Prognose. Tatsächlich sind seit März 2025 im Schnitt weniger als 20 BTC pro Monat abgeflossen.
Die Gegenrechnung
Was trotzdem Druck machen könnte
Das stärkste Argument der Pessimisten ist die Psychologie. Wer zwölf Jahre gewartet hat und gegenüber den Kursen von 2014 auf einem Buchgewinn von über 10'000 Prozent sitzt, hat einen guten Grund zu verkaufen. Zur Gruppe, die noch wartet, passt das allerdings schlecht. Wer nach all den Jahren noch immer nicht ausbezahlt ist, dürfte eher passiv sein. Und wenn er verkauft, dann tropfenweise mit jeder einzelnen Auszahlung.
Ein sicherer Verkäufer ist dagegen der Verwalter selbst, sobald er Gläubiger in Geld bezahlt. Das ist der einzige Weg, auf dem Mt.-Gox-Coins mit Sicherheit verkauft werden. Wie viele es sind, ist nicht bekannt. Schon 2017 und 2018, noch im Konkursverfahren, verkaufte Kobayashi Bitcoin ausserhalb der Börsen, nach eigener Darstellung so, dass der Kurs davon unberührt blieb. Geht er wieder so vor, drücken die Verkäufe weniger direkt auf den Börsenkurs. Aus dem Restbestand des Verwalters verschwinden die Coins trotzdem.
Offen ist auch, was nach Oktober 2027 mit Coins geschieht, die niemand abholt. Für Yen-Beträge, die ein Gläubiger nicht annehmen kann, sieht das Verfahren eine Hinterlegung bei der staatlichen Rechtsbehörde vor. Für nicht abgeholte Bitcoin ist keine öffentliche Regel bekannt, und ebenso wenig, ob das Gericht die Frist beliebig oft verlängern kann.
Wer die nächsten Wallet-Alarme einordnen will, achtet am besten auf drei Dinge. Etwas bedeuten würde eine Bewegung der Adresse mit den rund 24'050 BTC, vor allem wenn danach ein grösserer Betrag über die Auszahlungsadresse an eine Börse geht. Ebenso wichtig wären eine neue Mitteilung des Verwalters zu Auszahlungen oder Barzahlungen und eine Schlussmitteilung zum Ende des Verfahrens. Eine Umbuchung auf eine neue Adresse mit einem kleinen Abzweig zur Auszahlung, wie im November 2025 und im Juni 2026, sagt dagegen nichts über Verkäufe.
Kleiner als ihr Ruf
Am 31. Oktober passiert nichts. Die Frist ist auf Ende Oktober 2027 verschoben, und die rund 34'387 Bitcoin im Wert von 2,8 Milliarden Dollar bleiben im Verfahren. Sie dürften weiter in kleinen Portionen an Gläubiger gehen, die ihre Schritte nachholen.
Wie viel davon als Verkaufsangebot im Markt landet, kann niemand seriös beziffern. Die Obergrenze sind die 34'387 BTC, der realistische Wert liegt deutlich darunter. Ein Teil gehört Gläubigern, die seit Jahren nicht reagieren, die Auszahlungen laufen mit Wochen Verzug über Börsen, und selbst ein vollständiger Verkauf innert eines Monats wäre gut 1 Prozent des täglichen Handels.
Der Markt hat 2024 fast die dreifache Menge verdaut, und nach den Auszahlungstagen verhielt sich der Kurs nicht anders als an gewöhnlichen Tagen. Das grössere Risiko sind deshalb die Schlagzeilen, die jede Umbuchung zum Verkauf erklären, und die unbekannte Menge, die der Verwalter selbst für Gläubiger verkauft, die er in Geld bezahlt.
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