Selbst überwiesen
Mehr als die Hälfte aller Schäden, die Betroffene 2025 der FBI-Meldestelle meldeten, hatte einen Krypto-Bezug. In den meisten Fällen hat das Opfer das Geld selbst überwiesen oder die Freigabe selbst unterschrieben.
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2025 meldeten Betroffene der FBI-Meldestelle IC3 Krypto-Schäden von 11,4 Milliarden Dollar, 54 Prozent aller dort gemeldeten Schäden. Mit grossem Abstand am teuersten ist Krypto-Investmentbetrug über gefälschte Plattformen, oft eingefädelt per Pig Butchering über Wochen. Dahinter folgen Fake-Support und falsche Behörden, die am schnellsten wachsen, und falsche Rückholdienste. Wallet-Drainer und Address Poisoning sind kleiner, treffen aber erfahrene Nutzer. In der Schweiz hat sich der Online-Anlagebetrug seit 2021 mehr als verdoppelt, aufgeklärt werden nur 4,3 Prozent. Fast immer überweist oder unterschreibt das Opfer selbst, deshalb hilft das Erkennen des Ablaufs mehr als jede Technik.
Die meisten Krypto-Verluste beginnen nicht mit einem Hack. Sie beginnen mit einer Nachricht, einem Anruf oder einer Website, der jemand vertraut. Ich gehe hier die sechs Maschen durch, die heute am meisten Schaden anrichten, mit ihrem Ablauf und einem Warnsignal für jede.
Das Ausmass
Mehr als die Hälfte aller Schäden
Die FBI-Meldestelle für Internetkriminalität, kurz IC3, sammelt jedes Jahr die Beschwerden von Menschen, die online betrogen wurden. 2025 gingen dort 181'565 Beschwerden mit Krypto-Bezug ein. Zusammen meldeten die Betroffenen einen Schaden von 11,4 Milliarden Dollar, 22 Prozent mehr als im Jahr davor.
Dabei sind Krypto-Fälle in dieser Statistik gar nicht so häufig. Von rund einer Million Beschwerden betraf nicht einmal jede fünfte Krypto. Diese Fälle sind aber sehr teuer: Im Schnitt verlor ein Opfer 62'604 Dollar, und 18'589 Menschen verloren je mehr als 100'000 Dollar.
2020 lag der Krypto-Anteil an allen gemeldeten Schäden noch bei 6 Prozent. Seit 2024 ist es mehr als die Hälfte. In den USA ist Krypto damit der Zahlungsweg, über den Betrugsopfer das meiste Geld verlieren.
Die Zahlen haben eine Grenze. Gezählt wird nur, wer sich selbst meldet, und das sind vor allem Menschen in den USA. Wie viele Opfer sich schämen oder den Schaden nie melden, weiss niemand. Die 11,4 Milliarden zeigen deshalb, was gemeldet wurde, und nicht alles, was passiert ist.
Die Entwicklung
Dreimal so viel in drei Jahren
2020 meldeten Betroffene dem IC3 Krypto-Schäden von 0,25 Milliarden Dollar, fünf Jahre später waren es 11,4 Milliarden. Die frühen Jahre lassen sich nicht ganz sauber vergleichen, weil das IC3 Krypto-Fälle damals anders gekennzeichnet hat. Seit 2022 ist die Reihe gut vergleichbar, und seither haben sich die Schäden verdreifacht.
Ein Teil davon ist der Kurs. Steigen Bitcoin und Ether, ist derselbe Betrag an Coins in Dollar mehr wert. Ein anderer Teil ist Bekanntheit: Je mehr Menschen die Meldestelle kennen, desto mehr Fälle tauchen in der Statistik auf.
Beides erklärt den Anstieg aber nicht ganz. Seit 2022 ist die Zahl der Krypto-Beschwerden um den Faktor 3,5 gewachsen, also sogar etwas schneller als der Schaden. Es melden sich deutlich mehr Opfer, nicht nur dieselben Opfer mit teureren Coins. Echtes Wachstum ist deshalb wahrscheinlich, auch wenn die genaue Rate offen bleibt.
Einen zweiten Blick liefert die Blockchain selbst. Die Analysefirma Chainalysis verfolgt weltweit, wie viel Geld an Adressen fliesst, die sie als Betrügeradressen erkannt hat. 2025 waren es mindestens 14 Milliarden Dollar. Weil laufend neue Betrügeradressen auffallen, rechnet Chainalysis für 2025 am Ende mit über 17 Milliarden.
Solche Werte wachsen fast immer nachträglich, im Schnitt um knapp ein Viertel zwischen zwei Berichten. Jede aktuelle Jahreszahl ist deshalb ein vorläufiger Mindestwert. Nach dieser Messung nehmen Betrüger seit 2021 jedes Jahr 12 bis 14 Milliarden Dollar ein. Mit den FBI-Zahlen darf man das nicht zusammenzählen, weil viele US-Opfer in beiden Statistiken stecken.
Ist Krypto also vor allem ein Werkzeug für Betrüger? Nach derselben Messung machen illegale Transaktionen weniger als 1 Prozent des gesamten erfassten Krypto-Volumens aus. Beides stimmt gleichzeitig: Fast alle Krypto-Zahlungen sind legal, und trotzdem verlieren Betrugsopfer in den USA über keinen anderen Zahlungsweg so viel Geld.
Die Rangliste
Wo das meiste Geld verloren geht
Das IC3 ordnet jede Beschwerde einer Masche zu. Bei den Fällen mit Krypto-Bezug liegt eine mit grossem Abstand vorne: der Investmentbetrug. 2025 kostete er die Opfer rund 7,3 Milliarden Dollar, knapp zwei Drittel aller Krypto-Schäden.
Auf Platz zwei folgt der Fake-Support mit 1,23 Milliarden Dollar. Dabei geben sich die Täter als Kundendienst einer Börse, einer Bank oder einer Softwarefirma aus. Zählt man die falschen Behörden mit 0,28 Milliarden dazu, kommen diese Telefon- und Chat-Maschen auf rund 1,5 Milliarden.
Klassisches Phishing, also gefälschte E-Mails und Websites, die Zugangsdaten abgreifen, spielt in Dollar mit 0,11 Milliarden eine kleine Rolle. Das passt schlecht zur verbreiteten Vorstellung vom Hacker, der eine Wallet knackt. Die grossen Summen fliessen dort, wo Menschen ihr Geld selbst überweisen, weil sie jemandem vertrauen.
Weltweit sieht es ähnlich aus. 2024 entfiel laut Chainalysis die Hälfte der erfassten Betrugseinnahmen auf gefälschte Investment- und Trading-Plattformen mit hohen Renditeversprechen. Ein weiteres Drittel ging an Pig Butchering, eine Masche mit langem Vertrauensaufbau. Zusammen sind das über 80 Prozent.
Wallet-Drainer, also Websites, die eine Wallet nach einer Unterschrift leeren, kamen auf 9,5 Prozent, vergiftete Adressen auf 1,1 Prozent. In Dollar sind diese technischen Maschen deutlich kleiner. Sie treffen dafür vor allem Menschen, die aktiv mit eigenen Wallets arbeiten.
Die Opfer
Wer am meisten verliert
Die grössten Schäden tragen ältere Menschen. Über 60-Jährige meldeten 2025 Krypto-Schäden von 4,4 Milliarden Dollar. Das ist fast die Hälfte aller Krypto-Schäden mit Altersangabe, obwohl diese Gruppe nur 30 Prozent der Beschwerden stellte.
Der Unterschied liegt im Betrag je Fall. Ein Opfer zwischen 20 und 29 verlor im Schnitt rund 16'000 Dollar, ein Opfer über 60 rund 99'000 Dollar. Darin steckt auch, dass Ältere oft mehr Erspartes haben und eher melden. Seit 2023 haben sich die gemeldeten Schäden dieser Gruppe fast verdreifacht.
Daraus folgt nicht, dass nur Ältere oder nur Anfänger in die Falle tappen. Beschwerden kommen aus allen Altersgruppen, die 30- bis 49-Jährigen stellen zusammen 38 Prozent. Über das Krypto-Wissen der Opfer sagt die Statistik nichts. Treffender ist deshalb: Betrug trifft alle, Ältere verlieren pro Fall am meisten.
Masche 1
Pig Butchering: erst Vertrauen, dann Geld
Pig Butchering heisst wörtlich Schweineschlachten. Der Vergleich dahinter ist brutal: Das Schwein wird erst gemästet, dann geschlachtet. Die Täter bauen über Wochen oder Monate eine Beziehung auf, bevor sie zum ersten Mal über Geld sprechen.
Der Kontakt beginnt fast beiläufig, über eine SMS, Social Media, eine Werbeanzeige oder eine Dating-App. Schnell wechselt das Gespräch in einen Messenger. Dort entsteht eine Freundschaft oder eine Romanze, und irgendwann erzählt die neue Bekanntschaft von ihren Erfolgen mit Krypto oder von einem Experten, der ihr dabei hilft.
Dann kommt die Plattform. Das Opfer zahlt auf eine Website oder App ein, die echt aussieht und steigende Gewinne anzeigt. Manchmal klappt sogar eine kleine Auszahlung, was das Vertrauen weiter stärkt. Später bieten die Täter Kredite an, damit das Opfer mehr einsetzt.
Will das Opfer schliesslich sein Geld abziehen, verlangt die Plattform zuerst Steuern oder Gebühren. Wer zahlt, bekommt eine neue Forderung. Irgendwann sind die Täter verschwunden und mit ihnen das ganze Geld.
Seit Januar 2024 benachrichtigt das FBI Menschen, die gerade Geld an solche Plattformen schicken. 2025 waren es 3'780 Opfer, und die meisten glaubten bis zu diesem Moment an ihre Gewinne. So liessen sich weitere Verluste von geschätzt 226 Millionen Dollar verhindern.
Hinter vielen dieser Plattformen stehen nach Angaben des FBI organisierte Gruppen in Südostasien. Die Menschen, die dort die Chats schreiben, sind oft selbst Opfer von Menschenhandel und werden zu dieser Arbeit gezwungen.
Das Warnsignal: Kommt ein Anlagetipp von jemandem, den du nur online kennst und nie persönlich getroffen hast, ist äusserste Vorsicht geboten. Das gilt auch dann, wenn die Bekanntschaft seit Monaten besteht und sich echt anfühlt.
Masche 2
Die Plattform, die nur Gewinne zeigt
Gefälschte Börsen und Trading-Apps sind der Kern fast jedes Investmentbetrugs. Eine eigene Statistik gibt es für sie nicht, sie stecken in den Zahlen zum Investmentbetrug. Pig Butchering ist der Weg dorthin, die Plattform ist der Ort, an dem das Geld verschwindet.
Die angezeigten Gewinne gibt es nur in der App. Die Täter kontrollieren die Website oder App, das eingezahlte Geld ist längst bei ihnen. Darum braucht die Masche weder ein gestohlenes Passwort noch eine Seed Phrase: Das Opfer überweist alles selbst.
Das FBI beschreibt zwei Varianten, die technischer wirken. Beim sogenannten Liquidity Mining verbindet das Opfer seine eigene Wallet mit einer App und soll dafür 1 bis 3 Prozent Rendite pro Tag erhalten, bis die Wallet plötzlich leer ist. Bei Play-to-Earn-Spielen läuft es ähnlich: Wer seine Wallet verbindet, um mit einem Spiel Geld zu verdienen, verliert, was darauf liegt.
Das klarste Warnsignal kommt beim Auszahlen. Verlangt eine Plattform zuerst eine Gebühr oder eine Steuer, bevor sie dein Geld herausgibt, ist das keine Auszahlung. Es ist die nächste Einzahlung.
Verdächtig sind auch garantierte Renditen und eine Plattform, die dir jemand empfohlen hat, statt dass du sie selbst gefunden hast. In der Schweiz hilft die Warnliste der Finanzmarktaufsicht FINMA, auf der Anbieter stehen, die möglicherweise ohne Bewilligung arbeiten. 2025 kamen über 300 Einträge dazu, so viele wie nie. Die Liste ist aber nicht vollständig, ein fehlender Eintrag macht eine Plattform noch nicht seriös.
Neu sind gefälschte Videos. Das IC3 beschreibt KI-generierte Videos und Stimmen von Prominenten, Firmenchefs und Vertrauenspersonen, die in falschen Investmentclubs auftreten. Im Jahr 2025 kostete Investmentbetrug mit gemeldetem KI-Bezug 632 Millionen Dollar, rund 7 Prozent des gesamten Investmentbetrugs.
Das ist eine Untergrenze, denn viele Opfer merken gar nicht, dass KI im Spiel war. Betrugsgruppen, die nachweislich an KI-Anbieter zahlten, nahmen laut Chainalysis im Schnitt 4,5-mal so viel ein wie andere. Deepfakes machen die Masche überzeugender, die Hauptursache der Schäden sind sie nach heutigem Stand aber nicht.
Masche 3
Der Anruf vom falschen Support
Beim Fake-Support meldet sich jemand als Mitarbeiter einer Börse, einer Bank, eines Wallet-Anbieters oder als Polizist. Es gebe ein Problem mit deinem Konto. Die Lösung ist immer dieselbe: Dein Geld soll auf eine «sichere» Wallet, oder du sollst den Tätern Zugang zum Konto geben.
Manche Opfer werden gar nicht angerufen. Sie suchen online selbst nach der Support-Nummer ihrer Börse und landen bei einer gefälschten. Am Telefon wirkt dann alles wie ein normaler Kundendienst.
Diese Maschen wachsen schnell. Fake-Support und falsche Behörden mit Krypto-Zahlung kosteten US-Opfer 2023 noch 0,53 Milliarden Dollar, 2025 bereits 1,51 Milliarden. Weltweit war die Masche, sich als Behörde oder Börsen-Support auszugeben, 2025 laut Chainalysis die am schnellsten wachsende: Die Zahlungen an solche Gruppen stiegen auf das 15-Fache.
Oft endet das Gespräch an einem Krypto-Automaten. Die Täter leiten das Opfer an, Bargeld abzuheben und es an einem solchen Automaten einzuzahlen, per QR-Code direkt an ihre Wallet. 2025 meldeten US-Opfer über Krypto-Automaten Schäden von 389 Millionen Dollar, drei Viertel davon trugen über 60-Jährige.
Das Warnsignal: Keine echte Behörde verlangt eine Zahlung über einen Krypto-Automaten, und keine echte Börse will, dass du dein Guthaben zum Schutz auf eine andere Wallet schiebst. Bei einem unerwarteten Anruf legst du auf und wählst selbst die offizielle Nummer, die der Anbieter auf seiner Website angibt.
Masche 4
Die zweite Runde: falsche Rückholdienste
Wer einmal betrogen wurde, wird oft ein zweites Mal angesprochen. Angebliche Anwaltskanzleien, Ermittler oder Rückholdienste melden sich über Social Media und Messenger oder werben in Kommentarspalten und Suchergebnissen. Sie versprechen, das verlorene Geld zurückzuholen, und behaupten gern, mit Behörden zusammenzuarbeiten.
Der Ablauf ist immer ähnlich. Zuerst verlangen sie eine Vorauszahlung, dann liefern sie einen angeblichen Bericht, der den Weg des Geldes auf der Blockchain nachzeichnet, dann kommen neue Gebühren. Das IC3 warnt sogar vor Betrügern, die sich als das IC3 selbst ausgeben.
2025 meldeten 10'516 Menschen dem IC3 Schäden von 1,4 Milliarden Dollar durch solche Dienste. Fast die Hälfte davon trugen über 60-Jährige. Die Summe kann auch Verluste aus dem ersten Betrug enthalten, der die Opfer überhaupt erst zum Rückholdienst brachte.
Dabei können private Firmen nach Angaben des FBI keine rechtlichen Anordnungen erlassen, um gestohlene Kryptowährungen einzufrieren oder zu beschlagnahmen. Börsen sperren Guthaben nur nach eigenen Abläufen oder auf Gerichtsbeschluss. Das Warnsignal ist deshalb eindeutig: Wer verlorenes Krypto gegen Vorauszahlung zurückholen will, ist der nächste Betrüger.
Ganz aussichtslos ist ein Verlust trotzdem nicht immer. Das Recovery-Team des IC3 konnte 2025 in 3'900 Fällen 679 Millionen Dollar einfrieren, 58 Prozent der gemeldeten Abflüsse. Das waren vor allem Banküberweisungen, die sehr schnell gemeldet wurden, solange das Geld noch im Bankensystem lag.
Auch Behörden greifen zu. Im Oktober 2025 reichte das US-Justizministerium die grösste Einziehungsklage seiner Geschichte ein, über rund 127'271 Bitcoin im Wert von etwa 15 Milliarden Dollar. Sie richtet sich gegen den Gründer der kambodschanischen Prince Group, der Betrugszentren mit Zwangsarbeit betrieben haben soll. Es ist eine Anklage und kein Urteil, und ob einzelne Opfer davon Geld zurückbekommen, ist offen.
Für Einzelne gilt meistens: Was über Krypto verloren ist, kommt selten zurück. Die beste Chance hat, wer sofort meldet. Und genau diese Hoffnung auf Rückholung nutzen die falschen Helfer aus.
Masche 5
Die Unterschrift, die die Wallet leert
Wer eine eigene Wallet nutzt, bestätigt jede Aktion mit einer digitalen Unterschrift, einer sogenannten Signatur. Manche Signaturen erlauben einer Anwendung, bestimmte Token aus der Wallet zu bewegen. Das nennt man eine Freigabe oder Approval, und im normalen Gebrauch braucht man sie, damit eine Anwendung überhaupt mit den eigenen Token arbeiten kann.
Ein Wallet-Drainer missbraucht genau diese Freigabe. Eine Phishing-Seite, oft getarnt als Gratis-Verteilung von Token (ein sogenannter Airdrop) oder als neues Projekt, bittet um eine Signatur. Wer bestätigt, erlaubt dem Angreifer, die Token abzuziehen. Die Seed Phrase braucht er dafür nicht, und auch eine Hardware-Wallet schützt nicht, wenn man die Signatur auf dem Gerät selbst bestätigt.
Solche Seiten tauchen gern rund um grosse Nachrichten auf. Als im Januar 2024 das X-Konto der US-Börsenaufsicht SEC gehackt wurde, warben Betrüger mit der Aufregung für ihre gefälschten Seiten.
Nach Zählung der Sicherheitsfirma Scam Sniffer kosteten Drainer 2024 rund 494 Millionen Dollar bei 332'000 Opfern. 2025 waren es noch 84 Millionen bei rund 106'000 Opfern. Verschwunden ist die Masche damit nicht: Wenn alte Drainer-Dienste aufhören, übernehmen neue.
Die Schäden laufen mit dem Markt. 2025 lagen sie im August und September am höchsten, mit 12,2 und 11,8 Millionen Dollar, als Ether stark stieg. Im Dezember waren es nur 2,0 Millionen. Wenn die Kurse steigen, sind die Wallets voller und es wird mehr gehandelt. Das dürfte die Spitzen erklären.
Der grösste Einzelschaden 2025 betrug 6,5 Millionen Dollar, ausgelöst durch eine einzige Permit-Signatur, eine besondere Form der Freigabe. Wer so viel in einer Wallet hält, dürfte kaum ein Anfänger sein. Drainer treffen gerade Menschen, die aktiv mit Krypto arbeiten.
Das Warnsignal: Eine Website verlangt eine Signatur oder Freigabe, damit du etwas «beanspruchen» oder deine Wallet «verifizieren» kannst. Im Zweifel unterschreibst du nicht. Alte Freigaben lassen sich mit einem sogenannten Allowance-Checker regelmässig kontrollieren und widerrufen, das rät auch das FBI.
Masche 6
Die vergiftete Adresse
Krypto-Adressen sind lange Ketten aus Zahlen und Buchstaben. Wer zwei davon vergleicht, schaut oft nur auf Anfang und Ende. Darauf baut Address Poisoning, auf Deutsch etwa Adressvergiftung.
Die Angreifer erzeugen eine Adresse, die vorne und hinten genau so aussieht wie eine Adresse, an die du regelmässig überweist. Dann schicken sie dir einen Kleinstbetrag oder eine wertlose Token-Überweisung. Damit steht ihre Adresse in deinem Transaktionsverlauf, gleich neben der echten. Kopierst du beim nächsten Mal die Adresse aus dem Verlauf, geht dein Geld an sie.
Die Forscher werteten die Zeit von Juli 2022 bis Juni 2024 aus und erfassten nur Stablecoins, also Token mit einem festen Dollarwert. Von den 270 Millionen Versuchen führten 6'633 zum Erfolg. Der Schaden lag bei mindestens 83,8 Millionen Dollar.
Die Trefferquote ist winzig, auf Ethereum lag sie bei 0,01 Prozent. Für die Täter lohnt es sich trotzdem, weil ein Treffer teuer ist. Auf Ethereum verlor ein Opfer im Schnitt 45'853 Dollar, im mittleren Fall waren es 2'169 Dollar. Einige sehr grosse Verluste ziehen den Schnitt also nach oben.
Weil die Masche einen Verlauf mit regelmässigen Überweisungen braucht, trifft sie vor allem aktive Nutzer. Das Warnsignal ist hier eine Gewohnheit: Kopiere eine Adresse nie aus dem Transaktionsverlauf. Nutze ein Adressbuch und vergleiche die ganze Adresse, nicht nur Anfang und Ende.
Schweiz
Mehr Fälle, kaum Aufklärung
In der Schweiz gibt es keine Schadenssummen, dafür polizeilich registrierte Straftaten. Die Richtung ist dieselbe wie in den USA. 2025 zählte die Polizei 2'854 Fälle von Online-Anlagebetrug, 2,3-mal so viele wie 2021. Die Kategorie umfasst jeden Betrug, bei dem jemand zu einer Anlage in ein wertloses Produkt verleitet wird, also nicht nur Krypto.
2021 lag die Aufklärungsrate noch bei 22,6 Prozent. Heute wird kaum noch ein solcher Fall aufgeklärt, und das Geld der Opfer ist dann meistens verloren.
Der Fake-Support bleibt auf hohem Niveau, mit 1'400 bis 1'900 Straftaten pro Jahr und 1'708 im Jahr 2025. Diebstahl von Kryptowährungen ist mit 162 Fällen selten, stieg 2025 aber um 71 Prozent. Am stärksten wuchs Phishing, auf 7'409 Fälle, mehr als sechsmal so viele wie 2021.
Bei den Opfern ähnelt die Schweiz den USA. Bei Online-Anlagebetrug waren 45 Prozent der Geschädigten 60 oder älter, beim Fake-Support 77 Prozent. Allein 640 Opfer des falschen Supports waren über 70 Jahre alt.
Schweiz
Was bei der Meldestelle ankommt
Einen zweiten Einblick geben die freiwilligen Meldungen beim Bundesamt für Cybersicherheit BACS. Dort melden Menschen vor allem Versuche, also Betrug, der noch keinen Schaden angerichtet hat. Die Zahlen zeigen damit früh, welche Maschen gerade unterwegs sind.
Die meistgemeldete Betrugsform 2025 waren falsche Anrufe im Namen von Behörden, mit 16'520 Meldungen fast die Hälfte aller gemeldeten Betrugsversuche. Am schnellsten wuchs die Werbung für Online-Anlagebetrug, etwa gefälschte Anzeigen mit Prominenten oder Trading-Seiten. Sie wurde 2025 mit 6'108 Meldungen rund fünfmal so oft gemeldet wie im Jahr davor.
Gegen die falschen Anrufe wirkt inzwischen eine einfache Massnahme. Seit dem 1. Juli 2026 müssen auch Anrufe aus dem Ausland gekennzeichnet werden, die eine Schweizer Mobilnummer vortäuschen. Im Juli fielen die Meldungen zu falschen Behörden-Anrufen um über 75 Prozent auf unter 100 im Monat, vorher waren es regelmässig über 400.
Die Schweizer Zahlen messen Fälle und keine Franken. Die Muster sind trotzdem dieselben wie in den USA: Der Anlagebetrug hat sich verdoppelt, die Werbung dafür verfünffacht, und der falsche Support trifft fast nur Ältere.
Schutz
Wo die Faustregeln reichen und wo nicht
Die bekannteste Regel im Krypto-Alltag lautet: Gib deine Seed Phrase nie heraus und bewahre grössere Beträge auf einer Hardware-Wallet auf. Die Regel ist richtig. Sie schützt vor dem Diebstahl deiner Schlüssel.
Gegen die teuersten Maschen hilft sie aber kaum. Beim Investmentbetrug, beim falschen Support, am Krypto-Automaten und beim Rückholdienst überweist das Opfer selbst. Beim Drainer und bei der vergifteten Adresse unterschreibt oder sendet es selbst. Zusammen ist das in den USA die grosse Mehrheit der gemeldeten Schäden.
Eine Hardware-Wallet kann zudem selbst zum Einfallstor werden, wenn sie auf dem Weg zum Käufer manipuliert wurde. Wie das sogar über einen offiziellen Händler passiert ist, steht in «Der Spion im Gerät».
Wichtiger als jede Technik sind deshalb ein paar einfache Sätze. Ein Anlagetipp von jemandem, den du nie getroffen hast, ist ein Warnsignal. Eine Auszahlung, die zuerst eine Gebühr verlangt, ist keine Auszahlung. Und eine Börse oder Behörde, die sich von selbst meldet und dein Geld in Sicherheit bringen will, ist weder Börse noch Behörde.
Eine Website, die eine Signatur will, damit du etwas «beanspruchen» kannst, will in Wahrheit deine Token. Eine Adresse aus dem Verlauf kann vergiftet sein. Und wer verlorenes Geld gegen Vorauszahlung zurückholen will, ist der nächste Betrüger.
Wer trotzdem Geld verliert, meldet es sofort, in der Schweiz bei der Polizei, in den USA beim IC3. Je schneller gemeldet wird, desto grösser ist die Chance, dass eine Bank oder Börse noch etwas einfrieren kann.
Die Schwachstelle ist das Vertrauen
Die teuerste Krypto-Masche braucht keinen Hacker. Es ist der Investmentbetrug mit einer gefälschten Plattform, eingefädelt über eine Bekanntschaft aus dem Netz. Er macht in den USA knapp zwei Drittel der gemeldeten Krypto-Schäden aus und weltweit über 80 Prozent der erfassten Betrugseinnahmen. Dahinter folgen der falsche Support und die falschen Behörden, die derzeit am schnellsten wachsen.
Wallet-Drainer und vergiftete Adressen sind in Dollar kleiner, treffen aber gerade erfahrene Nutzer und umgehen Seed Phrase und Hardware-Wallet. Gemeinsam ist allen sechs Maschen, dass am Ende das Opfer selbst überweist oder unterschreibt. Wer den Ablauf kennt, erkennt den Moment, in dem er aufhören muss.
Die Zahlen steigen, in den USA wie in der Schweiz. Ein Teil davon sind Kurse und bekanntere Meldestellen, ein Teil ist echtes Wachstum. Wie viele Fälle nie gemeldet werden, weiss niemand.
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