Die Altcoins werden laut. Ist das schon das Top?
Ein Bericht nimmt eine einzelne Frage und rechnet sie bis zum Ende durch, mit allen Quellen, allen Einschränkungen und eigenen Charts aus den Rohdaten. Keine Wochenschau, keine Kursprognose.
Das gesamte Spotvolumen im Kryptomarkt liegt bei fast dem Vierfachen des Bitcoin-Spotvolumens, so hoch wie seit September 2025 nicht mehr. Historisch lagen solche Phasen oft in der Nähe von lokalen Bitcoin-Hochs, und entsprechend schnell ist die Schlagzeile da: Das Top ist erreicht.
Ich habe mir die Kennzahl genauer angeschaut, und es sind zwei verschiedene Fragen darin versteckt. Erstens: Sagt die Zahl überhaupt, was alle behaupten. Zweitens: Was ist nach den früheren Ausschlägen tatsächlich passiert. Auf die erste gibt es eine klare Antwort, auf die zweite eine unbequeme.
Kurz und ohne Umweg: erst was der Chart wirklich misst, dann die drei Präzedenzfälle seit 2024 mit ihren tatsächlichen Ausgängen, dann die Ausgangslage von heute, und am Schluss die drei Stellen, an denen ich meine Einordnung ändern würde.
Was der Chart zeigt
Die Zahl, über die gerade alle reden, sagt etwas anderes als behauptet
Die Kennzahl teilt das gesamte Spotvolumen im Kryptomarkt durch das Bitcoin-Spotvolumen, geglättet über sieben Tage. Sie steht aktuell bei knapp dem Vierfachen, so hoch wie seit September 2025 nicht mehr. Auf X wird daraus die kürzestmögliche Geschichte: Altcoins handeln viermal so viel wie Bitcoin, das Top ist da.
Entscheidend ist das Wort „Total" im Namen der Reihe. Hier wird nicht Altcoins gegen Bitcoin gerechnet, sondern der ganze Markt gegen Bitcoin, und Bitcoin steckt in diesem Total mit drin. Ein Wert von 4 heisst also: Bitcoin macht rund ein Viertel des gesamten Spothandels aus, alles andere zusammen rund drei Viertel.
Die Altcoins handeln damit ungefähr dreimal so viel wie Bitcoin, nicht viermal. Das klingt nach Haarspalterei und ist der halbe Unterschied zwischen dem, was der Chart hergibt, und dem, was daraus gemacht wird.
Bitcoin steckt im Total mit drin. Die Altcoins handeln dreimal so viel wie Bitcoin, nicht viermal.
Zähler und Nenner
Ein Verhältnis kann aus zwei Richtungen steigen, und die beiden bedeuten Gegenteiliges
Nimm an, Bitcoin handelt an einem Tag 100 und der Rest des Markts 200. Das Verhältnis liegt bei 3. Fällt jetzt nur das Bitcoin-Volumen auf 60, während der Rest bei 200 bleibt, springt das Verhältnis auf über 4, ohne dass ein einziger zusätzlicher Dollar in Altcoins geflossen wäre. Dasselbe Bild entsteht aber auch, wenn Bitcoin gleich bleibt und der Altcoin-Handel explodiert. Gleiche Linie im Chart, zwei völlig verschiedene Märkte.
Dazu kommt die zweite Falle. Volumen ist Umschlag, nicht Kapital. Derselbe Dollar kann an einem Tag zehnmal den Besitzer wechseln und wird zehnmal gezählt. Viel Volumen heisst, dass viel gehandelt wird, nicht, dass viel neues Geld im Markt ist.
Wer das Signal lesen will, muss also immer beide Seiten des Bruchs anschauen. In diesem Fall ist das Gesamtvolumen seit dem August-Tief deutlich gewachsen, während das Verhältnis stieg. Die Altcoin-Volumen sind demnach schneller gewachsen als die von Bitcoin, und nicht bloss die von Bitcoin eingeschlafen. Das spricht für die ernsthafte Lesart.
Derselbe Dollar kann zehnmal den Besitzer wechseln und wird zehnmal gezählt.
Die drei Präzedenzfälle
Seit 2024 gab es drei solche Ausschläge, mit drei verschiedenen Ausgängen
Jeder dieser drei Ausschläge lag tatsächlich in der Nähe eines lokalen Hochs. Das Signal hat also eine Aussagekraft, und deshalb nehme ich es ernst. Nur: Was danach kam, war jedes Mal etwas anderes.
| Phase | Hoch danach | Was folgte |
|---|---|---|
| Anfang 2024, nach dem ETF-Start | 73'098 $ am 13.03.2024 | −26 %, neues Hoch nach rund 8 Monaten |
| Anfang 2025, nach der US-Wahl | 106'159 $ am 20.01.2025 | −28 %, neues Hoch nach rund 4 Monaten |
| September 2025, vor dem Allzeithoch | 124'720 $ am 05.10.2025 | −53 %, bis heute kein neues Hoch |
Quelle: Bitcoin-Tagesschlusskurse von Coinbase über FRED. Hoch und Tief sind aus den Kursdaten gesucht, nicht aus dem Gedächtnis eingetragen.
Zweimal war es eine saubere Korrektur von gut einem Viertel mitten im Bullenmarkt, danach ging es auf neue Hochs. Einmal war es der Anfang eines Bärenmarkts, in dem sich der Preis mehr als halbiert hat. Und im September 2025 kam das eigentliche Hoch erst ein paar Wochen nach dem Signal.
Drei Fälle mit drei verschiedenen Ausgängen sind keine Regel. Das Signal zeigt, dass es heiss wird. Wie heiss, und was danach kommt, sagt es nicht.
Drei Fälle mit drei verschiedenen Ausgängen sind keine Regel.
Die Ausgangslage
Bei allen drei früheren Malen stand Bitcoin am Hoch. Heute steht es ein Drittel darunter
Das ist der grösste Unterschied und der Grund, warum ich das Signal diesmal anders einordne. Bei allen drei früheren Ausschlägen stand Bitcoin am oder kurz vor dem Allzeithoch, nach Monaten nach oben. Heute steht Bitcoin bei rund 83'500 Dollar. Das sind gut 40 Prozent über dem Tief vom Juni, aber immer noch ein Drittel unter dem Hoch vom Oktober 2025. Wir reden von einer Erholung aus einem Bärenmarkt, nicht von der späten Euphorie am Ende eines langen Anstiegs.
Zweitens ist die Bewegung breit. In der letzten Woche haben 72,5 Prozent der Altcoins, die ich beobachte, Bitcoin geschlagen. Während der August-Rally waren es höchstens 39 Prozent. Der Altcoin Season Index ist innerhalb eines Monats von 33 auf 62 gestiegen. Das ist nicht ein einzelner Coin mit einem Hype-Narrativ, der die Zahl verzerrt, da läuft der Markt in der Breite.
Drittens kommt das Ganze bisher aus dem Spot und nicht aus dem Hebel. Das Spotvolumen hat sich seit dem August-Tief mehr als verdoppelt, während das Open Interest in Altcoin-Perps, in Coins gerechnet, über 30 Tage kaum gestiegen ist. Echte Euphorie baut sich fast immer über Leverage auf, und genau das sehe ich noch nicht.
Einen Punkt gibt es, der mich vorsichtig macht. Die Einzahlungen von Altcoins auf Börsen sind so hoch wie seit Oktober 2025 nicht mehr, also seit der Phase rund um das letzte Top. Coins, die auf eine Börse wandern, werden meistens verkauft. Ein Teil dieses Volumens ist damit wahrscheinlich nicht neue Nachfrage, sondern Leute, die die Erholung zum Ausstieg nutzen. Volumen hat immer zwei Seiten, und hier sehe ich beide.
Echte Euphorie baut sich fast immer über Leverage auf. Genau das sehe ich noch nicht.
Die Beobachtungsliste
Drei Dinge würden aus dem Warnsignal ein gefährliches machen
Damit du selbst mitlesen kannst, statt auf die nächste Schlagzeile zu warten, hier die drei Punkte, an denen sich meine Einordnung ändern würde.
Der Hebel kommt dazu. Steigen Open Interest und Funding in den Altcoin-Perps jetzt deutlich an, wird aus einer Spot-Rotation eine gehebelte Party. Genau so entstehen die abrupten Abverkäufe, bei denen in Stunden passiert, wofür der Aufbau Wochen gebraucht hat.
Die Breite wird schmaler. Bleibt das Verhältnis hoch, während immer weniger Coins Bitcoin schlagen, konzentriert sich das Geld auf ein paar Zockerwerte. Das ist das klassische Spätstadium, und es sieht in der Verhältniszahl genauso aus wie eine gesunde Rotation.
Die Börseneinzahlungen steigen weiter, der Preis nicht. Dann überwiegt das Angebot, und das hohe Volumen ist Verteilung statt Nachfrage.
Ein schmaler Markt sieht in der Verhältniszahl genauso aus wie eine gesunde Rotation.
Relevant heisst nicht, dass es feststeht
Die Kennzahl ist auffällig, keine Frage. Höchster Wert seit September 2025, und die früheren Ausschläge lagen tatsächlich in der Nähe von lokalen Hochs. Ich nehme das als Warnsignal ernst, weil es zeigt, dass die Risikobereitschaft deutlich gestiegen ist.
Ein Top würde ich damit allein aber nicht ausrufen. Die früheren Fälle reichen von einer Pause im Bullenmarkt bis zum Zyklusende, und die Ausgangslage heute ist eine andere: Bitcoin weit unter dem Hoch, breite Beteiligung, wenig Hebel. Dazu kommt, dass die Zahl, über die geredet wird, schon in ihrer Beschreibung falsch ist.
Entscheidend sind die nächsten Wochen, und zwar an genau drei Stellen: ob Hebel, Breite und Börsenzuflüsse in die falsche Richtung kippen. Das Signal ist relevant. Relevant heisst nicht, dass es feststeht.
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