Seoul fällt, Bitcoin nicht
Koreas Börse hat seit Juni fast 40 Prozent verloren, Bitcoin ist im selben Zeitraum um ein Viertel gestiegen. Wenn Koreas Kleinanleger an zwei Fronten Geld verlieren, zeigt sich das vor allem bei den Altcoins und im Won-Preis, kaum beim globalen Bitcoin-Kurs.
In 5 Minuten durch
Der Kospi schloss am 15. Oktober 7,57 Prozent tiefer, nach einem Circuit Breaker am Mittag, und liegt 39,1 Prozent unter seinem Rekord vom 22. Juni. Auslöser war ein globaler Abverkauf von Chipwerten, die Wucht kommt aus Korea: zwei dominante Speicherchip-Hersteller und viel Kredit bei den Privatanlegern. Bitcoin ist seit dem Kospi-Hoch um rund 25 Prozent gestiegen. Kospi und Bitcoin bewegen sich am selben Tag zwar tendenziell gemeinsam, weil beide auf die US-Sitzung der Nacht reagieren, einen Vorlauf des Kospi vor Bitcoin gibt es in den Daten seit 2018 aber nicht. Nach früheren Crashtagen in Seoul hat sich Bitcoin im Schnitt eher erholt. Koreas Kleinanleger handeln vor allem Altcoins, Bitcoin macht nur rund 9 Prozent des Won-Umsatzes aus, und der koreanische Bitcoin-Handel ist im globalen Markt klein geworden. Koreanischer Stress zeigt sich in der Kimchi-Prämie, die heute ruhig ist. Die Kryptosteuer ab 2027 setzt keinen Anreiz, vor dem Jahreswechsel zu verkaufen. Ein Risiko bleibt ein globaler Abverkauf, der Seoul und Bitcoin gleichzeitig trifft.
Am Donnerstag hat die Börse in Seoul binnen weniger Stunden zwei Notbremsen gezogen. Koreas Privatanleger stecken gleichzeitig in Aktien und in Kryptowährungen, viele davon mit geliehenem Geld. Ich wollte wissen, was ihre Verluste für Bitcoin bedeuten.
Der Absturz
Zwei Notbremsen in dreieinhalb Stunden
Der Kospi, Koreas wichtigster Aktienindex, eröffnete am Donnerstag bereits 5,6 Prozent tiefer. Wenige Minuten nach neun Uhr griff die erste Bremse, ein sogenannter Sidecar: Fällt der Terminkontrakt auf den Index um 5 Prozent, setzt die Börse die Verkaufsaufträge aus dem Computerhandel für fünf Minuten aus. Es half nichts. Um 12:38 Uhr Ortszeit lag der Kospi eine Minute lang mehr als 8 Prozent unter dem Vortagesschluss, der Circuit Breaker griff, und der gesamte Handel ruhte 20 Minuten.
Am Tiefpunkt lag der Index 9,05 Prozent im Minus. Bis zum Schluss holte er einen Teil davon auf und beendete den Tag bei 5554 Punkten, 7,57 Prozent unter dem Vortag. Angeführt wurde der Absturz von den beiden schwersten Werten des Landes: Samsung Electronics verlor 9,48 Prozent, SK Hynix 11,06 Prozent. Der Kosdaq, der Markt der kleineren Wachstumswerte, an dem Privatanleger besonders stark vertreten sind, fiel um 7,66 Prozent.
Der Donnerstag ist der vorläufige Tiefpunkt einer Bewegung, die seit vier Monaten läuft. Am 22. Juni schloss der Kospi mit 9115 Punkten auf einem Rekord, heute liegt er 39,1 Prozent darunter. Misst man vom Höchststand während des Handels am 19. Juni, sind es 40,8 Prozent. Allein in den sieben Handelstagen seit dem 2. Oktober hat der Index gut ein Fünftel verloren.
Das Ausnahmejahr
Ein Crash in einem Jahr voller Crashs
Unter allen Handelstagen seit 2000 steht der 15. Oktober auf Rang 14 der grössten Tagesverluste. Bemerkenswerter als der Rang ist die Gesellschaft, in der er steht: Vier der zehn grössten Tagesverluste seit 2000 fallen ins Jahr 2026. Der schwerste war der 4. März mit einem Minus von 12,06 Prozent, knapp mehr als am Tag nach den Anschlägen vom 11. September 2001.
Von der Einführung des Circuit Breakers bis Ende 2025 hatte der Kospi ihn sechsmal ausgelöst. In diesem Jahr waren es bereits mehr als in den gut 25 Jahren davor zusammen. Dazu kommen 21 Tage mit Verlusten von 5 Prozent oder mehr und 16 Tage mit Gewinnen in dieser Grössenordnung. Der koreanische Leitindex schwankt 2026 mehr als dreimal so stark wie im Schnitt der Jahre 2010 bis 2025.
Die Wucht des Absturzes erklärt sich aus dem Anstieg davor. Bis Juni hatte sich der Kospi seit dem Jahresende 2025 mehr als verdoppelt, und selbst nach dem Absturz steht er noch 32 Prozent über diesem Stand. In der Finanzkrise verlor der Index vom Hoch im Oktober 2007 bis zum Tief ein Jahr später 54,5 Prozent. Der heutige Rückgang ist kleiner, aber er kam in vier Monaten und nach einer Verdopplung in sechs. Es ist trotzdem der tiefste Fall seit 2008.
Die Ursache
Ein globaler Chipzyklus mit koreanischem Hebel
Der Auslöser kam aus New York. Die US-Inflation für September war mit 3,7 Prozent höher ausgefallen als erwartet, und die Sorgen um die Finanzierung des KI-Ausbaus nahmen zu. In der US-Sitzung am Mittwoch verlor die Aktie des Rechenzentrumsbetreibers CoreWeave 15 Prozent, der Philadelphia Semiconductor Index, kurz SOX, der die grossen US-Chipwerte bündelt, fiel um 4,3 Prozent. Weil Seoul nach New York öffnet, verarbeitet der Kospi am Morgen, was in den USA am Vorabend geschehen ist.
Kospi und SOX erreichten ihr Hoch am selben Tag, dem 22. Juni. Es ist derselbe Zyklus, nur mit völlig anderen Ausschlägen. Der SOX hatte sich von Jahresbeginn bis Juni ungefähr verdoppelt und liegt heute rund 20 Prozent unter seinem Hoch. Die Aktie von SK Hynix, dem koreanischen Speicherchip-Hersteller, war bis Juni um 348 Prozent gestiegen und hat seither 57 Prozent verloren. Samsung liegt 42 Prozent unter dem Hoch, der breite Nasdaq-100 nur rund 4 Prozent.
Aus dem globalen Impuls wird in Seoul ein Crash, weil zwei Dinge zusammenkommen. Der Index hängt stark an zwei Speicherchip-Herstellern, und viele Privatanleger haben ihre Käufe mit Kredit finanziert. Der Kospi hat in diesem Jahr deshalb auch eine eigene Dynamik: Am 23. Juni fiel er um fast 10 Prozent, obwohl der SOX am Vorabend um 2 Prozent gestiegen war.
Eine Währungskrise ist das nicht. Ein Dollar kostet heute rund 1348 Won, im Juni waren es noch rund 1538. Für einen Dollar zahlt man seit dem Kospi-Hoch also gut 12 Prozent weniger Won. Ausländische Anleger verkaufen seit sieben Sitzungen koreanische Aktien. Ihre Verkäufe treffen die Börse, die Währung bisher nicht.
Was Bitcoin tut
Der Gegenbefund
Vier Monate Crash, Bitcoin ein Viertel höher
Ob ein Absturz in Seoul Bitcoin mitreisst, lässt sich zuerst am grössten Test ablesen, den es bisher gibt. Zum Kospi-Schluss am 22. Juni kostete ein Bitcoin rund 64 200 Dollar, zum Kospi-Schluss am 15. Oktober rund 80 600 Dollar. Das ist ein Plus von rund 25 Prozent, in genau den vier Monaten, in denen Koreas Börse ihren tiefsten Fall seit der Finanzkrise erlebte.
Über das ganze Jahr betrachtet liefen die beiden Märkte sogar in entgegengesetzte Richtungen. Bitcoin erreichte sein Jahreshoch am 14. Januar bei rund 97 700 Dollar und fiel bis Juni deutlich, während sich der Kospi verdoppelte. Seit der Kospi fällt, steigt Bitcoin. Seit Jahresbeginn liegt Bitcoin rund 8 Prozent im Minus, der Kospi trotz allem deutlich im Plus.
Ganz unberührt blieb Bitcoin am Donnerstag nicht. Von Kospi-Schluss zu Kospi-Schluss verlor er 3,4 Prozent. Rund 60 Prozent davon entfielen allerdings auf die Stunden vor der Eröffnung in Seoul, vor allem auf die US-Sitzung am Mittwoch. In den ersten sechs Handelsstunden in Seoul, in die auch die Handelspause fiel, gab Bitcoin rund 1,3 Prozent nach, das Tief lag bei rund 80 200 Dollar. Wie Bitcoin in den kommenden Tagen reagiert, ist offen.
Die Kopplung
Gemeinsam am selben Tag
Von Tag zu Tag betrachtet sind Kospi und Bitcoin trotzdem verbunden. Die Korrelation misst, wie stark sich zwei Kurse am selben Tag in dieselbe Richtung bewegen: Bei 1 laufen sie vollständig gleich, bei 0 haben sie nichts miteinander zu tun. Bitcoin wird dafür jeweils eine halbe Stunde vor dem Kospi-Schluss gemessen, damit beide Tagesrenditen praktisch dieselbe Zeitspanne abdecken.
Über die letzten 90 Handelstage liegt die Korrelation bei 0,33, im Schnitt der Jahre 2018 bis 2025 lag sie bei 0,29. In den ersten Jahren gab es praktisch keinen Zusammenhang. Er entstand mit der Zinswende 2022, als steigende Zinsen alle riskanten Anlagen gleichzeitig unter Druck setzten, und erreichte im September 2022 mit 0,73 seinen Höchstwert. Heute liegt die Kopplung im üblichen Bereich, weit unter ihren Spitzen.
Praktisch heisst ein Wert um 0,3: Kospi und Bitcoin bewegen sich tendenziell in dieselbe Richtung, aber der Kospi erklärt nur rund ein Zehntel der täglichen Bitcoin-Schwankung. Wie wenig das über die grossen Trends aussagt, zeigt dieses Jahr: Am einzelnen Tag bewegen sich Kospi und Bitcoin oft gleich, über die Monate liefen sie gegeneinander. Und eine Korrelation am selben Tag sagt nichts darüber, wer wem folgt.
Vorlauf oder Echo
Seoul läuft Bitcoin nicht voraus
Damit ein Markt einen anderen ankündigt, muss er sich zuerst bewegen. Man vergleicht deshalb die Kospi-Rendite eines Tages mit der Bitcoin-Rendite der Stunden und Tage danach. Liefe Seoul voraus, müsste auf schwache Kospi-Tage im Schnitt ein schwacher Bitcoin folgen.
Das ist nicht der Fall. Seit 2018 liegt die Korrelation zwischen einem Kospi-Tag und dem Bitcoin-Folgetag bei minus 0,06, also nahe null und leicht negativ. Für die Jahre seit 2024 liegt sie mit minus 0,12 etwas deutlicher im negativen Bereich. Nach schwachen Kospi-Tagen hat sich Bitcoin am Folgetag im Schnitt also eher leicht erholt. Der Effekt ist klein und statistisch nur knapp von null zu unterscheiden, ein Handelssignal ist er nicht.
Bleibt der Gleichlauf am selben Tag. Rechnet man heraus, was die US-Chipwerte und der Nasdaq-100 in der Nacht davor getan haben, schrumpft er um ein Viertel bis ein Drittel. Ein Teil bleibt, vermutlich weil die Börsen in Asien als erste auf Nachrichten reagieren, die nach dem US-Schluss kommen. Auch dieser Rest geschieht aber gleichzeitig und kündigt nichts an. Der Kospi ist damit eher ein Echo der Nacht in New York als ein Vorbote für den Tag danach.
Die Episoden
Was nach früheren Crashtagen in Seoul geschah
Seit Oktober 2017 fiel der Kospi an 63 Tagen um 3 Prozent oder mehr. Am Crashtag selbst gab Bitcoin in rund 70 Prozent der Fälle mit nach, im Median um 1,75 Prozent. Fünf Tage später stand er im Median aber 0,65 Prozent höher. Tiefer lag er nur in 44 Prozent der Fälle, über alle Tage gerechnet sind es rund 48 Prozent.
Bei den 24 schwersten Tagen mit Verlusten von 5 Prozent oder mehr wird der Befund noch deutlicher. Ein Bitcoin-Rückgang von über 10 Prozent in den folgenden 20 Tagen kam danach in 9 Prozent der Fälle vor. Über alle Tage gerechnet passiert das in rund 20 Prozent der Fälle. Nach einem schweren Crashtag in Seoul war ein grosser Bitcoin-Rückgang also seltener als an einem gewöhnlichen Tag.
Die bekannten Episoden zeigen dasselbe. Im März 2020 kam der Bitcoin-Absturz zuerst, ausgelöst in den USA und im Kryptomarkt selbst, die Circuit Breaker in Seoul folgten erst danach. Nach dem Crash im August 2024, als die Auflösung billiger Yen-Kredite die Weltbörsen erschütterte, lag Bitcoin 20 Tage später rund 22 Prozent höher, nach dem Kriegsrecht im Dezember 2024 rund 2 Prozent tiefer. Nach den Crashtagen dieses Jahres bewegte er sich in den folgenden Wochen kaum.
Die Stichprobe ist klein, viele Fälle stammen aus diesem Jahr und liegen nur wenige Tage auseinander. Als Regel für eine Erholung taugen die Zahlen deshalb nicht. Für das Gegenteil, einen Kospi-Crash als Warnung vor Bitcoin-Verlusten, findet sich in ihnen aber kein Hinweis.
Die Anleger
Der Won-Markt
Viel Krypto, wenig Bitcoin
Koreas Privatanleger gehören zu den aktivsten Kryptohändlern der Welt. Bei rund 51 Millionen Einwohnern gibt es über 11 Millionen handelsfähige Konten an Kryptobörsen, wobei eine Person mehrere Konten haben kann. Im zweiten Halbjahr 2025 setzten Koreas Kryptobörsen im Schnitt 5,4 Billionen Won pro Tag um. Das ist rund ein Sechstel bis ein Fünftel dessen, was an einem Tag an Kospi und Kosdaq gehandelt wird.
Bitcoin spielt in diesem Handel allerdings eine Nebenrolle. Am 15. Oktober entfielen auf Upbit, die grösste koreanische Kryptobörse, rund 9 Prozent des Tagesumsatzes auf Bitcoin, auf Bithumb rund 8 Prozent. Am meisten wurde auf Upbit XRP gehandelt, danach folgten Bitcoin, ein kleiner Altcoin, Ether und der Dollar-Stablecoin Tether.
Der Won-Kryptomarkt ist also vor allem ein Altcoin-Markt. Ziehen Koreas Kleinanleger Geld ab, weil ihnen an der Aktienbörse Verluste drohen, trifft das zuerst diese kleinen Werte und die Umsätze in Won. Der globale Bitcoin-Preis wird an anderer Stelle gemacht.
Das Gewicht
Der koreanische Bitcoin-Handel ist geschrumpft
Das war nicht immer so. Im Januar 2018 war der Bitcoin-Handel gegen Won auf Upbit rund doppelt so gross wie der Handel im wichtigsten Dollar-Paar der internationalen Börse Binance. 2021 setzte Upbit im Schnitt rund 520 Millionen Dollar in Bitcoin pro Tag um. In den letzten 30 Tagen waren es noch rund 81 Millionen Dollar. Am gemeinsamen Umsatz beider Paare hat Upbit heute nur noch einen Anteil von rund 6 Prozent.
Und dieses eine Paar ist nur ein Ausschnitt. Dazu kommen Coinbase, weitere Handelspaare, die Terminmärkte und seit Januar 2024 die US-Spot-ETFs, über die Anleger in den USA Bitcoin wie eine Aktie an der Börse kaufen. Der Anteil Koreas am globalen Bitcoin-Handel ist deshalb noch deutlich kleiner als diese 6 Prozent. Die Preisbildung hat sich in den letzten Jahren nach Westen verschoben.
Am Crashtag wurde in Seoul trotzdem mehr gehandelt. Während der Kospi-Sitzung wechselte auf Upbit Bitcoin für rund 69 Milliarden Won den Besitzer, am Vortag waren es in denselben Stunden 18,5 Milliarden Won. Umgerechnet sind 69 Milliarden Won rund 51 Millionen Dollar in sechs Stunden. Mehr Aktivität heisst allerdings noch nicht, dass einseitig verkauft wurde.
Die Kimchi-Prämie
Wo koreanischer Stress sichtbar wird
Ob Koreaner verkaufen oder kaufen, verrät ein Preisunterschied. An den Won-Börsen dürfen nur Inländer mit einem Konto auf ihren echten Namen handeln, und grosse Überweisungen ins Ausland sind begrenzt. Deshalb kann ein Bitcoin in Seoul mehr oder weniger kosten als an den Dollar-Börsen, ohne dass Händler den Unterschied sofort wegkaufen. Diesen Unterschied nennt man Kimchi-Prämie. Ihre Höhe hängt an den Kapitalverkehrsregeln, ihre kurzen Ausschläge zeigen die Stimmung.
In den Hochphasen der koreanischen Kryptobegeisterung war sie riesig: im Januar 2018 bis zu 59 Prozent, im April 2021 bis zu 21 Prozent. Seit 2018 lag sie im Schnitt bei rund 1,8 Prozent, in diesem Jahr im Schnitt bei null.
Wie ein echter koreanischer Schock aussieht, zeigte die Nacht des Kriegsrechts im Dezember 2024. Kurz nach der Ausrufung stürzte der Bitcoin-Preis auf Upbit ab und lag auf Stundenbasis zeitweise 11,6 Prozent unter dem Dollarpreis, während Bitcoin auf Binance in derselben Stunde rund 1 Prozent verlor. Zwei Stunden später war der Abschlag auf rund 1,5 Prozent geschrumpft. Der Panikverkauf blieb im Won-Markt hängen und erreichte den Weltmarkt kaum.
Aktiencrashs hinterlassen dagegen kaum Spuren. Am 5. August 2024, als der Kospi um 8,8 Prozent fiel, stieg die Prämie sogar von rund 4 auf bis zu 7 Prozent: Koreanische Anleger zahlten für Bitcoin vergleichsweise mehr, während der globale Preis fiel. Über alle schweren Kospi-Verlusttage hinweg änderte sich die Prämie im Median kaum. Am 15. Oktober lag sie bei rund 0,3 bis 1 Prozent, also leicht im Plus und ohne Anzeichen von Panik.
Der Kredit
Die Ameisen kaufen auf Pump nach
In Korea nennen sich Privatanleger halb selbstironisch Gaemi, Ameisen. Am Donnerstag kauften sie bis zum frühen Nachmittag netto Kospi-Aktien für rund 1,3 Billionen Won, während ausländische Anleger für rund 3,4 Billionen Won verkauften. Die Ameisen fliehen nicht, sie kaufen in den Absturz hinein.
Viele tun das mit geliehenem Geld. Beim Wertpapierkredit leiht der Broker dem Anleger Geld für Aktienkäufe, die gekauften Aktien dienen als Sicherheit. Fällt ihr Wert zu stark und schiesst der Anleger kein Geld nach, verkauft der Broker die Aktien zwangsweise. Der Kredit erreichte am 24. Juni mit 38,63 Billionen Won einen Rekord und fiel nach dem Juli-Crash bis Anfang August auf 27,44 Billionen. Mit der Erholung der Börse im August nahmen die Anleger wieder mehr Kredit auf. Zuletzt, mitten im neuen Einbruch, lag der Saldo mit 34,25 Billionen Won wieder um ein Viertel über dem Tief.
Das Polster wird dünner. Am 13. Oktober erreichten die Zwangsverkäufe mit rund 59 Milliarden Won den höchsten Stand seit Ende Juli, für den Donnerstag gibt es noch keine Zahl. Gleichzeitig liegen bei den Brokern nur noch rund 100 Billionen Won an Kundengeld, das auf Aktienkäufe wartet, nach fast 140 Billionen im Juni. Nach einem Tag mit minus 7,57 Prozent spricht viel dafür, dass weitere Zwangsverkäufe folgen.
Ob dieser Druck auf Krypto überspringt, müsste sich im Won-Preis zeigen: Verkaufen viele Anleger Bitcoin, um bei ihrem Broker Geld nachzuschiessen, drückt das die Kimchi-Prämie nach unten. Am 15. Oktober geschah das nicht, die Prämie blieb positiv und der Umsatz stieg. Aktien- und Kryptokonten sind in Korea getrennt, und wie viele Anleger trotzdem Kryptobestände verkaufen, um ihre Aktienkredite zu stützen, geht aus öffentlichen Daten nicht hervor.
Die Politik
Die Steuer
Die Kryptosteuer drängt niemanden zum Verkauf
Ab dem 1. Januar 2027 sollen Gewinne aus dem Verkauf oder Tausch von Kryptowerten in Korea mit 22 Prozent besteuert werden, soweit sie 2,5 Millionen Won pro Jahr übersteigen. Auch wer Bitcoin gegen einen Altcoin tauscht, realisiert damit einen steuerpflichtigen Gewinn. Die Steuer war ursprünglich ab Oktober 2021 geplant und wurde viermal verschoben, zuletzt im Dezember 2024 auf 2027. Das Steuerpaket der Regierung vom August 2026 sieht keinen weiteren Aufschub vor.
Einen Grund, vor dem Jahreswechsel zu verkaufen, schafft die Steuer kaum. Für Bestände, die vor 2027 gekauft wurden, gilt als Einstandspreis der höhere Wert aus dem tatsächlichen Kaufpreis und dem Marktpreis am 31. Dezember 2026. Wer 2023 für 50 Millionen Won Bitcoin gekauft hat, die Ende 2026 100 Millionen wert sind, und 2027 für 120 Millionen verkauft, versteuert nur die 20 Millionen Gewinn ab dem Stichtag. Abzüglich des Freibetrags sind das 3,85 Millionen Won Steuer. Alles, was bis Ende 2026 aufgelaufen ist, bleibt steuerfrei, auch ohne Verkauf.
Ob die Steuer tatsächlich kommt, ist politisch offen. Im Parlament liegen Anträge, sie auf 2029 oder 2030 zu verschieben, einer will sie ganz abschaffen, und eine Petition für den Aufschub erhielt rund 51 000 Unterschriften. Ein Börsencrash, der sehr viele Privatanleger Geld kostet, könnte den politischen Druck für einen weiteren Aufschub erhöhen. Kommt die Steuer, könnte sie Anleger eher dazu bringen, Bestände auf Auslandsbörsen oder in eigene Wallets zu verlagern, als sie zu verkaufen.
Der ETF-Zugang
Ein abgeschotteter Markt
Koreanische Anleger können im Inland keinen Bitcoin-Spot-ETF kaufen, also keinen börsengehandelten Fonds, der echte Bitcoin hält. Die Regierung hat im Januar 2026 angekündigt, solche Fonds zuzulassen, dafür muss aber das Kapitalmarktgesetz geändert werden. Im September war das noch nicht geschehen. Seit einer Warnung der Finanzaufsicht im Januar 2024 vermitteln koreanische Broker auch keine Spot-Bitcoin-ETFs, die im Ausland notiert sind.
Wer in Korea auf Bitcoin setzen will, kauft deshalb direkt an den Won-Börsen oder indirekt über US-Aktien mit Kryptobezug. BitMine, eine Firma, die ihre Reserven in Ether hält, war 2025 die zweitbeliebteste Auslandsaktie koreanischer Privatanleger, die Kryptofirma Circle gehörte zu den zehn beliebtesten. Auch über diesen Umweg können Koreas Anleger Geld verlieren.
Die Abschottung wirkt in zwei Richtungen. Sie macht den Won-Preis anfällig für heftige Ausschläge, wie in der Kriegsrechtsnacht. Sie hält koreanischen Stress aber auch vom globalen Bitcoin-Preis fern. Solange das Kapital nicht frei fliesst, bleibt die Panik in Seoul zuerst eine koreanische Angelegenheit.
Die Spur führt nach New York
Ein Crash in Seoul hat Bitcoin bisher nicht angekündigt. Kospi und Bitcoin fallen oft am selben Tag, weil beide auf dieselbe Nacht in New York reagieren. Einen Vorlauf des Kospi gibt es in den Daten seit 2018 nicht, nach Crashtagen hat sich Bitcoin im Schnitt eher erholt, und in den vier Monaten, in denen der Kospi fast 40 Prozent verlor, stieg Bitcoin um ein Viertel.
Koreas Kleinanleger stehen an der Börse unter Druck, viele von ihnen mit Kredit. Verlieren sie auch im Kryptomarkt oder ziehen sie dort Geld ab, trifft das vor allem die Altcoins, die sie handeln, und den Won-Markt, in dem Bitcoin nur einen kleinen Teil ausmacht. Der koreanische Bitcoin-Handel ist im globalen Markt klein geworden, die Preisbildung findet heute vor allem in Dollar statt, an den grossen Börsen und über die US-ETFs.
Null ist der Kanal trotzdem nicht. Gefährlich würde es für Bitcoin, wenn ein globaler Abverkauf, etwa wegen steigender US-Zinsen oder Zweifeln an der Finanzierung des KI-Ausbaus, Seoul und Bitcoin gleichzeitig trifft und in Korea die Kredite zwangsweise abgebaut werden. Dann wäre Korea Mitbetroffener und könnte den Druck verstärken. Wer koreanischen Stress im Kryptomarkt früh erkennen will, schaut deshalb weniger auf den Kospi und mehr auf die Kimchi-Prämie. Rutscht sie deutlich ins Minus, ist das ein Zeichen, dass die Ameisen auch ihre Bitcoin verkaufen.
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