Ölschock in der Lieferkette
Die US-Erzeugerpreise sind im September um 1,3 Prozent gestiegen, so stark wie seit März 2022 nicht mehr. Gut die Hälfte davon ist Öl, der Rest fliesst über Fracht, Flugtickets und Händlermargen durch die Lieferkette. Die Märkte haben die Zahl bis zum Vormittag in New York fast ignoriert.
In 5 Minuten durch
Die Preise, die amerikanische Unternehmen für ihre Waren und Dienstleistungen verlangen, sind im September um 1,3 Prozent gestiegen. Erwartet waren 0,5 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr liegen sie 6,3 Prozent höher, so hoch wie seit Ende 2022 nicht mehr. Gut die Hälfte des Anstiegs kommt von der Energie, zusammen mit Transport und Handelsmargen sind es über 80 Prozent. Die Kerngüter stiegen nur um 0,3 Prozent. Ruhig ist der Kern trotzdem nicht: Auch ohne Energie, Nahrung und Handel liegen die Erzeugerpreise 5,0 Prozent über dem Vorjahr, und auf den vorgelagerten Stufen sind es rund 14 Prozent, vor allem wegen Öl. Als Vorbote der Konsumteuerung taugt der PPI nur begrenzt. Für den PCE-Kern, das Mass der Fed, deutet er auf rund 3,1 Prozent im September. Die Märkte reagierten kaum. Nach dem CPI am Vortag war die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Erhöhung im Oktober auf rund ein Drittel gestiegen, nach dem PPI lag sie wieder bei rund einem Viertel. Für Bitcoin war am PPI-Tag kein eigener Effekt messbar.
Am Donnerstag um 8:30 Uhr New Yorker Zeit hat das US-Arbeitsministerium die Erzeugerpreise für September veröffentlicht, und die Zahl fiel weit höher aus als erwartet. Die Frage ist, was hinter dem Sprung steckt: ein Ölschock, der wieder abklingen kann, oder ein Preisdruck, der in den nächsten Monaten beim Konsumenten und bei der Fed ankommt.
Die Zahl
Der grösste Sprung seit 2022
Der Erzeugerpreisindex, kurz PPI, misst, welche Preise amerikanische Unternehmen für ihre Waren und Dienstleistungen verlangen. Er schaut damit eine Stufe früher in die Kette als der Konsumentenpreisindex, der zeigt, was Haushalte an der Kasse bezahlen. Im September stieg der PPI um 1,3 Prozent gegenüber dem August. Erwartet hatten Ökonomen rund 0,5 Prozent.
Einen grösseren Monatssprung gab es seit Beginn der Reihe Ende 2009 nur einmal, im März 2022 mit 1,7 Prozent. Auf Jahressicht liegen die Erzeugerpreise jetzt 6,3 Prozent höher, nach 5,6 Prozent im August. Zum Vergleich: In den ruhigen Jahren 2015 bis 2019 stieg der Index im Schnitt um 1,3 Prozent pro Jahr.
Der Gesamtindex wird stark von schwankenden Preisen wie Energie und Lebensmitteln getrieben. Deshalb rechnet das Arbeitsministerium auch Kernmasse, bei denen diese Posten fehlen. Ohne Nahrung und Energie stiegen die Erzeugerpreise um 0,7 Prozent, mehr als doppelt so stark wie die erwarteten 0,3 Prozent. Das engste Kernmass klammert zusätzlich die sprunghaften Handelsmargen aus und stieg um 0,5 Prozent.
Beide Kernmasse liegen 5,0 Prozent über dem Vorjahr. In den Jahren 2015 bis 2019 lag der Kern im Schnitt bei 1,7 Prozent. Hinter dem Sprung im September stehen also Preise, die schon vorher deutlich schneller gestiegen sind als früher.
Dazu kommt, dass das Arbeitsministerium die Vormonate leicht nach oben angepasst hat, den August von 0,4 auf 0,5 Prozent und den Juli von 0,1 auf 0,2 Prozent. Rechnet man die letzten drei Monate auf ein Jahr hoch, ergibt das beim engsten Kern rund 5 Prozent. Im Kern hat der Druck über den Sommer also nicht nachgelassen, auch wenn der schwankende Ölpreis den Gesamtindex zwischendurch gedrückt hat.
Die Treiber
Gut die Hälfte ist Öl
Die Güterpreise stiegen im September um 2,6 Prozent, so stark wie noch nie seit Beginn der Reihe. Mehr als 80 Prozent davon gehen auf die Energie zurück, die sich innerhalb eines Monats um 10,8 Prozent verteuerte. Benzin und Diesel kosteten ab Werk rund ein Fünftel mehr als im August.
Dahinter steht der Ölpreis. Ein Fass der US-Sorte WTI kostete im September im Schnitt 97 Dollar, nach 84 Dollar im August und 60 Dollar im Januar. Der Krieg der USA und Israels mit dem Iran seit Ende Februar und die Störungen in der Strasse von Hormus haben den Preis in mehreren Schüben nach oben getrieben. Die Energiepreise ab Werk liegen inzwischen gut ein Drittel über dem Vorjahr.
Zerlegt man den Anstieg von 1,3 Prozent nach Bereichen, trägt die Energie allein rund 0,7 Prozentpunkte bei. Die Handelsmargen bringen 0,3 Punkte, Transport und Lagerung 0,2 Punkte. Diese drei Posten erklären zusammen gut 80 Prozent des Anstiegs im September. Die Kerngüter, also Industriewaren ohne Nahrung und Energie, stiegen nur um 0,3 Prozent und damit sogar etwas langsamer als im August.
Der Transport hängt direkt am Treibstoff. Lkw-Frachten verteuerten sich um 3,8 Prozent, Flugtarife um 5,0 Prozent. Bei solchen Leistungen landet ein Ölschock schnell in den Preisen, weil der Treibstoff einen grossen Teil der Kosten ausmacht.
Die Handelsmargen funktionieren anders als die übrigen Posten. Gemessen wird die Spanne zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis eines Händlers, nicht der Preis im Laden. Springt der Grosshandelspreis für Benzin, ziehen die Tankstellen ihre Preise nur verzögert nach, und ihre Marge schrumpft. Genau das geschah im September: Die Margen im Kraftstoffhandel brachen um ein Viertel ein.
Trotzdem stiegen die Handelsmargen insgesamt um 1,4 Prozent. Ausserhalb der Tankstellen haben Händler ihre Spannen also ausgeweitet, im Handel mit Maschinen und Fahrzeugen etwa um 3,9 Prozent. Das passt zu einer robusten Nachfrage: Die Einzelhandelsumsätze stiegen im September um 0,8 Prozent. Allerdings schwanken die Margen von Monat zu Monat stark, eine einzelne Zahl trägt hier wenig.
Die Vorstufen
Druck in der Lieferkette, aber kaum von Zöllen
Der PPI misst nicht nur Preise für die Endnachfrage. Er verfolgt auch Vorprodukte über vier Produktionsstufen, von Rohstoffen und Grundmaterialien ganz vorne bis zu Teilen, die kurz vor dem fertigen Produkt stehen. Auf den ersten beiden Stufen liegen die Preise rund 14 Prozent über dem Vorjahr, mehr als doppelt so viel wie bei der Endnachfrage. Im März lagen die Jahresraten aller vier Stufen noch zwischen 3 und 7 Prozent.
Ein so grosser Abstand zwischen Vorstufen und Endnachfrage kam zuletzt 2021 und 2022 vor. Der grösste Teil davon ist Energie. Verarbeitete Vorprodukte ohne Nahrung und Energie stiegen im September nur um 0,5 Prozent, und über die letzten drei Monate hochgerechnet sind es nur 1,4 Prozent pro Jahr. Was in den nächsten Monaten weitergereicht wird, dürfte deshalb vor allem bei Leistungen ankommen, die viel Treibstoff brauchen.
Bleibt die Frage nach den Zöllen. Kerngüter ab Werk sind 5,1 Prozent teurer als vor einem Jahr, und auch die Importpreise ohne Brennstoffe lagen im August 5,5 Prozent über dem Vorjahr. Während der Zollrunde 2018 und 2019 sah das anders aus: Damals stiegen die Kerngüter um höchstens 2,6 Prozent, und die Importpreise fielen. Das spricht dafür, dass ausländische Lieferanten oder der starke Dollar einen Teil der Zollkosten auffingen.
Dass heute beides gleichzeitig steigt, deutet auf einen breiteren Kostendruck. Laut dem jüngsten Sitzungsprotokoll führen die Ökonomen der Fed die höhere Teuerung vor allem auf drei Dinge zurück: frühere Zollerhöhungen, Energie und Vorleistungen sowie teurere Technikgüter im Zuge des KI-Ausbaus. Mehrere Mitglieder sahen den Zolleffekt bei den Gütern bereits abklingen.
Die Zolleinnahmen stützen diese Lesart. Brutto lagen sie im August bei gut 23 Milliarden Dollar, knapp 30 Prozent unter dem Hoch von 33 Milliarden im Oktober 2025. Seit der Supreme Court im Februar die auf Notstandsrecht gestützten Zölle gekippt hat, zahlt das Finanzministerium zudem Milliarden zurück. Im Mai, Juni und Juli waren die Zolleinnahmen netto sogar negativ. Eine neue Zollwelle steckt nicht in diesen Erzeugerpreisen.
Konsument, Fed und Märkte
Ein schwacher Vorbote und ein Markt, der kaum zuckt
Am Tag vor dem PPI kamen die Konsumentenpreise. Sie stiegen im September um 3,7 Prozent zum Vorjahr, der Kern ohne Energie und Nahrung um 2,6 Prozent. Der Kern der Erzeugerpreise liegt damit 2,4 Prozentpunkte über dem Kern der Konsumentenpreise. Einen grösseren Abstand gab es seit 2015 nur im März 2022, und vor 2020 lag der PPI-Kern im Schnitt sogar leicht darunter.
Das erinnert an 2021 und 2022. Damals erreichten die Erzeugerpreise ihr Hoch im März 2022, der Kern der Konsumentenpreise folgte erst im September. Ein Teil der heutigen Lücke ist allerdings strukturell, weil der PPI Handelsmargen und Dienstleistungen für Unternehmen enthält, die im Warenkorb der Haushalte fehlen.
Wie gut sagt der PPI die Konsumteuerung tatsächlich voraus? Seit 2011 bewegen sich die Jahresraten eng zusammen, der beste Gleichlauf ergibt sich mit drei bis fünf Monaten Vorlauf. Der Gewinn gegenüber gar keinem Vorlauf ist aber klein. Als Richtungssignal traf ein steigender PPI-Kern die Richtung des Konsumentenpreis-Kerns in den folgenden drei Monaten nur in 54 Prozent der Fälle, kaum besser als ein Münzwurf.
Für die Fed zählt ohnehin ein anderes Mass, der PCE-Preisindex. Er erfasst alle Konsumausgaben, auch solche, die Versicherungen oder der Staat bezahlen, und für Arztbesuche, Spitäler und Flüge übernimmt er direkt Reihen aus dem PPI. Im September liefen die Gesundheitspreise ruhig, die Flugtarife stiegen dagegen um 5,0 Prozent. Die Gebühren der Vermögensverwalter, früher ein wichtiger Kanal vom PPI ins PCE, rechnet das Statistikamt seit Ende September anders und nicht mehr direkt über den PPI.
Zusammen deutet das auf einen PCE-Kern von etwa 0,3 Prozent im September und rund 3,1 Prozent zum Vorjahr, nach 3,0 Prozent im August. Das ist etwas heisser als der Sommer, aber kein neuer Schub. Die offizielle Zahl kommt erst am 29. Oktober, einen Tag nach der nächsten Fed-Sitzung.
Die Fed hat den Leitzins am 16. September auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben, die erste Erhöhung nach drei Senkungen im Herbst 2025. Laut Protokoll hielten die meisten Mitglieder eine weitere Erhöhung bis Jahresende für wahrscheinlich angemessen. Viele von ihnen sorgen sich, dass aus Kostensteigerungen in einzelnen Branchen umso eher breitere Preissteigerungen werden, je länger die Energiepreise hoch bleiben. Bei Transport und Vorleistungen zeigt der PPI genau solche Kostensteigerungen. Dass sie auf die übrigen Preise übergreifen, ist noch nicht zu sehen: Die übrigen Dienstleistungen und die Kerngüter stiegen je nur um 0,3 Prozent.
Entsprechend ruhig blieb der Markt. Nach den Konsumentenpreisen am Mittwoch stieg die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen innerhalb von 15 Minuten um rund 12 Basispunkte, also 0,12 Prozentpunkte, und Bitcoin fiel um 1,2 Prozent. Nach dem PPI stiegen die Renditen nur in den ersten Minuten kurz an, nach einer Viertelstunde lag die zehnjährige Rendite rund 2 Basispunkte tiefer. Der Benzinschock war seit dem Vortag bekannt. Zeitgleich mit dem PPI kamen zudem die Einzelhandelsumsätze, und die Reaktion auf beide Zahlen lässt sich nicht trennen.
Aus den Fed-Funds-Futures, Terminkontrakten auf den Leitzins, lässt sich ablesen, womit der Markt rechnet. Nach der September-Sitzung lag die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Erhöhung schon im Oktober zeitweise bei 70 Prozent, Anfang Oktober unter 20 Prozent. Nach den Konsumentenpreisen stieg sie auf rund ein Drittel, am Donnerstag gegen 10 Uhr New Yorker Zeit lag sie wieder bei rund einem Viertel. Bis Jahresende bleibt etwas mehr als ein Zinsschritt eingepreist.
Bitcoin stand am Donnerstagvormittag bei gut 80'000 Dollar, rund 35 Prozent unter dem Hoch vom Oktober 2025 und knapp 40 Prozent über dem Tief von Ende Juni. Seit diesem Tief ist er gestiegen, obwohl der Realzins, also die Rendite zehnjähriger Anleihen nach Abzug der erwarteten Inflation, von 2,2 auf 2,9 Prozent kletterte. Die einfache Regel, dass höhere Realzinsen Bitcoin drücken, hat in diesen Monaten nicht gegolten. In der Viertelstunde nach dem PPI gab Bitcoin 0,2 Prozent nach. Bis 9:30 Uhr wuchs das Minus auf gut 1 Prozent. Der Kurs war aber schon in der Nacht gefallen und rutschte danach ohne erkennbaren Sprung weiter ab. Ein eigener Effekt des PPI ist darin nicht zu erkennen.
Ein Ölschock mit hohem Sockel
Der September-PPI zeigt vor allem einen Energieschock, der sich über Fracht, Flugtickets und Händlermargen durch die Lieferkette frisst. Einen breiten neuen Preisschub bei den Kerngütern zeigt er nicht, und eine neue Zollwelle steckt auch nicht darin. Harmlos ist das Bild trotzdem nicht, denn der Kern liegt seit Monaten bei rund 5 Prozent und damit weit über dem Niveau vor 2020.
Für die Konsumteuerung taugt der PPI nur als grober Wegweiser. Er deutet auf einen etwas heisseren PCE-Kern von rund 3,1 Prozent, gibt der Fed aber keinen neuen Grund für eine Erhöhung schon im Oktober. Ob aus dem Schock in den Erzeugerpreisen eine breitere Teuerung wird, entscheidet sich vor allem am Ölpreis. Die nächsten Erzeugerpreise kommen am 13. November.
Keine Anlageberatung. Alle Inhalte dienen der Information und der Meinungsbildung. Über FabianHinweisImpressumDatenschutz