Der Benzinschock
Die US-Teuerung springt im September auf 3,7 Prozent. Mehr als die Hälfte des Anstiegs im Monat kommt von der Zapfsäule. Gefährlicher ist der Rest: Flugtickets, Hotels und Waren ziehen mit, und der Kern läuft wieder schneller.
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Die US-Konsumentenpreise sind im September um 0,6 Prozent gestiegen, so stark wie seit März nicht mehr. Die Jahresteuerung liegt bei 3,7 Prozent. Benzin kostet 34 Prozent mehr als vor einem Jahr und erklärt allein mehr als die Hälfte des Monatsanstiegs. Ohne Energie und Nahrung sind es nur 2,6 Prozent, doch auf Sicht der letzten drei Monate läuft dieser Kern wieder mit 3,4 Prozent im Jahrestempo. Flugpreise liegen 22 Prozent über dem Vorjahr, Hotels und Waren ziehen an. Bremsend wirken die Wohnkosten, Autoversicherungen und Lebensmittel. Für die Fed, die im September die Zinsen erhöht hat, wird es schwerer, den Ölpreis als vorübergehend abzutun.
Heute hat das US-Arbeitsministerium die Konsumentenpreise für September veröffentlicht. Die Schlagzeile gehört dem Benzin, und die ist heftig genug. Wichtiger ist eine andere Frage: Bleibt der Ölschock an der Tankstelle hängen, oder wandert er schon in den Rest des Warenkorbs?
Die Zahl
3,7 Prozent und eine wachsende Lücke
Im September stiegen die US-Konsumentenpreise um 0,6 Prozent gegenüber dem August. Aufs Jahr gerechnet sind es 3,7 Prozent, nach 3,4 Prozent im Vormonat. Höher lag die Teuerung in diesem Jahr nur im Mai mit 4,2 Prozent, und vor 2026 muss man bis in den Mai 2023 zurückgehen.
Lässt man Energie und Nahrungsmittel weg, wirkt die Teuerung viel ruhiger. Diese Kernteuerung liegt bei 2,6 Prozent. Zwischen den beiden Linien klafft damit eine Lücke von 1,2 Prozentpunkten, die grösste seit dem Frühling. Im Chart sieht man gut, wie sich die gelbe Linie seit März von der grauen gelöst hat.
Wer nur auf den Kern schaut, könnte sich zurücklehnen. Das wäre zu bequem. Die Amerikaner bezahlen ihre Rechnungen nicht ohne Benzin, und wie schnell sich ein Energieschock in andere Preise frisst, hat 2022 gezeigt.
Benzin
Ein Drittel teurer an der Zapfsäule
Der Benzinpreis-Index stieg im September saisonbereinigt um 9,1 Prozent. Einen grösseren Sprung gab es zuletzt im März, als er um 21 Prozent nach oben schoss. Gegenüber dem Vorjahr kostet Benzin jetzt 34,2 Prozent mehr. Die ganze Energie zusammen liegt 20,4 Prozent über dem Vorjahr.
Das ist noch nicht das Niveau von 2022, als Benzin im Juni fast 60 Prozent teurer war als zwölf Monate davor. Es ist aber seit einem halben Jahr ein Dauerzustand: Seit März liegt der Anstieg ununterbrochen zwischen 19 und 41 Prozent.
Die Monatsraten zeigen, wie ruppig das läuft. Im März kam der erste Schub, im Juni gab der Ölpreis vorübergehend nach und die Preise sanken sogar. Seit August geht es wieder steil nach oben. Und der Oktober beginnt nicht ruhiger: Nach Angriffen auf Tanker in der Strasse von Hormus stieg Brent Anfang Oktober über 101 Dollar je Fass.
Zweite Runde
Der Ölpreis steigt ins Flugzeug
Die wichtigste Frage bei jedem Ölschock ist, ob er an der Tankstelle bleibt. Bei den Flugpreisen ist er schon angekommen. Treibstoff gehört für Airlines zu den grössten Kosten, und die Ticketpreise sind im September um 1,2 Prozent gestiegen. Gegenüber dem Vorjahr liegen sie 22,4 Prozent höher, seit April jeden Monat über 20 Prozent.
Auch Hotels wurden teurer, im September um 2,0 Prozent nach 2,4 Prozent im August. Hier spielt mehr mit als nur Energie, doch auch hier steigen die Preise: Reisen wird teurer, und das ist ein Dienstleistungspreis, den die Fed genau beobachtet.
Noch ist das kein Flächenbrand. Flugtickets machen nur einen kleinen Teil des Warenkorbs aus, und ihr Abstand zum Vorjahr ist seit Mai sogar etwas kleiner geworden. Sie zeigen aber, wie der Mechanismus funktioniert: Wer viel Treibstoff braucht, gibt höhere Kosten an die Kunden weiter.
Der Kern
Der ruhige Kern wird schneller
Die Kernteuerung stieg im September um 0,3 Prozent, genau wie im August. Das klingt harmlos. Rechnet man aber die letzten drei Monate aufs Jahr hoch, kommt man auf 3,4 Prozent. Im Juli waren es noch 1,6 Prozent, im August 2,0 Prozent. So schnell lief der Kern zuletzt im August 2025.
Zwei Dinge fallen dabei auf. Waren ohne Energie und Nahrung wurden im September um 0,25 Prozent teurer, so stark wie seit Januar 2025 nicht mehr. Gebrauchtwagen stiegen um 0,7 Prozent, dazu Kleidung, Neuwagen und Freizeit. Und die Dienstleistungen ohne Wohnen, die viele Ökonomen als besten Gradmesser für hausgemachte Teuerung sehen, liegen mit 3,2 Prozent über dem Vorjahr, nach 3,0 Prozent im Juli.
Ein einzelner Monat macht noch keinen Trend. Aber seit dem Sommer steigt der Kern wieder schneller. Gleichzeitig treibt der Ölpreis die Kosten der Unternehmen nach oben.
Wohnen
Die Mieten nehmen Druck raus
Die gute Nachricht kommt vom grössten Posten im Warenkorb. Wohnen macht gut ein Drittel der Ausgaben aus, und hier läuft die Teuerung seit drei Jahren langsam aus. Im März 2023 lagen die Wohnkosten 8,2 Prozent über dem Vorjahr, heute sind es 3,2 Prozent. Die Mieten steigen noch um 2,8 Prozent.
Ganz sauber ist der September allerdings nicht. Die Wohnkosten stiegen um 0,4 Prozent nach 0,3 Prozent im August, getrieben vor allem von den teureren Hotels. Die Mieten selbst legten nur um 0,2 Prozent zu, der geschätzte Mietwert von Eigenheimen um 0,3 Prozent.
Solange die Wohnkosten weiter abkühlen, halten sie den Kern im Zaum. Sie sind der wichtigste Grund, warum die Kernteuerung trotz Ölschock noch unter 3 Prozent liegt.
Gewinner und Verlierer
Wo es teurer wird und wo nicht
Der Blick auf die einzelnen Posten zeigt eine gespaltene Rechnung. Ganz oben stehen Benzin und Flugtickets, mit grossem Abstand. Danach folgen Erdgas mit 5,0 Prozent, Hotels und Strom mit je 4,4 Prozent und Restaurants mit 3,5 Prozent.
Am anderen Ende wird es billiger. Autoversicherungen kosten 5,0 Prozent weniger als vor einem Jahr, Gebrauchtwagen 1,5 Prozent weniger. Die Preise für Medizin steigen nur um 1,5 Prozent, im September fielen die Preise für Medikamente sogar um 1,2 Prozent. Lebensmittel für zu Hause liegen nur 1,8 Prozent über dem Vorjahr, Rindfleisch und Milch wurden im September billiger.
Über die längere Sicht ist das Muster seit Jahren dasselbe. Waren ohne Energie sind kaum teurer als vor einem Jahr, Dienstleistungen steigen weiter um rund 3 Prozent. Neu ist, dass Energie wieder obendrauf kommt.
Die Fed
Was das für die Fed bedeutet
Die Fed hat im September die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöht, der effektive Leitzins liegt bei 3,88 Prozent. Der September-Bericht gibt ihr keinen Grund, diesen Schritt zu bereuen. Eine Gesamtteuerung von 3,7 Prozent und ein Kern, der auf Drei-Monats-Sicht wieder bei 3,4 Prozent läuft, sind weit weg vom Ziel von 2 Prozent.
Normalerweise schaut eine Notenbank über Energiepreise hinweg, weil sie kommen und gehen. Das funktioniert aber nur, solange sie nicht in die übrigen Preise wandern. Genau das zeigen die Flugpreise und Kernwaren jetzt im Kleinen. Je länger Benzin ein Drittel teurer bleibt, desto schwerer wird es für die Fed, das als vorübergehend abzutun.
Für die Märkte heisst das: Die Hoffnung auf eine schnelle Wende zu tieferen Zinsen ist mit diesem Bericht kleiner geworden. Für alles, was an billigem Geld hängt, von Wachstumsaktien bis Bitcoin, ist das kein bequemes Umfeld. Der nächste Bericht kommt am 10. November.
Der Schock sitzt noch an der Zapfsäule, aber nicht mehr nur dort
Der September ist zuerst ein Benzinmonat. Mehr als die Hälfte des Anstiegs kommt von der Tankstelle, und ohne Energie wirkt die Teuerung mit 2,6 Prozent beinahe gezähmt. Das ist die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte steht in den Flugtickets, den Hotels, den Waren und im Kern, der auf Drei-Monats-Sicht wieder mit 3,4 Prozent läuft. Noch halten die Wohnkosten dagegen. Bleibt der Ölpreis oben, entscheidet sich in den nächsten Berichten, ob aus einem Benzinschock wieder ein Inflationsproblem wird.
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