Der Nachzügler
Jede Woche ordne ich die wichtigsten On-Chain Daten, Makro-Signale und Marktstrukturen ein, damit du weisst, was wirklich passiert. Diese Woche dreht die Liquidität zurück, nur läuft sie überall hin, bloss nicht zu Bitcoin.
Es gibt Wochen, in denen der Bitcoin-Preis das Uninteressanteste am ganzen Markt ist. Diese ist so eine. Bitcoin hängt bei rund 64'000 fest, zäh, ohne Richtung. Spannend ist, was drumherum passiert. Die grosse Liquidität, das Geld im System, dreht nach Monaten zum ersten Mal wieder nach oben. Und das Kapital strömt in Rekordtempo in Risikoanlagen. Nur eben nicht in Krypto.
Das ist die Geschichte dieser Woche. Ich zeige dir, wie die Fed leise wieder Geld ins System pumpt, wohin dieses Geld gerade wirklich fliesst, und warum Bitcoin dabei der Nachzügler ist, der noch an der Tür steht. Und dann drehe ich das Ganze um und zeige dir die stillen Signale unter der Oberfläche, die sagen, dass hier unten gerade ein Boden gebaut wird, auch wenn der Preis es noch nicht zugibt.
Und wichtig noch: Wenn du beim Lesen merkst, dass du diese Daten endlich mal selbst verstehen willst....dann ist die On-Chain Masterclass genau dafür da.
(Du willst nicht so viel ausgeben, aber brennst wirklich für das Thema? Meld dich bei mir.)
Jetzt aber zur Lage.
Makro · Liquidität
Die Fed pumpt wieder Geld ins System, ohne es beim Namen zu nennen
Fangen wir beim Wichtigsten an, und das ist auch diese Woche kein Krypto-Chart, sondern die Bilanz der US-Notenbank. Die Bilanzsumme der Fed ist auf 6,736 Billionen Dollar gestiegen, der höchste Stand seit April 2025. Vom Tiefpunkt bei rund 6,5 Billionen Anfang 2026 sind das ein Plus von rund 236 Milliarden Dollar, oder 3,6 Prozent. Das klingt technisch, ist aber ein Regimewechsel. Fast zwei Jahre lang hat die Fed ihre Bilanz geschrumpft und dem Markt Geld entzogen, das nennt man QT. Jetzt läuft es zum ersten Mal wieder in die andere Richtung.
Offiziell heisst das "Reserve Management", die Fed sagt, sie halte nur genug Bargeld im System, damit alles rundläuft. Aber die Wirkung ist dieselbe wie bei einer Lockerung. Mehr Geld auf der Fed-Bilanz heisst mehr Liquidität im Markt. Sie nennen es nur nicht so.
Für uns ist das der Rückenwind, auf den viele seit Monaten warten. Bitcoin ist der Markt, der am direktesten an der globalen Liquidität hängt. Wenn die Ebbe kippt und die Flut zurückkommt, ist das historisch das beste Umfeld für Risikoanlagen. Die Frage ist nur, ob das Wasser diesmal auch bei uns ankommt. Und genau da wird es diese Woche interessant.
Makro · Risk-On
Das Geld ist da, es fliesst nur in Aktien und Tech statt in Krypto
Und jetzt zur unbequemen Wahrheit. Die Liquidität ist zurück, aber sie sucht sich gerade einen anderen Weg als über Bitcoin. In der Woche zum 8. Juli sind netto 56,4 Milliarden Dollar in globale Aktienfonds geflossen, der viertgrösste Zufluss dieses Jahres. Der Vier-Wochen-Schnitt liegt bei über 40 Milliarden pro Woche, der zweitgrösste seit Beginn der Aufzeichnung.
Der Motor dahinter sind die Technologiefonds. Die kassierten in einer Woche 18,8 Milliarden Dollar, ein Rekord, und liegen im Schnitt bei über 11 Milliarden pro Woche, ebenfalls ein Allzeithoch. Für das gesamte Jahr 2026 steuern die Tech-Fonds auf über 183 Milliarden an Zuflüssen zu. Anleger stürzen sich also gerade so stark in Tech-Aktien wie noch nie.
Das ist der Grund, warum ich beim Bitcoin-Preis von einem Nachzügler spreche. Es ist nicht so, dass kein Geld da wäre. Es ist massiv Geld da. Es geht nur zuerst dorthin, wo die Story gerade heiss ist, in Nvidia und die grossen Tech-Namen. Bitcoin bekommt in solchen Phasen oft erst später etwas ab, wenn die schnellen Anleger anfangen, ihre Gewinne aus Tech in die nächste unterbewertete Ecke zu rotieren. Noch sind wir nicht dort.
Makro · Gold
Auch Gold hat das schnelle Geld abgezogen, und ist seinem eigenen Modell davongelaufen
Die zweite Adresse, an die das Kapital geflossen ist, ist Gold. Und hier wird es aufschlussreich. Auf dem Chart siehst du den Goldpreis gegen ein Modell, das den fairen Wert aus der globalen Liquidität ableitet.
Über Jahre liefen beide Linien fast im Gleichschritt. Jetzt notiert Gold bei rund 4'734 Dollar, während das Liquiditätsmodell nur einen Wert um 3'959 rechtfertigt. Gold ist seinem eigenen Fundament also deutlich davongelaufen.
Genau dieses Überschiessen erklärt ein erfahrener Stratege damit, dass das schnelle Geld, das früher in Bitcoin steckte, zuerst nach Gold gewandert ist und den Preis über das getrieben hat, was die Liquidität hergibt. Interessant ist, dass die kumulierten Zuflüsse in die grossen Gold-ETFs zuletzt sogar auf minus 13 Prozent gedreht sind. Der Preis ist also hoch, aber die grosse Masse steigt hier oben nicht mehr zu, sondern eher aus.
Für mich ist das ein Puzzlestück im grösseren Bild. Das spekulative Kapital wandert im Kreis, von Bitcoin nach Gold, von Gold weiter in die Halbleiter-Aktien. Jede Station läuft heiss und kühlt dann ab. Wenn Gold seinem Modell so weit vorausgelaufen ist und die Zuflüsse drehen, ist die spannende Frage, wo dieses schnelle Geld als Nächstes hingeht, wenn es aus Gold und Tech wieder herauskommt.
On-Chain · Nachfrage
Der eigentliche Grund, warum Bitcoin hängt: der Käufer fehlt
Schauen wir jetzt unter die Oberfläche von Bitcoin selbst, denn dort liegt der Kern des Problems. Die Kennzahl heisst Spot-Nachfrage, und sie misst vereinfacht, ob mehr echte Bitcoin gekauft als neu produziert und verkauft werden. Ist der Wert negativ, wird das Angebot nicht vollständig aufgenommen, und der Bestand am Markt wächst. Genau das passiert seit Dezember 2025. Die Spot-Nachfrage steckt seit Monaten im negativen Bereich.
Mitte Juni erreichte sie ein negatives Extrem von rund minus 273'000 Bitcoin, so schwach war die Nachfrage lange nicht. Aktuell liegt sie bei etwa minus 100'000, das ist eine deutliche Verbesserung, aber immer noch negativ. Übersetzt heisst das: Der Verkaufsdruck lässt nach, aber der grosse, echte Käufer, der mit Wucht zugreift, fehlt weiterhin.
Das ist die ehrliche Einordnung zur Liquiditätsgeschichte von vorhin. Ja, die Flut kommt zurück ins System. Aber solange die Spot-Nachfrage negativ bleibt, landet dieses Geld eben nicht bei Bitcoin, sondern in Tech und Gold. Immerhin, und das ist der Lichtblick, zieht sich die Nachfrage nicht mehr so aggressiv zusammen wie im Vormonat, und die Jahreszeit spricht ab Juli oft für steigende Kurse. Die Bedingungen bessern sich langsam. Bestätigt ist noch nichts.
On-Chain · USDT-Dominanz
Das trockene Pulver liegt auf Rekordniveau an der Seitenlinie
Wenn das Geld nicht in Bitcoin fliesst, wo wartet es dann? Ein guter Teil davon in Stablecoins, also in digitalen Dollar wie USDT. Und hier gibt es eine Zahl, die man sich merken sollte. Die USDT-Dominanz, also der Anteil, den der grösste Stablecoin am gesamten Kryptomarkt einnimmt, ist im Jahresvergleich um 88 Prozent gestiegen und liegt jetzt höher als im Juli 2024 und im Juli 2025.
Eine hohe Stablecoin-Dominanz bedeutet, dass viele Anleger ihr Kapital lieber in Dollar auf der Blockchain parken, statt es in Bitcoin oder Altcoins zu halten. Es ist Geld, das im Krypto-Ökosystem sitzt, aber an der Seitenlinie wartet. Man nennt das trockenes Pulver. Der saisonale Vergleich im Chart zeigt, dass diese Dominanz 2026 mit einem Plus von rund 34 Prozent viel stärker gestiegen ist als in den Vorjahren.
Das ist die eine Seite der Medaille, die vorsichtig macht, denn hohe Stablecoin-Dominanz heisst Risikoscheu, die Leute trauen sich nicht rein. Die andere Seite ist die Chance. Dieses Pulver ist nicht weg, es ist nur geparkt. Wenn die Stimmung dreht und dieses Kapital vom sicheren Dollar zurück in Bitcoin rotiert, ist genau das der Treibstoff für die nächste Bewegung. Je grösser der geparkte Berg, desto grösser der mögliche Schub, wenn er sich löst.
On-Chain · Kaufdruck
Unter der Oberfläche dominieren am Tief zum ersten Mal wieder die Käufer
Jetzt kommt das Signal, das mich trotz der schwachen Nachfrage aufhorchen lässt. Es heisst STH Realized Pressure Model und klingt komplizierter, als es ist. Es vergleicht, ob bei den kurzfristigen Haltern, also den Leuten, die erst vor Kurzem gekauft haben, gerade der Kaufdruck oder der Verkaufsdruck überwiegt. Über den ganzen Rückgang war das ein Meer aus violett, also Verkaufsdruck. Ganz rechts im Chart kippt das Bild, das Grün, der Kaufdruck, übernimmt zum ersten Mal seit Langem die Führung.
Und das passiert an einem sehr bestimmten Ort. Der Preis liegt genau auf der sogenannten Kostenbasis dieser kurzfristigen Halter, also ungefähr auf dem Niveau, zu dem sie im Schnitt eingekauft haben. Dass hier, direkt auf dieser Linie, plötzlich die Käufer dominieren, hat es in dieser Form zuletzt bei der Korrektur im Februar gegeben, kurz bevor sich der Markt wieder erholt hat.
Ich bleibe ehrlich, das ist noch keine Entwarnung. Es kann auch eine Bullenfalle sein, wie wir sie schon gesehen haben, ein kurzes Aufflackern, bevor es doch tiefer geht. Aber im Zusammenspiel mit der nachlassenden Verkaufsnachfrage aus dem letzten Abschnitt ist das genau die Art von leiser Bodenbildung, auf die ich achte. Die Verkäufer werden müde, und zum ersten Mal seit Wochen greifen unten wieder Käufer zu.
Fluss · ETF-Zuflüsse
Die Bitcoin-ETFs hatten ihre erste grüne Woche seit Mai
Ein kleiner, aber wichtiger Datenpunkt zur Bestätigung. Die amerikanischen Bitcoin-Spot-ETFs, über die grosse und institutionelle Anleger Bitcoin kaufen, hatten zum ersten Mal seit Mai wieder eine positive Woche. Netto flossen rund 197 Millionen Dollar zu. Das gesamte in den ETFs verwaltete Vermögen liegt bei rund 77,4 Milliarden Dollar.
Man muss das richtig einordnen, und ich will hier nichts schönreden. 197 Millionen sind kein Erdrutsch, und eine einzelne grüne Woche macht noch keinen Trend, gerade nach der langen Serie roter Wochen davor. Es ist ein zartes Signal, kein lautes.
Aber es passt ins Bild dieser Ausgabe. Die schwache Nachfrage bessert sich, der Kaufdruck dreht am Tief, und jetzt kommen auch die ETF-Flows zum ersten Mal seit Monaten wieder auf die grüne Seite. Einzeln ist jedes dieser Signale schwach. Zusammen zeigen sie in dieselbe Richtung, und das ist der Grund, warum ich hier unten nicht mehr bärisch denke, sondern geduldig sammle.
Zyklus · Kapitulation
Das eine Signal, das jeden Bärenmarkt beendet hat, fehlt in diesem Zyklus komplett
Zum Schluss der Chart, der mich am meisten zum Nachdenken bringt, weil er die grosse offene Frage stellt. Er zeigt die Kursgipfel und die Rückgänge über die ganze Bitcoin-Geschichte. Die grünen Zonen sind die Phasen der Euphorie an den Hochs, die roten Zonen die Phasen der Kapitulation an den Tiefs, also die Momente, in denen die letzten entnervten Verkäufer aufgeben. Fast jeder Bärenmarkt der Vergangenheit endete mit genau so einer roten Kapitulationszone.
Und jetzt das Erstaunliche. Obwohl Bitcoin von seinem Allzeithoch bereits rund 50 Prozent gefallen ist, wurde diese historische Kapitulationszone in diesem Zyklus bisher überhaupt nicht ausgelöst. Das übliche Signal, das den Boden markiert, fehlt schlicht.
Das kann man auf zwei Arten lesen, und ich sage dir beide ehrlich. Die eine, freundliche Deutung ist, dass dieser Zyklus dank ETFs und grosser institutioneller Käufer einfach anders verläuft und wir die tiefe Panik gar nicht mehr brauchen, um einen Boden zu bauen.
Die andere, unbequeme Deutung ist, dass dieser finale Ausverkauf noch vor uns liegt und erst kommen muss. Als Anker nach unten hilft ein Blick auf die geschätzten Produktionskosten von Bitcoin, die liegen aktuell bei rund 45'500 Dollar und waren historisch oft ein solider Boden. Ich habe auf diese Frage keine fertige Antwort. Aber sie ist der Grund, warum ich sammle und nicht jage.
Mein Fazit
Fassen wir die Woche zusammen, denn das Bild ist ungewöhnlich klar. Die grosse Liquidität dreht zum ersten Mal seit Langem wieder nach oben, die Fed pumpt still Geld ins System, und das Kapital strömt in Rekordtempo in Risikoanlagen. Nur landet es eben in Tech-Aktien und in Gold, nicht bei uns. Bitcoin ist gerade der Nachzügler, der Markt, der noch draussen steht, während drinnen schon gefeiert wird. Das ist kurzfristig frustrierend, und ich beschönige es nicht.
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