Bitcoin bei Schwab: neuer Schalter, altes Geld
Seit Mitte Oktober können alle berechtigten Privatkunden von Charles Schwab Bitcoin direkt im eigenen Konto kaufen. Das meiste Geld, das dort landet, dürfte schon vorher im Bitcoin-Markt gewesen sein und nur den Kanal wechseln.
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Schwab hat den direkten Krypto-Handel ab Mitte Mai schrittweise freigeschaltet, seit dem 15. Oktober haben alle berechtigten Privatkunden Zugang. Kauf und Verkauf kosten je 0,75 Prozent, Paxos führt die Aufträge aus und verwahrt die Coins, eine Auszahlung auf die eigene Wallet gibt es noch nicht, Schwab stellt sie ohne Termin für später in Aussicht. Gegenüber dem grössten Bitcoin-ETF wird der Direktkauf erst nach rund sechs Jahren günstiger. Schwab-Kunden halten schon rund ein Fünftel der börsengehandelten Krypto-Produkte in den USA, und die neuen eingehenden Überträge holen Bitcoin, die es bereits gibt. Schwab veröffentlicht keine Nutzungszahlen, und in den ETF-Flüssen ist kein Schwab-Effekt zu erkennen. Das meiste dürfte Umschichtung sein. Neues Geld ist möglich, aber nicht messbar.
Wenn ein Broker mit rund 40 Millionen Depots einen Kaufknopf für Bitcoin einbaut, klingt das nach einer Welle neuer Nachfrage. Mich interessiert eine nüchternere Frage: Woher soll das Geld kommen? Die Antwort hängt an Gebühren, an Verwahrungsregeln und an einem Bestand, den die Schwab-Kunden längst besitzen.
Das Angebot
Ein Kaufknopf neben dem Depot
Charles Schwab hat seinen direkten Krypto-Handel im April angekündigt und ab Mitte Mai schrittweise für Privatkunden freigeschaltet. Am 15. Oktober sagte Konzernchef Rick Wurster bei der Vorstellung der Quartalszahlen, nun hätten alle Kunden Zugang. Gemeint sind die berechtigten Privatkunden. Wer in New York, Louisiana oder im Ausland wohnt, bleibt aussen vor. Handelbar sind Bitcoin und Ether, bis Ende Jahr sollen Solana, Avalanche und Chainlink dazukommen.
Die Grösse erklärt, warum der Schritt so viel Aufmerksamkeit bekommt. Schwab führte Ende September 40,26 Millionen aktive Depots und verwaltete 13,33 Billionen Dollar Kundenvermögen, davon 7,49 Billionen im Geschäft mit Privatkunden. Damit gehört Schwab zu den grössten Brokern der USA.
Die Gebühr ist einfach gebaut: 0,75 Prozent auf jeden Kauf und auf jeden Verkauf. Konto und Verwahrung kosten nichts, einen eigenen Aufschlag auf den Kurs nimmt Schwab nicht. Den Ausführungspreis stellen allerdings Handelshäuser, die Schwabs Partner Paxos auswählt, und wie gut dieser Preis im Marktvergleich ist, legt Schwab nicht offen. Wer kauft und später wieder verkauft, zahlt damit rund 1,5 Prozent des Betrags.
Das Kleingedruckte
Bitcoin, die das Haus nicht verlassen
Rechtlich gehört das Krypto-Konto nicht zum Depot. Es läuft über die Schwab-Bank, die Charles Schwab Premier Bank, die die Bitcoin gegenüber dem Kunden verwahrt. Die eigentliche Arbeit macht Paxos: Die Treuhandfirma unter Aufsicht der US-Bankenaufsicht führt die Aufträge aus und hält die Coins. Schwab hat sich an Paxos beteiligt.
Das hat eine Folge, die viele Kunden unterschätzen dürften. Direkt gehaltene Kryptowährungen sind keine Wertpapiere. Deshalb fallen sie nicht unter den Schutz der SIPC, einer Art Sicherung für Wertpapierdepots, die greift, wenn ein Broker ausfällt. Ein Bitcoin-ETF liegt dagegen als normales Wertpapier im Depot und ist darüber geschützt. Dieser Schutz deckt allerdings nur den Ausfall des Brokers ab, nie den Kursverlust. Für das Krypto-Konto gibt Schwab eine eigene Garantie gegen unberechtigte Zugriffe.
Für die Frage nach neuem Geld zählt vor allem, was nicht geht. Eine Auszahlung von Schwab auf eine eigene Wallet stellt der Konzern nur für später in Aussicht, ohne Termin. Zuerst kommt der umgekehrte Weg. Nach einem Test seit Ende Juli führt der Konzern im Oktober eingehende Überträge ein: Kunden können dann Coins, die sie bei Coinbase, Robinhood oder anderswo halten, zu Schwab holen.
Zudem hängt das Krypto-Konto an einem normalen, steuerpflichtigen Depot. Ein Direktkauf im amerikanischen Vorsorgekonto, der IRA, ist damit nicht vorgesehen, Bitcoin-ETFs lassen sich dort dagegen halten. Auch die Kunden der unabhängigen Vermögensverwalter, die Schwab als Depotbank nutzen, sind nicht dabei. Gerade dort liegt ein grosser Teil des Vermögens.
Die Mechanik
Wann ein Kauf wirklich neues Geld ist
Als neues Geld zählt nur, was ohne den Schwab-Knopf gar nicht in Bitcoin geflossen wäre. Alles andere ist ein Umzug. Wer seinen Bitcoin-ETF verkauft und bei Schwab direkt kauft, verändert die Gesamtnachfrage kaum: Der Fonds gibt für die zurückgenommenen Anteile Bitcoin ab, und Paxos kauft sie für den Schwab-Kunden wieder ein.
Ein Klick bei Schwab wird zur Nachfrage, wenn Paxos die Bitcoin bei Liquiditätsanbietern beschafft, also bei Handelshäusern, die laufend Kauf- und Verkaufskurse stellen. Am Markt kommt dabei nur an, was übrig bleibt, wenn man die Käufe und Verkäufe aller Kunden gegeneinander aufrechnet. Ob Paxos einen Teil davon intern verrechnet, ist nicht offengelegt.
Beim ETF funktioniert das ähnlich. Spezialisierte Händler, die sogenannten Authorized Participants, schaffen neue Fondsanteile erst, wenn Anleger netto mehr kaufen als verkaufen, und erst dann muss zusätzlich Bitcoin her. In beiden Kanälen ist das Handelsvolumen also grösser als der Druck auf den Preis. Bei Schwab kommt hinzu, dass Paxos die Coins aller Kunden in einer Sammelverwahrung hält. Von aussen sieht deshalb niemand, wie viel Bitcoin die Schwab-Kunden direkt besitzen.
Die Kosten
Der ETF bleibt jahrelang billiger
Für Schwab-Kunden ist der Direktkauf nicht der erste Weg zu Bitcoin. Seit Januar 2024 können sie Spot-Bitcoin-ETFs kaufen, börsengehandelte Fonds, die echte Bitcoin halten, online ohne Kommission. Der grösste davon, IBIT von BlackRock, kostet 0,25 Prozent pro Jahr, der Fonds MSBT von Morgan Stanley sogar nur 0,14 Prozent.
Der Unterschied liegt in der Art der Gebühr. Schwab verlangt zweimal 0,75 Prozent, beim Einstieg und beim Ausstieg, egal wie lange die Position liegt. Der ETF kostet am Anfang fast nichts und wird mit jedem Jahr teurer. Nach zwölf Monaten hat ein Anleger mit IBIT rund 0,27 Prozent bezahlt, der Schwab-Kunde mit direkten Bitcoin rund 1,49 Prozent.
Erst nach rund sechs Jahren ist der Direktkauf günstiger als IBIT, gegenüber MSBT sogar erst nach knapp elf Jahren. Nur der alte Grayscale-Fonds GBTC mit 1,5 Prozent Jahresgebühr ist schon nach einem Jahr teurer. Gerechnet ist das mit der veröffentlichten Gebühr. Kostet die Ausführung bei Schwab je Seite zusätzlich 0,1 Prozent, rückt die Schwelle gegenüber IBIT auf knapp sieben Jahre.
Die Vorteile
Wofür man den Aufpreis zahlt
Der Direktkauf hat trotzdem Argumente, die ein ETF nicht bieten kann. Bei Schwab lässt sich Bitcoin rund um die Uhr handeln, auch am Wochenende, wenn die Börse geschlossen ist, und schon kleine Bruchteile eines Coins sind möglich. Für aktive Händler, die auf eine Bewegung am Samstag reagieren wollen, ist das ein echter Unterschied.
Der zweite Vorteil liegt bei den Steuern. In den USA verbietet die sogenannte Wash-Sale-Regel, einen Verlust geltend zu machen, wenn man dasselbe Wertpapier innert 30 Tagen zurückkauft. Für ETF-Anteile gilt sie, für direkt gehaltene Bitcoin bisher nicht. Ein Gesetzentwurf vom Juni will das ändern, er liegt aber noch im zuständigen Ausschuss.
Ausgerechnet dieser Vorteil bringt aber kein neues Geld. Wer seinen ETF mit Verlust verkauft und sofort direkt zurückkauft, spart Steuern und hält danach genauso viel Bitcoin wie vorher. Rechnen kann sich der Direktkauf für aktive Händler, für Anleger mit einem Steuermotiv und für Halter mit sehr langem Horizont. Für den typischen Anleger, der ein paar Jahre investiert bleiben will, ist der ETF die günstigere Wahl.
Der Bestand
Das Geld liegt schon bei Schwab
Die Schwab-Kunden sind bei Bitcoin keine Neulinge. Nach Angaben des Konzerns halten sie rund 20 Prozent aller börsengehandelten Krypto-Produkte in den USA. Überträgt man das auf die Bitcoin-ETFs mit zuletzt rund 111 Milliarden Dollar Vermögen, liegen grob 22 Milliarden Dollar oder etwa 270'000 Bitcoin in Schwab-Depots. Das ist eine Grössenordnung und keine Messung, denn der Anteil stammt vom April und schliesst auch Ether-Produkte ein.
Dieser Bestand ist der Topf, aus dem Umschichtungen kommen können. Dazu kommen die Coins, die Schwab-Kunden bei Krypto-Börsen halten, und genau darauf zielen die neuen eingehenden Überträge. Wurster nannte die Überträge eine attraktive Gelegenheit für Zukäufe. Das dürfte heissen, dass Schwab so Kundenvermögen anderer Anbieter zu sich holen will. Jeder Bitcoin, der auf diesem Weg zu Schwab kommt, existiert schon und wurde längst gekauft.
Schwabs eigenes Interesse dürfte deshalb eher bei der Kundenbindung und beim Ertrag liegen als bei neuer Nachfrage. An einem ETF-Kauf verdient Schwab keine Kommission, am Direktkauf 0,75 Prozent bei jedem Kauf und jedem Verkauf. Wurster zählt Krypto ausdrücklich zu den neuen Geschäften, die zusätzliche Erträge aus Transaktionen bringen sollen, neben den Prognosemärkten.
Das Vorbild
Was der ETF-Start 2024 gezeigt hat
Wie stark ein neuer Kanal bestehendes Geld nur umleitet, zeigt der Start der Spot-Bitcoin-ETFs im Januar 2024. Bis Ende März flossen in die neuen Fonds 26,9 Milliarden Dollar. Gleichzeitig zogen Anleger 14,8 Milliarden aus dem älteren und viel teureren Grayscale-Fonds GBTC ab. Netto blieben 12,1 Milliarden übrig.
Nicht jeder Dollar aus GBTC landete in einem neuen ETF, ein Teil waren reine Verkäufe, etwa aus Konkursmassen. Trotzdem waren die Zuflüsse in die neuen Produkte mehr als doppelt so hoch wie die echte neue Nachfrage. Für Schwab gibt es keine vergleichbare Flussreihe, aber das Muster ist ein guter Massstab dafür, wie Meldungen über einen neuen Kanal zu lesen sind.
Die Daten
Kein Schwab-Effekt in den ETF-Flüssen
Schwab veröffentlicht keine Zahlen zum Krypto-Konto, weder zu Kunden noch zu Volumen oder Erträgen. Finanzchef Mike Verdeschi sagte im Juli lediglich, Krypto sei für die Erträge noch nicht so bedeutend wie andere Wachstumsfelder. Direkt messen lässt sich die Wirkung also nicht.
Indirekt bleiben die ETF-Flüsse. Würden Schwab-Kunden in grossem Stil ETF-Anteile gegen direkte Bitcoin tauschen, müsste das dort als Abfluss auftauchen. Tatsächlich zogen Anleger in den acht Wochen nach dem Start Mitte Mai netto 7,76 Milliarden Dollar aus den US-Bitcoin-ETFs ab, nachdem in den acht Wochen davor 2,66 Milliarden zugeflossen waren.
Mit Schwab hat das wenig zu tun. Im gleichen Zeitraum fiel Bitcoin von rund 79'300 Dollar auf das Jahrestief von rund 58'500 Dollar, und die Abflüsse folgten dem Kurs. Ab Juli flossen wieder Mittel zu, obwohl der Rollout weiterlief. Ein typischer Wochenfluss der ETFs liegt bei rund 630 Millionen Dollar in die eine oder andere Richtung. Darin ginge ein Schwab-Effekt von einigen hundert Millionen schlicht unter.
Dazu kommt ein schwaches Umfeld für Privatanleger. Das Krypto-Volumen in der App von Robinhood lag im August 46 Prozent unter dem Vorjahr, und Coinbase zählte im zweiten Quartal 7,6 Millionen Kunden, die im Monat mindestens einmal handelten, nach 8,7 Millionen ein Jahr zuvor. Schwab startete also in eine Phase, in der Privatanleger weniger Krypto handeln. Selbst ein verhaltener Start würde deshalb wenig über das Potenzial auf längere Sicht sagen.
Das Potenzial
Kleine Anteile, grosse Beträge
Trotzdem ist der Start nicht bedeutungslos, das zeigt eine einfache Gegenrechnung. Die Miner schaffen täglich rund 450 neue Bitcoin, beim aktuellen Kurs etwa 37 Millionen Dollar. Gingen nur 0,1 Prozent des Schwab-Privatkundenvermögens in Bitcoin, wären das 7,5 Milliarden Dollar, so viel wie rund 200 Tage neues Angebot oder knapp zwölf typische ETF-Wochen.
Auf einzelne Konten umgerechnet, wird die Grössenordnung greifbarer. Für eine Milliarde Dollar müssten 200'000 Kunden je 5'000 Dollar investieren, ein halbes Prozent der aktiven Depots. Solche Rechnungen sind ein Rahmen und keine Erwartung, eher sogar eine Obergrenze: Vorsorgekonten und Kunden aus ausgeschlossenen Bundesstaaten stecken im Vermögen mit drin, können aber nicht direkt kaufen.
Neues Geld kommt am ehesten von Kunden, die bisher weder einen ETF noch ein Konto bei einer Krypto-Börse hatten. In Schwabs eigener Umfrage nannten Anleger Preis, Vertrauen in die Marke und Sicherheit als wichtigste Kriterien bei der Wahl eines Krypto-Anbieters, und beim Vertrauen hat ein etablierter Broker einen Vorsprung. Dazu passt, dass rund 70 Prozent der neuen Privatkunden-Haushalte bei Schwab zur Generation Z und zu den Millennials gehören, den Jahrgängen mit der grössten Nähe zu Krypto. Wie gross diese Gruppe am Ende ist, weiss heute niemand.
Das Umfeld
Schwab ist nicht allein
Schwab folgt einem Trend unter den grossen US-Brokern. Morgan Stanley testet seit Mai den direkten Krypto-Handel bei E*Trade und verlangt nach Medienberichten 0,50 Prozent pro Trade, also weniger als Schwab. Zudem hat Morgan Stanley mit MSBT seit April den derzeit günstigsten Bitcoin-ETF. Fidelity bietet Krypto-Konten schon länger an, inzwischen auch im Vorsorgekonto und ebenfalls mit eingehenden Überträgen.
Die grössere Wirkung dürfte deshalb in der Normalisierung liegen. Wenn die grossen Broker Bitcoin neben Aktien und Fonds anbieten, wird der Kauf für Kunden und Berater zur Routine. Messen lässt sich das nicht, und es verteilt sich über Jahre statt über einen Starttag.
Mehr Umzug als Zufluss
Das Geld, das Schwab-Kunden direkt in Bitcoin stecken, dürfte zum grösseren Teil Geld sein, das den Kanal wechselt: aus ETFs, aus Konten bei Krypto-Börsen oder aus Käufen, die sonst bei Robinhood oder Coinbase stattgefunden hätten. Für den typischen Anleger ist der ETF günstiger, die Auszahlung auf eine eigene Wallet gibt es noch nicht, und die neuen Überträge holen Bitcoin, die es schon gibt. Neues Geld kommt auch, aber es ist nicht messbar und dürfte der kleinere Teil sein.
Ob sich das ändert, lässt sich an wenigen Stellen ablesen. Nennt Schwab mit den Zahlen zum vierten Quartal im Januar erstmals Kunden oder Vermögen im Krypto-Konto, wird die Grössenordnung sichtbar. Sinkt der Anteil der Schwab-Kunden an den Krypto-ETFs unter die rund 20 Prozent, spricht das für Umschichtung. Öffnet Schwab den Direktkauf für Vorsorgekonten und Vermögensverwalter, rückt erstmals ein grosser Teil des Kundenvermögens in Reichweite, der heute ausgeschlossen ist.
Bis dahin gilt: Ein neuer Kaufknopf bei einem grossen Broker sagt zuerst etwas über den Wettbewerb um Kunden aus. Über die Nachfrage nach Bitcoin sagt er erst etwas, wenn das Geld von ausserhalb des Markts kommt.
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