Der Nasdaq-Motor
Die KI-Konzerne finanzieren ihren Ausbau zunehmend mit Schulden, und Bitcoin hängt an den Tagesbewegungen des Nasdaq-100 so eng wie seit Monaten nicht. Wie hart eine KI-Korrektur Bitcoin träfe, hängt weniger an der Börse als am Kreditmarkt.
In 5 Minuten durch
Bitcoin ist derzeit spürbar an den Nasdaq-100 gekoppelt: Die 30-Tage-Korrelation liegt bei 0,66, dem höchsten Wert seit Ende 2025. In drei von vier grossen Tech-Abverkäufen seit 2021 fiel Bitcoin tiefer als der Nasdaq, im April 2025 aber weniger tief, und in kurzen Schocks erholte er sich schneller. Seit dem Start der Spot-ETFs ist die frühere Neigung, an schlechten Börsentagen überproportional zu fallen, aus den Tagesdaten verschwunden. Den grössten Schaden richteten bisher Liquiditäts- und Zinsschocks an, ein reiner KI-Bewertungsschock wie DeepSeek kaum. Die eigentliche Gefahr einer KI-Korrektur für Bitcoin liegt deshalb im Kreditkanal: Die Hyperscaler haben 2026 bis Juli rund 244 Mrd. Dollar Anleihen begeben, Oracles Kreditausfallschutz steht auf Rekord, der breite Kreditmarkt ist aber noch ruhig. Eine Fed, die gerade die Zinsen erhöht hat, wäre zudem ein dünneres Netz als 2020.
Bitcoin hat den KI-Aufschwung in diesem Jahr nicht mitgemacht, hängt aber trotzdem an jeder Bewegung des Nasdaq. Das ist eine unangenehme Kombination: wenig vom Gewinn, möglicherweise viel vom Verlust. Ich wollte wissen, was die bisherigen Tech-Abverkäufe dazu tatsächlich zeigen.
Die Finanzierung
Der KI-Ausbau läuft zunehmend auf Kredit
Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta planen für 2026 zusammen Investitionen von rund 700 bis 725 Mrd. Dollar, nach rund 410 Mrd. im Vorjahr. Das Geld fliesst in Rechenzentren, Chips und Strom. Lange haben die grossen Cloud-Betreiber, die sogenannten Hyperscaler, solche Summen aus dem laufenden Geschäft bezahlt. Diese Selbstverständlichkeit gilt nicht mehr.
Alphabet, Amazon, Meta, Oracle, Nvidia und SpaceX haben 2026 bis etwa Ende Juli rund 244 Mrd. Dollar Anleihen begeben. Im ganzen Jahr 2025 waren es 108 Mrd., 2024 gerade einmal 17 Mrd. Die Kurve im Chart ist deshalb so steil, weil sich die Finanzierung des KI-Ausbaus innerhalb von zwei Jahren grundlegend verändert hat: Ein wachsender Teil der Wette auf künstliche Intelligenz ist heute geliehen.
Das ändert die Natur des Risikos. Fällt eine Aktie, verlieren die Aktionäre. Muss ein Konzern aber Schulden bedienen, die er für Rechenzentren aufgenommen hat, deren Erträge noch ausstehen, dann wird aus einer Bewertungsfrage eine Kreditfrage. Und Kreditfragen erreichen Märkte, die mit KI nichts zu tun haben.
Der Kreditmarkt
Oracle zeigt Stress, der breite Markt noch nicht
Am deutlichsten sieht man die neue Last bei Oracle. Ein Kreditausfallschutz, im Fachjargon CDS, ist eine Art Versicherung gegen die Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners. Ende Juli 2026 kostete diese Versicherung für Oracle rund 200 Basispunkte, also 2 Prozent des versicherten Betrags pro Jahr. Das ist der höchste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 2008/09. Kurz zuvor hatte S&P Oracle auf BBB- herabgestuft, eine Stufe über dem Ramschbereich.
Der breite Kreditmarkt sieht davon bisher nichts. Der Risikoaufschlag, den Unternehmen mit guter Bonität gegenüber Staatsanleihen zahlen müssen, liegt bei 0,83 Prozentpunkten und damit nahe am Tief vom Januar. Bei Hochzinsanleihen sind es 3,11 Prozentpunkte. Investoren verlangen also kaum eine Prämie für das Risiko, dass Unternehmen ihre Schulden nicht bedienen.
Kurze Ausschläge gab es zweimal. Im August 2024 sprang der Aufschlag für Hochzinsanleihen auf 3,93, im April 2025 auf 4,61 Prozentpunkte. Beide Male fiel das mit Phasen zusammen, in denen auch Bitcoin unter Druck stand. Die Frage für Bitcoin-Halter ist deshalb weniger, ob Oracle Probleme hat. Sie lautet, ob die Probleme von Oracle zu einem Problem des ganzen Kreditmarkts werden.
Die Kopplung
Wie eng Bitcoin am Nasdaq-100 hängt
Der Nasdaq-100 bündelt die hundert grössten Nicht-Finanzwerte der Technologiebörse, mit schweren Gewichten bei Nvidia, Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon, Meta und Broadcom. Er ist damit der Motor, um den es bei einer KI-Korrektur geht. Wie eng Bitcoin daran hängt, misst die Korrelation der Tagesrenditen: Bei 1 laufen beide immer in dieselbe Richtung, bei 0 haben sie nichts miteinander zu tun.
Gemessen über die letzten 30 Handelstage liegt dieser Wert bei 0,66. Mitte September waren es noch 0,14, und höher lag er zuletzt Ende 2025. Über 90 Tage gerechnet sind es 0,42. Der Gleichlauf hat sich in wenigen Wochen also deutlich verstärkt.
Der Chart zeigt aber auch, dass diese Kopplung kein Naturgesetz ist. Sie kommt in Phasen. Im Bärenmarkt 2022 erreichte die 30-Tage-Korrelation 0,83, 2023 und Anfang 2024 dagegen bewegten sich die beiden Märkte weitgehend unabhängig voneinander, im März 2024 lag die 90-Tage-Korrelation sogar leicht unter null.
Bemerkenswert ist der Widerspruch in der Jahresbilanz. Der Nasdaq-100 liegt seit Jahresbeginn 21 Prozent im Plus und nur 2 Prozent unter seinem Rekord vom 6. Oktober. Bitcoin liegt 6 Prozent im Minus und mit rund 83'100 Dollar ein Drittel unter seinem Rekord von rund 124'800 Dollar aus dem Oktober 2025. Bitcoin hat am KI-Aufschwung nicht teilgenommen, schwankt aber Tag für Tag mit ihm.
Was frühere Tech-Abverkäufe zeigen
Die Wucht
Gleichlauf ist nicht dasselbe wie Fallhöhe
Die Korrelation sagt nur, ob zwei Märkte in dieselbe Richtung gehen. Wie stark Bitcoin mitgeht, zeigt das Beta. Ein Beta von 0,70, wie es derzeit über 90 Tage gemessen wird, heisst: An einem Tag, an dem der Nasdaq-100 1 Prozent verliert, fiel Bitcoin im Schnitt um 0,7 Prozent. Im März 2026 lag der Wert noch bei 1,63.
Über die gesamte Zeit seit 2020 hatte Bitcoin eine unangenehme Eigenschaft. An Tagen, an denen der Nasdaq verlor, lag das Beta bei 1,38, an Gewinntagen nur bei 0,86. Bitcoin hing also nach unten enger am Nasdaq als nach oben. An den 130 Tagen mit Nasdaq-Verlusten von mehr als 2 Prozent schloss Bitcoin in drei von vier Fällen ebenfalls im Minus.
Seit dem Start der Spot-Bitcoin-ETFs im Januar 2024 ist diese Schieflage aus den Tagesdaten verschwunden. Das Beta liegt an Verlusttagen bei 0,94 und an Gewinntagen bei 0,93. An den 35 Tagen mit Nasdaq-Verlusten von mehr als 2 Prozent fiel Bitcoin im Schnitt um 2,4 Prozent, der Nasdaq um 3,0 Prozent. Vor den ETFs lag das Abwärts-Beta noch bei 1,54.
Eine mögliche Erklärung: Seit den ETFs halten mehr klassische Vermögensverwalter Bitcoin im selben Risikobudget wie Tech-Aktien. Das passt zu einem häufigeren Gleichlauf bei weniger überproportionalen Ausschlägen. Dazu kommt, dass Bitcoin ruhiger geworden ist: Er schwankt heute nur noch rund 1,65-mal so stark wie der Nasdaq, früher oft zweieinhalb- bis fast viermal so stark. 35 Stresstage sind allerdings eine schmale Basis.
Die Episoden
Vier Abverkäufe, vier verschiedene Antworten
Im Bärenmarkt 2022 fiel der Nasdaq-100 von seinem Hoch im November 2021 um 35,6 Prozent, Bitcoin vom selben Tag an um 72,8 Prozent. Das war doppelt so tief. Ein Teil davon geht auf die Zusammenbrüche von Terra und FTX zurück, die den Absturz verstärkten. Auch die Erholung dauerte länger: Der Nasdaq erreichte sein altes Hoch 352 Tage nach dem Tief, Bitcoin erst nach 476 Tagen.
Im Sommer 2024 lösten Anleger in grossem Stil Geschäfte auf, bei denen sie sich billig in Yen verschuldet und das Geld in riskantere Anlagen gesteckt hatten. Der Nasdaq verlor 13,6 Prozent, Bitcoin rund 20 Prozent. Allein am 5. August fiel Bitcoin um 6,8 Prozent, der Nasdaq um 3,0. Bei der Erholung war es umgekehrt: Bitcoin stand nach 74 Tagen wieder auf seinem Vorhoch, der Nasdaq erst nach 91.
Der DeepSeek-Tag am 27. Januar 2025 war der einzige reine KI-Schock der Reihe. Ein chinesisches Sprachmodell stellte die Frage, ob es die riesigen Chip-Investitionen überhaupt braucht. Der Nasdaq fiel an diesem Tag um 3,0 Prozent, Bitcoin nur um 0,9 Prozent. Dass Bitcoin in den Wochen danach um knapp 10 Prozent nachgab, mehr als der Nasdaq mit 3,5 Prozent, hatte eher mit der abklingenden Euphorie nach der US-Wahl und mit neuen Zollnachrichten zu tun.
Im Zollschock vom April 2025 fiel der Nasdaq-100 um 15,8 Prozent, Bitcoin im selben Zeitraum um 12,7 Prozent. Am 3. und 4. April verlor der Nasdaq 5,4 und 6,1 Prozent, während Bitcoin an beiden Tagen leicht zulegte. Er war allerdings schon vorher von über 100'000 auf rund 82'000 Dollar gefallen. Zurück auf dem Vorniveau war Bitcoin nach 14 Tagen, der Nasdaq nach 34.
Die These vom Hochbeta-Asset, das in jedem Tech-Abverkauf härter fällt, hält den Daten deshalb nur teilweise stand. Misst man, wie weit jeder Markt von seinem eigenen Hoch abrutschte, fiel Bitcoin 2022, im Sommer 2024 und rund um DeepSeek tiefer als der Nasdaq, im April 2025 weniger tief. Rund um DeepSeek lag das aber an den Wochen danach, nicht am Schocktag selbst. In den kurzen Schocks holte Bitcoin seine Verluste schneller auf als der Nasdaq, im langen Zinsbärenmarkt 2022 deutlich langsamer. Der Chart misst anders: Er setzt beide Märkte am selben Starttag auf 100. Weil Bitcoin im Sommer 2024 erst Ende Juli von einem höheren Stand aus abstürzte, liegt seine Linie dort trotzdem über der des Nasdaq.
Die Art des Schocks
Was Bitcoin wirklich trifft
Legt man die Episoden nebeneinander, entscheidet weniger die Grösse des Nasdaq-Verlusts als seine Ursache. Der Corona-Crash 2020, der Zinsbärenmarkt 2022 und der Yen-Schock 2024 waren im Kern Liquiditäts- oder Zinsschocks: Geld wurde knapper oder teurer, und Anleger verkauften, was sich schnell verkaufen liess. Diese Schocks trafen Bitcoin hart. Der reine Bewertungsschock DeepSeek dagegen ging fast an ihm vorbei.
Das ist auch der Grund, warum der Einwand, Bitcoin habe mit KI nichts zu tun, zwar richtig ist und trotzdem wenig schützt. Die Verbindung läuft nicht über die Gewinne von Nvidia. Sie läuft über dieselben Anleger, dieselben Risikobudgets und dieselbe Liquidität. Eine KI-Korrektur, die an der Börse bleibt, dürfte Bitcoin eher streifen. Eine, die über Kreditausfälle und höhere Finanzierungskosten das verfügbare Geld verknappt, träfe ihn dort, wo er bisher am verwundbarsten war.
Bei so wenigen Fällen ist das ein Muster und kein Gesetz. Der April 2025 zeigt die Grenze: Die Risikoaufschläge für Hochzinsanleihen stiegen damals deutlich, Bitcoin fiel aber weniger als der Nasdaq, weil er seinen Teil des Absturzes schon hinter sich hatte.
Die Fed
Das Netz ist dünner als 2020
Ein häufiges Argument lautet, dass die Notenbank bei einer schweren Korrektur ohnehin eingreife und Bitcoin nach kurzem Mitfallen davon profitiere. 2020 stimmte das. Die Fed senkte den Leitzins im März in zwei Schritten auf nahe null und weitete ihre Bilanz bis Juni von 4,2 auf 7,2 Billionen Dollar aus. Bitcoin stand nach 56 Tagen wieder auf dem Vorkrisenniveau, und der Aufschwung danach begann mit genau dieser Geldflut.
In den kleineren Schocks gab es diese Hilfe nicht. Nach dem August 2024 senkte die Fed erst Mitte September, als sich Bitcoin längst stabilisiert hatte. Im April 2025 reagierte sie gar nicht, die Erholung kam vom Markt selbst, als die Zollpause verkündet wurde. 2022 stand die Fed auf der anderen Seite: Sie erhöhte die Zinsen von nahe null auf über 4 Prozent und baute ihre Bilanz ab, während Bitcoin drei Viertel seines Werts verlor.
Heute steht die Fed näher an 2022 als an 2020. Nach Senkungen von 5,33 auf 3,64 Prozent zwischen September 2024 und Dezember 2025 hat sie den Leitzins im September 2026 wieder um 0,25 Prozentpunkte angehoben, der effektive Satz liegt bei 3,88 Prozent. Eine Notenbank, die gerade strafft, schwenkt nicht so schnell um. Für Bitcoin heisst das: Im Ernstfall dürfte die Rettung später und kleiner kommen als 2020.
Die Grössenordnung
Was eine Korrektur für Bitcoin bedeuten könnte
Der IWF hat schon im Januar 2026 durchgerechnet, was eine moderate Korrektur der KI-Aktienbewertungen zusammen mit strafferen Finanzierungsbedingungen kosten würde: rund 0,4 Prozentpunkte weniger Weltwachstum. Das klingt nach wenig, beschreibt aber ein Szenario, in dem der Schaden nicht an der Börse bleibt.
Überträgt man die historischen Verhältnisse grob auf Bitcoin, ergibt sich eine breite Spanne. Fällt der Nasdaq-100 um 15 Prozent, ungefähr wie im August 2024 oder im April 2025, entsprächen die damaligen Verhältnisse einem Bitcoin-Rückgang von rund 12 bis 22 Prozent. Bei einem Bärenmarkt wie 2022 mit minus 35 Prozent wären es nach dem damaligen Muster rund 70 Prozent, nach dem Verhalten der ETF-Ära eher rund 30 Prozent.
Diese Zahlen sind keine Prognose. Sie zeigen vor allem, wie wenig vier Episoden festlegen. Eine KI-Korrektur mit breitem Kreditstress hat es in der Geschichte von Bitcoin noch nie gegeben, die nächste Analogie ist 2022, und das war ein Zinsschock, kein Kreditschock.
Das Risiko sitzt im Kreditmarkt
Bitcoin ist heute spürbar an den Nasdaq-100 gekoppelt, aber er ist kein Nasdaq mit doppeltem Hebel. Seit den ETFs fällt er an schlechten Börsentagen im Schnitt nicht mehr überproportional, und in kurzen Schocks hat er sich schneller erholt als die Tech-Aktien. Ein reiner Bewertungsschock auf KI-Werte hat Bitcoin bisher kaum berührt.
Gefährlich wird eine KI-Korrektur für Bitcoin dann, wenn sie zur Liquiditätskrise wird. Genau dafür hat sich der Boden in den letzten zwei Jahren verändert: Hunderte Milliarden an neuen Tech-Anleihen, ein Oracle mit Rekord-Kreditprämie und eine Fed, die gerade die Zinsen erhöht hat. Solange die Risikoaufschläge am breiten Kreditmarkt nahe ihren Tiefs liegen, ist dieser Kanal geschlossen. Steigen sie, wäre das für Bitcoin-Halter das wichtigere Signal als jeder Tagesverlust des Nasdaq.
Keine Anlageberatung. Alle Inhalte dienen der Information und der Meinungsbildung. Über FabianHinweisImpressumDatenschutz